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Das Mittelmeer trockenlegen

Das neue Programm der Geschwister Birkenmeier schüttelt durch: Einfach unbeteiligt sein geht nicht mehr angesichts der aktuellen Weltlage. «Freiheit, Gleichheit, Kopf ab» ist intelligentes Politkabarett.
Martin Preisser
Ohne Fingerabdruck geht nichts: Das Duo Birkenmeier macht in der Kellerbühne strenge Eingangskontrollen. (Bild: Ralph Ribi)

Ohne Fingerabdruck geht nichts: Das Duo Birkenmeier macht in der Kellerbühne strenge Eingangskontrollen. (Bild: Ralph Ribi)

Dass Kabarett mit politischer Botschaft in der Schweiz eher harmlos und ein wenig vorsichtig daherkommt, ist ein Vorurteil, dass man bei den Geschwister Birkenmeier «wie den Mantel an der Garderobe ablegen» muss. Mit den Mänteln ist das sowieso so eine Sache beim neuem Theaterkabarett «Freiheit, Gleichheit, Kopf ab». Und mit der Garderobe in der Kellerbühne funktioniert es an diesem Satire-Abend nicht wirklich. Mehr wird nicht verraten.

Bei den Birkenmeiers legt man nicht nur den Mantel ab, sondern wird gezwungen, einige beharrliche Denkmuster abzulegen. Gründliche Kopfwäsche ist das. Einfach nur zurücklehnen und intelligentes Kabarett hören, weit gefehlt. Was Sibylle und Michael Birkenmeier präsentieren, hat mit jedem von uns zu tun, jegliche Möglichkeit von Unbeteiligtheit fegen sie weg.

Wortwitz zwischen Enthaupten und Behaupten

Nicht nur die Flüchtlinge sind auf der Flucht, sondern wir alle. Verdrängte Vergangenheit komme als Zukunft auf uns zu, sagen die Birkenmeiers und sezieren solche Sätze, bis es wirklich schmerzt vor unmissverständlicher Erkenntnis. «Kopf ab» heissen die beiden letzten Wörter des neuen Programms. Die Birkenmeiers können ihr Publikum messerscharf und bitterböse enthaupten und setzen mit ihren Be-Hauptungen dem Zuschauer am Schluss den Kopf wieder auf. Mit einem Sack voller neuer Nachdenklichkeiten wird man entlassen.

Überall machen die Birkenmeiers Identitätsprobleme aus. Und nicht nur bei der Flüchtlingskrise gehen sie aktuellen Weltfragen ganz auf den Grund. Sicherheit kostet uns Freiheit, Terror ist ein Geschäftsmodell. Solche Thesen bleiben in diesem Theaterkabarett nicht einfach geistreich stehen oder werden auf Pointen abgeklopft, sondern werden variantenreich in die Köpfe des Publikums eingepflanzt, unerbittlich und schauspielerisch wie musikalisch dennoch beschwingt.

Die Birkenmeiers schaffen es, die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufzuheben. Die Themen sind schmerzlich präsent. In diese schmerzliche Tiefe kommen die Kabarettisten durch scheinbar heitere Wortspiele, die nie um ihrer selbst willen ablaufen. Blase – Blasenschwäche und Europa als Inkontinent ist eine solche Schleife. Oder die Demaskierung all der Kompetenz um uns herum. Die Kompetenten werden da zu quakenden Kompet-Enten. Beim Thema Kompetenz fährt Sibylle Birkenmeier zu Höchstform auf, als Professorin, die das Flüchtlingsproblem dadurch zu lösen versucht, dass sie über die Trockenlegung des Mittelmeers nachdenkt.

Auch hier in der Schweiz können wir uns nicht zurücklehnen. «Für jede Patrone ein Patronat» fordern die Birkenmeiers. Das hiesse für ein Rüstungsexportland einige Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Die Schweiz, radikal offen beim Zumachen, die Schweiz ein Kühlregal, was Emotionalität angeht. In der Schweiz, alles in Butter? Auch hier wieder ein Wortspiel, bei dem man im wahrsten Sinne des Wortes dann einiges Fett abkriegt.

Unsere Gefühle werden amputiert

Die Birkenmeiers schauen mit «Freiheit, Gleichheit, Kopf ab» nicht einfach auf die momentanen Brennpunkte, sondern analysieren ganz unmissverständlich, wie die aktuellen Entwicklungen langsam unser aller Gefühle amputieren oder schon amputiert haben. Birkenmeiers Premiere bekommt am Tag 9/11 mit Donald Trumps Wahl nochmals eine beunruhigende Färbung. Ganz im Düsteren entlassen die beiden Basler Kabarettisten ihr Publikum dennoch nicht. Was könnte der Mensch auch noch oder hoffentlich wieder vermehrt sein? Lyrisch, mit Michael Birkenmeier am Klavier in eindringlicher Klarheit, wird das als Frage mit nach Hause gegeben. Den Mantel muss man sich am Schluss des langen Abends dann auf der Bühne abholen.

Nochmals Fr und Sa, je 20 Uhr, Kellerbühne, St. Gallen

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