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Interview

Sting: «Das mit den Songs ist wie Fischen, manchmal beisst einer an.»

Sting hat seine bekanntesten Lieder neu aufgenommen und ist damit auf «Greatest-Hits»-Tour. Ein Gespräch über das Songschreiben, seine langjährige Ehe und sein eher gemächliches Leben neben der Bühne.
Interview: Steffen Rüth
Sting (67): «Mein Leben ist wirklich ein grosses Glück.» (Bild: Steve Jennings/Getty, San Francisco, 26. Oktober 2018)

Sting (67): «Mein Leben ist wirklich ein grosses Glück.» (Bild: Steve Jennings/Getty, San Francisco, 26. Oktober 2018)

Sechs erwachsene Kinder, seit 1982 mit Trudie Styler liiert, Eigentümer von sechs Luxusimmobilien sowie 18 Grammys und viele Millionen schwer. Nun veröffentlicht Sting, der 1977 mit The Police seine Weltkarriere begründete mit «My Songs» seine grössten Hits in neuer Interpretation. Lieder wie «Fields Of Gold», «Brand New Day», «So Lonely» oder «Walking On The Moon» klingen in der Neubearbeitung frisch wie nie, Stings Stimme ist in Hochform, weder sieht noch hört man ihm das Erreichen des Pensionsalters an.

Stimmt es, dass Ihnen die Idee zum Album «My Songs» kam, als Sie Ihr Stück «Brand New Day» für einen Silvesterauftritt am New Yorker Times Square überarbeiteten?

Sting: Ja, das war der Ursprung des Ganzen. Wir hatten so viel Spass mit «Brand New Day», dass ich dachte, womöglich wäre es auch lustig, sich die anderen Songs vorzunehmen und zu sehen, ob wir sie anders oder zeitgemässer machen können als damals. Zweifelsohne klingt meine Stimme heute anders als vor 20, 30 Jahren, sie ist geschmeidiger und reicher strukturiert, hat eine tiefere und facettenreichere Qualität. Auch Aufnahmetechniken haben sich verändert. Mein musikalisches Gefühl ist heute auch ein anderes. Ich sage nicht, die neuen Versionen sind besser oder schlechter als die anderen. Ich sage nur, sie sind anders.

War es leicht, zu jenen Songs zurückzukehren, die Sie zum Teil vor 40 Jahren geschrieben haben?

Ja, denn diese Songs und ich, wir sind uns sehr vertraut.

Ich singe diese Lieder schliesslich Abend für Abend bei der Arbeit. Und ich singe sie leidenschaftlich gern.

Ich bin mir sicher, ich kenne meine Lieder heute besser als früher. Einige der Nummern haben wir kaum verändert, andere recht stark. Immer so, wie es sich richtig und gut anfühlte. Regeln gab es nicht.

Sind Ihre Songs Ihre Freunde?

Mir sind sie jedenfalls alle sehr sympathisch. Wenn du einen neuen Song aufnimmst, ist das der Beginn einer Beziehung, das ist aufregend, aber du weisst noch nicht, wie sich diese Beziehung entwickeln wird. Eine Beziehung, die über viele Jahre besteht, ist etwas ganz anderes. Da ist mehr Wissen, tatsächlich auch mehr Liebe, aufrichtige, tiefe Liebe. Und nicht mehr nur ein blosses Hingerissensein.

Sting und seine Frau Trudie Styler . (Bild: AP)

Sting und seine Frau Trudie Styler . (Bild: AP)

Sie würden die Zuneigung zu Ihrer Musik mit der Liebe zu Ihrer Frau gleichsetzen?

Ich will den Vergleich nicht überstrapazieren, aber es gibt durchaus Parallelen. Ich nehme meine Songs sehr ernst, ich behandle sie gut und beschäftige mich intensiv mit ihnen. Ich mag die. Meine Frau ist natürlich ein lebender, atmender Organismus, von daher: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen meinen Liedern und meiner Frau, würde ich immer Trudie wählen.

Ich liebe sie immer noch sehr und bin stolz auf unsere lange Ehe.

Ist Ihre Liebe auch mit den Jahren gewachsen?

Kann Liebe wachsen? Ich denke, sie reift und wird dadurch in gewissem Sinne stabiler. Aber auch durch eine schon seit langem funktionierende Beziehung kannst du nicht einfach gedankenlos hindurchnavigieren und sagen «Ist ja alles super».

Jeder Tag in einer Ehe bringt neue Verhandlungen mit sich. Das Fundament einer Ehe sind Kompromisse.

Manchmal sind diese Kompromisse schwer zu finden, aber ich finde, die Anstrengung, sich immer wieder in der Mitte zu treffen, ist eine lohnende.

Haben Sie eigentlich ständig neue Songideen im Kopf?

Oh nein, das wäre schön. Das mit den Songs ist wie Angeln. Manchmal beisst einer an, manchmal nicht. Wichtig ist nur, dass du immer schön nah am Fluss sitzen bleibst, also offen und bereit bist, wenn dir die Inspiration begegnet. Meist schreibe ich einfach über das, was mir gerade passiert oder was ich sehe. Ich wünschte, es gäbe irgendwo einen Knopf, den ich drücken könnte, damit die Ideen strömen. Aber der Knopf verändert ständig Form und Farbe, ich finde ihn nur selten.

Ein paar passende Knöpfe haben Sie zweifellos gedrückt.

Ja, aber es gibt keine Garantie. Jedes Mal, wenn ich einen Song fertiggestellt habe, frage ich mich, ob es wohl der letzte war. Denn es könnte ja wirklich sein.

Im Ernst?

Ja, natürlich. So ticke ich ohnehin. Ich frage mich auch bei jeder Mahlzeit, ob es wohl die letzte sein könnte. Das Zusammenspiel von Leben und Tod fasziniert mich. Und daraus folgt: Geniesse, was du hast. Solange du es hast.

Eine gute Philosophie, um durchs Leben zu kommen?

Aus meiner Erfahrung ja. Aber ich habe dieses Konzept natürlich nicht erfunden. Das waren die Stoiker aus dem alten Griechenland.

Sind Sie selbst ein Stoiker?

Definitiv. In meinem Beruf kannst du leicht süchtig werden nach den Extremen. Vielen bekommt das nicht gut, denn psychologisch ist das wirklich gefährlich. So viele meiner Kollegen haben nicht überlebt, weil sie das Drama in ihrem Leben nicht mehr ausgehalten haben. Ich bevorzuge – innerhalb meiner anspruchsvollen, häufig hektischen Arbeit – ein ruhiges, gemächliches Leben.

«67 ist ein gutes Alter. Du hast die
Weisheit und auch immer noch die Wildheit.»

Haben Sie vor irgendetwas Angst?

Ja, eindeutig. Ich bin mutig, aber selbst die mutigsten Menschen haben Ängste. Ich zum Beispiel fürchte mich vor Bären und Drachen. Obwohl ich weder das eine noch das andere bisher gesehen habe.

Und im Ernst?

Vor dem Klimawandel. Der ist gefährlicher als alle Bären zusammen.

Die Jugendlichen gehen jetzt dagegen auf die Strasse.

Die Jugend macht was, aber die Politiker nicht. Die scheinen sich alle mehr darum zu sorgen, an der Macht zu bleiben, als etwas gegen die grösste existenzielle Krise zu unternehmen, die wir auf diesem Planeten jemals hatten. Solange die Politiker das alles ignorieren und aussitzen, können wir wenig tun. Ich kann letztlich nur an die Menschen appellieren, für jene Politiker zu stimmen, die das Problem angehen, anstatt bloss dummes Zeug zu reden.

Sie spielten vor drei Jahren das erste Konzert im Pariser Bataclan nach der Wiedereröffnung. Und auch die aktuelle Tournee hat in Paris begonnen. Hat die Stadt eine besondere Bedeutung für Sie?

Paris hat mich immer sehr stark stimuliert. Ich liebe diese Stadt, sie ist einfach unfassbar schön.

Ausserdem kenne ich keinen romantischeren Ort als Paris.

Haben Sie Sympathie für die Gelbwesten? Braucht Europa so etwas wie eine Revolution?

Ich kann nachvollziehen, worum es den Demonstranten geht. Aber ich teile ihre Ansichten und ihr Vorgehen nicht. Und um das nochmal klarzustellen: Ich bin kein Milliardär (lacht).

Kann man Ihre Sommertournee als «Greatest Hits»-Tour bezeichnen?

Och, warum nicht? Ich kann mich doch glücklich schätzen, überhaupt so viele Hits zu haben. Deutlich mehr als einen. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Viele Musiker haben ja nur einen einzigen Hit. Oder sogar gar keinen.

Sie arbeiten unermüdlich, und touren um die Welt. Wie halten Sie die Balance zwischen Arbeit und Freizeit?

Wissen Sie, jemand, der in einem Kohlebergwerk arbeitet, würde sich meine Tätigkeit anschauen und sagen «Das ist doch keine Arbeit! Er singt ja nur und spielt ein bisschen Gitarre.» Das trifft es nicht ganz, es ist schon harte Arbeit, aber es ist keine Arbeit, die meine Seele zerstört, sondern meine Seele nährt.

Ich bin mir meines Privilegs bewusst. Mein Leben ist wirklich ein grosses Glück.

Album «My Songs»
Live 28. Juni, Montreux Jazz Festival

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