Lucerne Festival macht sogar Stars alltäglich

In der Klassik ist heute alles erlaubt. Das Lucerne Festival zeigte es am ersten Wochenende auf allen Kanälen.

Urs Mattenberger
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Pianist Denis Matsuev spielt Sergej Rachmaninows drittes Klavierkonzert. Riccardo Chailly dirigiert das Lucerne Festival Orchestra. (Bild: Lucerne Festival)

Pianist Denis Matsuev spielt Sergej Rachmaninows drittes Klavierkonzert. Riccardo Chailly dirigiert das Lucerne Festival Orchestra. (Bild: Lucerne Festival)

Für einmal ist in einem Konzert des Lucerne Festivals im Konzertsaal des KKL Luzern «alles erlaubt». Bühne und Orgelempore sind zwar mit einem Chor und Orchester mit 160 Mitwirkenden besetzt. Und doch hebt sich der Auftakt zum ersten Wochenende des Sommer-Festivals ab von der steifen Etikette des klassischen Konzertrituals. «Dies ist kein Konzert, sondern eine ‹Celebraciòn› der Jugend und der Musik», ruft die Moderatorin in den Saal. Sie begleitet in temperamentvollem Spanisch und Deutsch die Darbietungen der Jugendlichen aus der Schweiz, aus Peru und Österreich, die im Music Camp des Festivals dieses Programm einstudiert haben.

«Alles ist erlaubt» – das ist eine Aufforderung zum Tanz zu den Volksmusikeinlagen mit Chor. Zu den peruanischen Mambos drehen die Musiker im Orchester Karussell und tanzt und klatscht das zahlreiche Publikum fröhlich zwischen den Stuhlreihen mit.

Ein Star verändert Tausende von Leben

Das Beispiel zeigt, dass Lucerne Festival dieses Jahr auf allen Kanälen startet, die Klassikfestivals heute bespielen. Das Music Camp steht für die Öffnung hin zur Jugend und zu einem breiteren Publikum. Das Eröffnungskonzert des Lucerne Festival Orchestra vom Freitag, das am Samstag mit verändertem Programm wiederholt wurde, steht für den Qualitätsanspruch, mit dem Lucerne Festival nicht nur der Grösse nach die führende Rolle unter den Schweizer Klassikfestivals beansprucht. Das erste Late Night mit Composer in Residence Thomas Kessler stand für die Moderne, die in Luzern auch mit der Festival-Academy einen hohen Stellenwert einnimmt.

Auch die für die Festivals wichtigen Stars bespielen heute viele Kanäle. Das Beispiel dafür bot am Music-Camp-Konzert der Startenor Juan Diego Flórez als Überraschungsgast. Der Peruaner, aus dessen sozialem Musiknetzwerk die südamerikanischen Camp-Teilnehmer stammten, liess sich zur Aussage hinreissen, das Projekt Sinfonía por el Peru sei ihm wichtiger als seine eigene Karriere: «Weil ich da Tausenden von Jugendlichen musikalische und soziale Erfahrungen ermöglichen kann, die ihr Leben verändern.»

Wenn man abends durch Luzern ins KKL schlenderte, wehten vom Pontonierfest an der Reuss Ländlerklänge herüber und rockte die Band «Alles Paletti» ein Strassenfest mit ihren Latin-Rhythmen. So nah war Lucerne Festival mit seinem Music Camp an der Alltagsrealität, aus der einen das zweite Konzert des Lucerne Festival Orchestra im KKL herauskatapultierte.

Hier war alles unalltäglich. Zunächst Sergej Rachmaninows drittes Klavierkonzert, das Bundesrat Guy Parmelin in seinem Grusswort zum «Macht»-Thema des Festivals treffend «als pure Machtdemonstration des Pianisten» Rachmaninow charakterisiert hatte. Zweitens der für seine Virtuosenpranke berühmte Solist: Denis Matsuev liess wiederum lyrischen Passagen Raum und sich von Riccardo Chailly in ein Zusammenspiel einbinden, das selbst im fulminant gezündeten Finale nicht bombastisch überbordete.

Das dritte Ereignis war damit das Lucerne Festival Orchestra selbst – stärker noch als im Eröffnungskonzert, wo es mit Rachmaninows modern geschärfter dritter Sinfonie quasi den Weg zu Schostakowitsch wies. Am Samstag stand stattdessen Tschaikowskys vierte Sinfonie auf dem Programm, die stärker in der von Abbado begründeten spätromantischen Tradition des prominent zusammengesetzten Projektorchesters liegt.

Hier bestätigten sich die Qualitäten, die es berühmt gemacht haben. Der intensive, wie unter dem Brennglas gebündelte oder zum luftigen Schleier verflüchtigte Klang der Violinen, das kantable Muskelspiel der Bässe, das blitzblank agierende Blech, die frei atmenden Soli der Holzbläser, Pianissimowunder knapp an der Hörgrenze: Die Wiedergabe zeigte, wie Riccardo Chailly das Erbe von Abbado mit energischer Sogkraft zu einer neuen, bei aller Klangkraft immer konturenscharfen Qualität bündelt und den Exklusivitätsanspruch des Orchesters auf neue Weise einlöst.

Das anschliessende Late Night im Luzerner Saal bot zu solcher Überwältigungsromantik einen überraschenden Bezug. Denn Kesslers Streichquartett nahm da ein wie von fern hereingewehtes Schumann-Zitat zum Ausgangspunkt und überlagerte akustische und live-elektronische Klänge bis zur Auflösung und zur Romantikreminiszenz ganz am Schluss.

Late Night bietet den erwarteten Gegensatz

Damit bot Late Night auch den erwarteten Gegensatz. In Kesslers «NGH WHT» für den Slam-Poeten Saul Williams als Sprecher und Streichquartett bestätigte sich, dass der Komponist den gesellschaftskritischen Text von Williams nicht «verkünstelt» hat: Das Streichquartett passt sich dem vielfältig variierten Sprachrhythmus des Slam-Poeten mit hartem Staccato, melodisch-weichen Rhythmen und Klängen an, die sich wie eine elastische Haut um die Wortkaskaden des Sprechers spannen.

In seinem Solo bildete der Slam-Poet – mit Sonnenbrille und ganz in Schwarz – den Weltbewusstseinsstrom, den er inhaltlich thematisierte, auch formal ab: In einem subtil differenzierten Rap-Parlando, das den Rezitativpassagen in Florez Gesangseinlagen am Morgen verblüffend nahe stand. Damit bot dieses Wochenende auch schon ein Beispiel für den Beziehungszauber, den nur Festivals bieten.