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Das Leiden der Chöre: «Wer sich nicht anpasst, geht unter»

Es klingt spiessig, rückständig, aus der Zeit gefallen: Singen im Chor scheint nicht mehr attraktiv. Gesangsvereine leiden unter Nachwuchsmangel. Der Gossauer Erwin Schwizer, begeisterter Männerchorsänger, will das ändern.
Julia Nehmiz
Erwin Schwizer will Präsident des St. Galler Kantonal-Gesangsverbands werden. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Erwin Schwizer will Präsident des St. Galler Kantonal-Gesangsverbands werden. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Erwin Schwizer fährt in die Ferien, aber immer erst mittwochs. Denn dienstags ist Chorprobe des Männerchors Gossau, und die will er nicht verpassen. Seit sechs Jahren singt Schwizer im Chor. «Singen ist für mich die Seele des Menschen», sagt er. Auch wenn er völlig am Boden sei, eigentlich gar nicht zur Probe wolle, nach zehn Minuten singen sei er nicht mehr zu bremsen. «Singen ist Lebenselixier, singen ist wie Medizin für mich.»

Es nicht nur seine Begeisterung für den Chorgesang, die ihn jetzt noch aktiver werden lässt. Er sei schon immer ein Vereinsheini gewesen, sagt er und grinst. Er mag sich nicht so wichtig nehmen. Es locke ihn, etwas zu bewegen. Und im Chorwesen gibt es viel zu bewegen. Deswegen will sich Erwin Schwizer, 69, Wahl-Gossauer, seit 2016 im Vorstand des St. Galler Kantonal-Gesangsverbands, an der nächsten Delegiertenversammlung zu dessen Präsidenten wählen lassen.

«Ich bin eigentlich ein Depp», sagt Schwizer. Er, der zweitälteste im Vorstand, als Präsident. Dessen dringlichste Aufgabe es sein wird, den Verband zu verjüngen. Den Chören zu helfen, mehr Mitglieder zu bekommen. Mehr jüngere Mitglieder vor allem. Er wolle den Verband nicht hängen lassen, sie haben keinen Jüngeren gefunden, sagt Schwizer. Und: er habe viele Ideen, es reize ihn, die scheinbar unlösbare Aufgabe anzupacken.

Klassische Chöre darben, Projektchöre boomen

Singen ist nicht mehr in. Früher hatte jedes Dorf zwei Gesangsvereine. Doch viele haben den Sprung in die Moderne nicht geschafft. «Der Wattwiler Frauenchor mit wirklich gutem Gesang hat es verpasst, für Nachwuchs zu schauen», sagt Schwizer. Der Chor löste sich auf. Was hingegen boomt: Projektchöre. Für ein Projekt gegründet, kurze intensive Probenphase, keine Vereinsverpflichtungen, keine jahrelangen wöchentlichen Proben.

Genau das aber, die wöchentlichen Proben, das Gesellige, das Verbindliche, schätzen die 80 Sänger des Gossauer Männerchors. Dieser sei der grösste Männerchor der Ostschweiz, und gesund. Mit gesund meint Schwizer: Das Durchschnittsalter liegt bei 58, immer wieder stossen neue Sänger dazu. Der jüngste ist 26, der älteste 88.

«Bei uns darf jeder mitmachen, auch wenn er zu Beginn keinen Ton rausbringt.»

In der Pause trinkt man Bier, Wein, Mineral, nach der Probe gehen sie in Grüppchen in vier Gossauer Restaurants – kein Restaurant ist gross genug für alle Sänger. Aber auch hier gelte: Keiner muss, wer mag, der kann.

Am ersten Dienstag in den Frühlingsferien mögen nicht ganz so viele. 56 Männer stehen im Halbkreis um ihre Dirigentin. Auf Kommando falten sie die Hände, fassen sich überkreuz an Nase und Ohr, beugen Ellbogen zum Knie. Es ist rührend, mit welcher Ernsthaftigkeit sie das Aufwärmtraining absolvieren. Sie summen, schütteln die Beine aus, singen «blüh blüh blüh» im Dreiklang rauf und runter.

Es gibt kein Patentrezept, um Chöre zu verjüngen

Ein Patentrezept, um andere Chöre zu verjüngen, hat Erwin Schwizer nicht. Doch viele Ideen. Verraten will er sie nicht, erst soll der neue Vorstand an einem viertägigen Workshop diskutieren, Konzepte erarbeiten. Was ihm als Präsident wichtig sei: die Chöre besuchen, fragen, was der Verband besser machen kann. Doch alle Probleme könne der nicht lösen:

«Wenn sich ein Chor nicht der Zeit anpassen will, dann ist der Untergang so klar wie das Amen in der Kirche.»

In Gossau gibt die Dirigentin mit der Stimmgabel die Töne vor. Ihre Männer stimmen das schottische Volkslied«Loch Lomond» an. Der vierstimmige Gesang entwickelt Kraft, die Solisten legen sich auf das Klangbett des Chors, der Gemeindesaal voll Musik, Gefühl, Sehnsucht, als ginge vor den Fenstern die Sonne über Schottland unter und nicht über Gossau. Und man versteht, was Erwin Schwizer mit Medizin meinte.

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