Das Leben ins Gebet genommen

Weltliche Andacht: Mit «Rosenkranz» setzt die Tanzkompanie des Theaters St. Gallen ihre Festspieltrilogie im Dom suggestiv fort. Starke Wirkung geht in Cathy Marstons Stück von der Musik für Saxophonquartett und Orgel aus.

Bettina Kugler
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Wenn die Form Halt gibt: Lorin Mader und Emily Pak im Tanzstück «Rosenkranz» in der Kathedrale. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Wenn die Form Halt gibt: Lorin Mader und Emily Pak im Tanzstück «Rosenkranz» in der Kathedrale. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

ST. GALLEN. Ewig rätselhaft leuchtet ihre Schönheit in der Gedichtzeile Gertrude Steins. «Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose» – muss man mehr über ihr Wesen und ihre Bedeutung sagen? Verschwiegenheit im Zeichen der Rose: Damit eröffnete die Tanzkompanie des Theaters St. Gallen im Festspielsommer 2015 einen dreiteiligen Zyklus in der Kathedrale. Inspirationsquelle war zunächst das Rosensymbol im Schnitzwerk von Beichtstühlen; «Schweigerose» hiess der erste Teil, choreographiert von Jonathan Lunn.

Grosser spiritueller Spielraum

Das zweite Stück, «Rosenkranz», nimmt diese Zeichenhaftigkeit auf und meditiert sie weiter, meist beweglich fliessend, aber auch in ruhigen Momenten des Schauens und Innehaltens oder des instrumentalen Gesangs. Zu Beginn etwa, wenn sich die Türen des Chorgitters langsam öffnen und Jan Schulte-Bunerts Sopransaxophon noch den verborgensten Stuckschnörkel und Engelsflügel ausleuchtet.

Diesmal sind es die Mysterien des Rosenkranzes – freudenreich, lichtreich, schmerzhaft, glorreich –, die dem Stück Inhalt und Struktur geben, wenn auch in einer keineswegs streng religiösen Lesart von Geburt, Leben, Tod und Auferstehung Jesu. Buchstäblich verknüpft erscheinen sie in der Perlenkette, die Betende durch die Finger gleiten lassen; die Musik in «Rosenkranz» übernimmt den Rhythmus der tradierten Andachtsform, gleichförmige Wiederholung und Betrachtung. Ein spiritueller Spielraum, der dem Tanz viel Freiheit lässt.

Mystik und Minimalmuster

Für die Choreographie zeichnet die Engländerin Cathy Marston verantwortlich, zwischen 2007 und 2013 Leiterin des Bern Ballett. Doch wie fast immer haben die Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie das Stück mitentwickelt, ihre eigenen Geschichten und Persönlichkeiten in den kreativen Prozess eingebracht, ihre tänzerische Rolle in der Gruppe und in Soloauftritten gefunden – auch wenn sie einander auf den ersten Blick ähneln. Die Frauen tragen Kleider oder weich fallenden Hosen in seidig schimmernden Blau-, Grau- und Petroltönen, die Männer Hemden und Hosen in Schwarz und dezentem Blau (Kostüme: Marion Steiner).

Vier Sätze aus Heinrich Ignaz Franz Bibers barocken «Rosenkranz-Sonaten» hat Christoph Enzel für sich und die Mitmusiker des Saxophonquartetts Clair-obscur zu «Soundscapes» umgeschrieben, Meditationen der Seele auf ihrem Weg durchs Dasein. Und so sieht man die Tänzerin Cecilia Wretemark immer wieder leise murmelnd am Rande der getanzten Szenen stehen oder kauern. Diese Szenen zwischen den expressiven Solo-«Soundscapes» zu einer (Heils-)Geschichte zu fügen ist möglich, aber nicht zwingend. Denn die Geschichten sind ohnehin schon da. Wohin das Auge reicht in der tagsüber lichtdurchfluteten, nun atmosphärisch ausgeleuchteten Kathedrale (Licht: Andreas Enzler), erzählen die Bilder und Deckengemälde vom Leben Jesu und der Heiligen.

Von Verkündigung bis Echo

Cathy Marston tut gut daran, dieses Bildprogramm nur sehr behutsam in «Rosenkranz» aufscheinen zu lassen, es vielschichtig menschlich zu interpretieren. Das macht ihr knapp einstündiges Stück, wie 2015 auf und zwischen zwei Podesten vor dem Altar getanzt, umso intensiver und glaubwürdiger.

Da gibt es im ersten Teil, nach dem hellen Präludium in Anlehnung an Bibers «Verkündigungs-Sonate» Nr. 1, weich fliessende Bewegungen. Geschmeidig biegen sich die Oberkörper der Tänzerinnen nach hinten, verschränkte Arme deuten ein sanftes Wiegen an; die Sätze aus zwei Quartetten von Philipp Glass werden zu einer grossen Umarmung in Ewigkeitsschleifen. In starkem Kontrast dazu steht der angriffige Mittelteil, getanzt zu Christian Biegais treibendem «Quartet» (1974).

Beharrlich motorisch

Überhaupt erweist es sich als kluge Strategie, die erzählenden Partien des Stücks, Geburt, Wirken, Ausgrenzung, Leiden und Tod, der beharrlichen Motorik der Minimal Music anzuvertrauen – respektive ihrer schmerzvollen Zerdehnung in Arvo Pärts Trauerode «Pari Intervallo» für Orgel (Willibald Guggenmos). Zum einen entsprechen die suggestiven Patterns dem Prinzip der Wiederholung im Gebet. Zum anderen hält das Stück sich damit in sicherer Distanz von pseudoreligiösem Kitsch.

Eine intime Szene mag beispielhaft stehen für die Haltung, in der sich die Tanzkompanie in das Thema versenkt hat: Wenn Emiliy Pak sich mit geschlossenen Augen tragen und führen lässt. In stiller Anmut die Balance hält. Aufrecht steht wie die Rose.

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