Das Leben, ein Karneval

Und am Ende ist alles aus. Stefan Herheim macht aus Jacques Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» an den Bregenzer Festspielen eine bunte Revue über die Eitelkeiten des Menschen. Das Publikum ist aus dem Häuschen.

Rolf App
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Ja, da geht schon mal die Post ab. Der Erfinder Spalanzani (Bengt-Ola Morgny) führt der aufgeregten Gesellschaft seine Puppe Olympia (Kerstin Avemo) vor. (Bild: Karl Forster)

Ja, da geht schon mal die Post ab. Der Erfinder Spalanzani (Bengt-Ola Morgny) führt der aufgeregten Gesellschaft seine Puppe Olympia (Kerstin Avemo) vor. (Bild: Karl Forster)

Auf der Treppe liegt ein Transvestit. Er versucht aufzustehen, schreit, übergibt sich, während rund um ihn herum die Geister des Bieres und des Weins ihr «gluck, gluck» singen. So beginnt das Stück. Jemand im Publikum empört sich. Es ist Stadtrat Lindorf. Bald schon wird er selber auf der Bühne des Bregenzer Festspielhauses stehen. Der Zuschauerraum ist sein Rückzugsort, wenn er nicht grade als Blondine eine Tote beschwört.

Doch davon später mehr. Jacques Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» haben Stefan Herheims Phantasie am zweiten Tag der Bregenzer Festspiele derart in Brand gesetzt, dass es schon bald kein Halten mehr gibt – samt Pause dreieinviertel Stunden lang, die viertelstündige technische Störung bei der Premiere am Donnerstagabend nicht eingerechnet. Trotz dieser Überlänge überschüttet das Publikum ihn und die Darsteller am Ende mit heftigstem Applaus.

Auf der Showtreppe

Herheims Parforceritt muss nicht erstaunen. Denn zum einen strotzt das Werk von E.T.A. Hoffmann, des zur Hauptfigur avancierten Dichters der Romantik, nur so vor Ausgeburten wilder, auch durchaus bedrohlicher Träume, aus denen man am Theater unendlich viel machen kann. Zumal mit den Möglichkeiten modernster Technik. Christof Hetzer hat denn auch eine Bühne entworfen, die mal Showtreppe, mal gruselige Unterwelt, mal gemütliches Kellerlokal und mal Lagune ist, und auf deren Deckenschirm die von «fettFilm» entwickelten Videosequenzen ihr eigenes Leben zu entwickeln beginnen.

Und zum andern ist Offenbachs Oper selber ein Irrgarten, in dem man sich lustvoll verirren kann. Und an dem das Publikum seit der Uraufführung 1881 seine niemals erlahmende Freude hat. Was natürlich auch mit dieser suggestiven, unerhört leichten und in vielen Farben schillernden Musik zu tun hat.

Ein Steinbruch an Notizen

Bei seinem Tod 1880 hinterlässt Offenbach «ein riesiges, unübersichtliches Konvolut zum Teil mehrfach komponierter Nummern, das die Oper bis zum vierten, dem Giulietta-Akt und zum Teil darüber hinaus dokumentiert», fasst Peter Hawig in seiner Übersicht über die «Legenden, Malheure und Glücksfälle einer misshandelten Oper» zusammen. Etwa zwei Drittel der Rezitative fehlen, und: «Wahr ist ausserdem, dass Offenbach seine Werke immer erst unter den Bedingungen der eigentlichen Probenarbeit fertigstellte, manchmal gar erst nach den Erfahrungen der Premiere.»

Und schliesslich: Offenbachs Verleger habe die Oper zwischen 1881 und 1910 in sieben Klavierauszügen, fünf Textbüchern und zwei Partituren samt Orchestermaterial dokumentiert, «die sich allesamt untereinander widersprachen».

So haben Hoffmanns Liebeswirren in den Schicksalen dieser Oper ihre Fortsetzung gefunden. Was natürlich einem Regisseur wie Stefan Herheim ein weites Betätigungsfeld eröffnet.

Hoffmann, der Verliebte

Stoff genug bietet diese Geschichte, die tief in eitle Seelen blickt und eine – schon damals – Glamour-süchtige Gesellschaft durch den Kakao zieht: Hoffmann ist unsterblich in die schöne Sängerin Stella verliebt, doch Lindorf fängt einen Brief von ihr ab samt Schlüssel zu ihrer Garderobe. In Unkenntnis ihrer Avancen versinkt der Dichter melancholisch im Alkohol. Statt seiner Liebsten nachzustellen, erzählt er in der Schenke von seinen unglücklichen Liebesabenteuern mit der Puppe Olympia, mit der Sängerin Antonia und mit der Prostituierten Giulietta.

Karikatur der Gesellschaft

Hoffmanns Muse (Rachel Frenkel) übrigens ist sein Scheitern durchaus Recht: Ein Dichter soll dichten, nicht lieben. Und Hoffmanns von Akt zu Akt wechselnden dämonische Gegenspieler Lindorf, Coppélius, Miracle und Dappertutto tun sowieso alles, um jedes Glück im Keime zu ersticken.

Herheim nun formt aus dem Kaleidoskop der Szenen das Bild einer Gesellschaft, die selber so künstlich ist wie die künstliche Puppe Olympia – in ihren ruckartigen Bewegungen glänzend gespielt von einer stimmlich formidablen Kerstin Avemo. Deren Mitglieder wie die Sängerin Antonia (Mandy Friedrich) an ihrem eigenen Ehrgeiz zugrunde gehen. Und die sich gerne von irgendwelchen Quacksalbern etwas vormachen lässt.

Was ist da noch Liebe, was ist Leben? Im vierten, dem Giulietta-Akt, beginnt Hoffmanns Identität sich zu verlieren, und Giulietta taucht in dreierlei Gestalt auf. Daniel Johansson spielt den Hoffmann in zunehmender Verwirrtheit, dann und wann wird der lebendige Mensch gegen eine Puppe ausgetauscht.

Nicht nur er, die ganze Welt will betrogen, ja richtig gehend betäubt sein. Nichts ist in dieser Inszenierung, was es zu sein scheint. Männer in Damenunterwäsche, die schöne Stella als herunter gekommener Transvestit (Pär Karlsson), eine Gesellschaft ausser Rand und Band, die getrieben wird von dem, was Herheim im Giulietta-Akt eindringlich zeigt mit einem Venedig, in dessen Kanälen die Särge zirkulieren – der Angst vor dem Tod. Denn irgendwann ist alles aus.

Michael Volles viele Rollen

Regie in diesem Karneval der Eitelkeiten führt einer, von dem tatsächlich eine magische Aura ausgeht: Michael Volle ist in seiner Fünffach-Rolle als Lindorf, Coppélius, Miracle, Dappertutto, Luther stimmlich unglaublich präsent und schauspielerisch so in seinem Element, dass er in der Miracle-Szene als kräftige Blondine das Publikum gleich mit-beschwört.

Wie ein leichtfüssiger Scherz taucht Christophe Mortagne als Jacques Offenbach selber samt Cellokasten auf – und schlüpft in die Rollen von Andrès, Cochenille und Frantz.