Das Leben, die Liebe, der Tod

Zwölf neue Werke von David Philip Hefti, dreimal Schuberts «Winterreise», dazu sein «Forellenquintett», Bissiges von Richard Strauss und vieles mehr: Die Ittinger Pfingstkonzerte hinterlassen vielerlei Eindrücke.

Rolf App
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Gespannte Blicke auf Schuberts verjazzte «Winterreise». (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Gespannte Blicke auf Schuberts verjazzte «Winterreise». (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Oliver Schnyders rote Schuhe. Festlich fangen sie an, und bei strömendem Regen. Viel Wetterglück haben die Ittinger Pfingstkonzerte dieses Jahr nicht, gleichwohl geht von diesem Ort bei Frauenfeld eine besondere Strahlkraft aus. Zur Eröffnung wirft sich die Gesellschaft in Schale, man sieht schicke Kostüme, edle Anzüge, bunte Schals. Und ein Paar rote Schuhe. Es gehört dem Pianisten Oliver Schnyder, der als künstlerischer Leiter für jene roten Fäden verantwortlich zeichnet, die sich durch die insgesamt acht Konzerte ziehen. «Farbe bekennen» heisst das von ihn gewählt Motto. Und: «Gone too far?» Kann man auch zu weit gehen, im Leben oder in der Kunst? Man wird sehen.

Alain Claude Sulzer und die Steinzeit. Ihm zur Seite der Schriftsteller Alain Claude Sulzer, der diesen ersten Abend eröffnet mit einem Blick zurück in die Steinzeit, als die Menschen wohl schon ihren Träumen nachgehangen sind. Auch die Töne haben sie gekannt. Sie haben gesungen und aus Knochen und Fell ihre ersten Instrumente gebastelt. So haben sie dem rein Zweckgerichteten die Phantasie zur Seite gestellt.

Ein Strauss an Überraschungen. Dann geht es los, festlich und hell. Mit Johann Sebastian Bachs Violinkonzert E-Dur, mit Joseph Haydns Klavierkonzert D-Dur, am Ende dann mit Felix Mendelssohns Doppelkonzert in d-Moll. Mit der Camerata Bern, und mit der Geigerin Antje Weithaas und Oliver Schnyder als Solisten, die sich Satz für Satz in eine wahre Spielfreude steigern. In all dies eingestreut ein paar schöne Überraschungen. Der aus St. Gallen stammende Komponist David Philip Hefti dirigiert sein Mahler nachempfundenes (und seiner Frau gewidmetes) Adagietto, Philipp Jundt spielt auf der Querflöte in diesem und den folgenden Konzerten die zwölf Fantasien von Georg Philipp Telemann und verknüpft sie mit dazu komponierten Kommentaren Heftis. Auch Oliver Schnyder bekennt bei Haydn spielend Farbe – mit einer Kadenz des Jazzmusikers Daniel Schnyder.

Schubert betritt das Feld. Dann rollt sich mit Franz Schuberts «Winterreise» der nächste rote Faden ab. Der Tenor Daniel Behle präsentiert am zweiten Tag mit dem Oliver Schnyder Trio eine von ihm komponierte, raffiniert mit Querverweisen gespickte Fassung des Liederzyklus für Klaviertrio, am Sonntagnachmittag dann singt Christoph Prégardien das Original – zum hundertundeinten Mal, wie er gegenüber Alain Claude Sulzer erklärt.

Eine existenzielle Erfahrung. Trotz dieser beeindruckenden Zahl: Zu dicht hintereinander dürfe er die «Winterreise» nicht singen, sagt Christoph Prégardien. Denn sie bedeute eine existenzielle Erfahrung: «Man muss sich als Sänger bei Schubert gewissermassen ausziehen, andernfalls bleibt man auf halber Strecke stehen. Schon jetzt weiss ich deshalb, dass ich morgen keinen guten Tag haben werde.»

Wilhelm Müllers Gedichtzyklus über einen Ausgestossenen, den eine gescheiterte Liebe aus der Bahn wirft und der sich gegen Ende hin auf einem Totenacker wiederfindet, hat nicht nur Franz Schubert rasch in seinen Bann geschlagen. Er tut es noch heute. Wie Prégardien die lichten Gefilde hinter sich lässt, sich im drittletzten Lied («Mut») ein letztes Mal aufbäumt und im zweitletzten («Die Nebensonnen») dem Dunkel nähert, das ergreift nicht nur ihn und den achtsam auftretenden Pianisten Ulrich Koella. Sondern auch seine Zuhörerinnen und Zuhörer, die Prégardien beinahe atemlos folgen.

Schubert verteidigt sich. Als Schubert die «Winterreise» seinen Freunden vorspielt, sagt einer, es habe ihm nur ein Lied gefallen, «Der Lindenbaum». Franz Schubert antwortet: «Mit gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen.» Die Sängerin Lia Pale zitiert den Satz am Abend auf einer verwandelten Bühne. Der Pianist und Arrangeur Mathias Rüegg hat sich mit dem Saxophonisten Fabian Rucker, dem Bassisten Hans Strasser und der Perkussionistin Ingrid Oberkanins in der Remise installiert. Lia Pale aber beweist mit ihrer warmen, ausdrucksstarken Stimme, dass auch eine elegant swingende, von Saxophon- und Schlagzeugsoli aufgewühlte «Winterreise» nichts an Tiefe und Kraft einbüsst. Denn noch immer geht es um «das Leben, die Liebe, den Tod», wie Lia Pale sagt. Und noch immer ist es eine menschliche Stimme, die hier in aller Eindringlichkeit zu uns spricht.

Strauss und die Schröpfer. Die Macht der Musik, sie behauptet sich sogar gegen ihre «Schröpfer». Gegen die Verleger, die ein Geschäft mit der Kunst machen, und denen Richard Strauss 1918 seinen bissigen «Krämerspiegel» auf Gedichte Alfred Kerrs entgegengestellt hat. Daniel Behle singt ihn mit Lust. «Sie dürfen auch lachen», sagt er zum Publikum. Oliver Schnyder aber beendet den anspielungsreichen Klavierpart mit jener Passage, die 1942 als «Mondscheinmusik» Eingang findet in Straussens letzte Oper «Capriccio». Und plötzlich ist, nach all dem Spott, ein Zauber da.

Muss man auch heute, wie damals, um die Musik fürchten? Das soll eine Diskussionsrunde klären, in der die Musikkritikerin Eleonore Büning gleich abwiegelt. Das Klassikpublikum sei grösser denn je, auch Uraufführungen seien häufig. Allerdings, fügt Hans-Georg Hofmann vom Sinfonieorchester Basel hinzu, «landen sie danach allzu oft in der Schublade».

Die letzte Überraschung. Mit dem Endellion-Quartett, Käthi Steuri am Kontrabass und Schuberts wundervoll stimmig musiziertem «Forellenquintett» klingen die vier Tage aus. Und mit jenen Liedern, in denen Schubert das Wasser besingt. Federleicht schwingt sich Regula Mühlemanns Sopran in die Höhe, und mit dem Hornisten Konstantin Timokhine findet sich sogar ein Überraschungsgast ein.

«Sie dürfen auch lachen», rät der Tenor Daniel Behle. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

«Sie dürfen auch lachen», rät der Tenor Daniel Behle. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Philipp Jundt verknüpft Telemann mit Hefti. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Philipp Jundt verknüpft Telemann mit Hefti. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Mit der Wärme von Lia Pales Stimme und der Kraft von Fabian Ruckers Saxophon: Auch in Mathias Rüeggs «Winterreise» geht es ums Ganze. (Bilder: Reto Martin)

Mit der Wärme von Lia Pales Stimme und der Kraft von Fabian Ruckers Saxophon: Auch in Mathias Rüeggs «Winterreise» geht es ums Ganze. (Bilder: Reto Martin)