Die neue Direktorin des Aargauer Kunsthauses startet. Katharina Ammann will es digitaler und aktueller machen

Am Mittwoch hatte die neue Direktorin des Aargauer Kunsthauses ihren ersten Arbeitstag. Im Gespräche betont Katharina Ammann, wie wichtig ihr die Sammlung an Schweizer Kunst ist und erklärt, wo die Digitalisierung des Museums sinnvoll ist.

Sabine Altorfer
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Katharina Ammann, 47, ist in Aarau angekommen.

Katharina Ammann, 47, ist in Aarau angekommen.

Chris Iseli / AGR

In einem Video auf der Website des Museums begrüsst die neue Direktorin Katharina Ammann ihr Publikum und sagt, Kunst basiere auf Kommunikation und nicht auf Konsum. Kommunikation lebt sie vor und lädt uns gleich bei ihrem Start zu einem Gespräch ein.

Seit Ihrer Wahl im Januar haben Sie hier bereits viele Leute getroffen. Was hat Sie dabei besonders gefreut? Eine Sache nur!

Katharina Ammann: Ich habe vor allem das Team kennen gelernt. Was mich besonders gefreut hat: Wie kompetent das Team, insbesondere auch während der Coronakrise, gehandelt hat. Das ist grossartig!

Dachten Sie mal: Ui, das wird schwierig in Aarau?

Nein.

Welche Ziele haben Sie für sich und Ihr Team gesetzt?

Ein Ziel ist es sicher, das Haus als Kompetenzzentrum für Schweizer Kunst weiter zu stärken. Das ist eine ganz starke Marke. Mein Werdegang war geprägt durch die Schweizer Kunst. Da können wir zulegen: in der Vermittlung, digital und vor Ort. Mein Motto ist Substanz und Innovation. Die Sammlung ist die Substanz und die Innovation hier im Haus gilt der noch besseren dualen Vermittlung, der Mischung von analogen und digitalen Formaten.

Wie wollen Sie das Kompetenzzentrum Schweizer Kunst stärken?

Für mich heisst das, auch mit guten Spezialisten zusammenzuarbeiten. Mit Universitäten, dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, der Fotostiftung etc. Ich denke, wir können uns auf dem Platz Schweiz noch mehr vernetzen.

Was heisst für Sie Schweizer Kunst?

Das ist ein breiter Begriff. Das beginnt beim regionalen Kunstschaffen und meint alles, was in der Schweiz und bei Schweizer Kunstschaffenden im Ausland passiert. Die Schweiz ist durchlässig, wir sind zum Glück keine Insel  – auch wenn das jetzt kurzzeitig so wirkte. Weil mich Themen mit gesellschaftlicher Relevanz interessieren, ist für mich diese Durchlässigkeit über Grenzen wichtig. Die Kunst stoppt nicht an Landesgrenzen.

Sie haben nach Ihrer Wahl gesagt, Sie möchten Jahresthemen setzen. Haben Sie ein Motto für 2021?

Das hatten wir tatsächlich. Dann kam Corona und damit die Verschiebungen im Programm von 2020 nach 2021. Also haben wir das Jahresthema über den Haufen geworfen. Nun werden wir im nächsten Jahr mit einem internen und externen Kollektiv ergründen, wie sich die Krise in der Kunst niederschlägt. Aber für 2022 haben wir ein Thema gesetzt.

Verraten Sie es?

Im 2022 stehen die Sammlung und die neue Publikation zur Sammlung im Zentrum. Deshalb setzen wir als Thema «Speichern – Speicherplatz und Erinnerungsraum», gerade auch im Hinblick auf die Digitalisierung. Ab den 90er-Jahren wollte man – beflügelt von den frühen Erfahrungen mit der Digitalisierung – noch alles aufbewahren, das geht nicht mehr. Doch was gilt heute? Was gehört zum kollektiven Gedächtnis und zum Kanon? Und wie bilden sie sich?

Ihr Motto heisst Substanz und Innovation: Welche Neuerungen, wollen Sie hier im Haus etablieren?

Zwei Sachen. Erstens die Vermittlung. Wie kann man sie noch besser machen, vor allem auf digitalem Weg? Zweitens soll das Haus ein Ort sein, wo man über aktuelle Themen redet – auch mit Experten von ausserhalb der Kunst. Leute zusammenzubringen ist eine meiner Leidenschaften.

Das Museum ist für viele Leute ein Ort zum Verweilen und zum Vergnügen. Wie passt das zur Diskussion relevanter Themen?

Ich hoffe, dass hier weiterhin alle Bedürfnisse Platz haben. Wir haben ein sehr heterogenes Publikum, das ist eine Stärke des Hauses. Man wird sich auch künftig verweilen und vergnügen können, das finde ich wichtig.

Wenn Sie sich das Publikum vorstellen: Welche Menschen tauchen vor Ihrem inneren Auge auf?

Zum einen wird das Haus von sehr vielen Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Schweiz besucht. Das zeigt mir, dass das Kunsthaus am Puls der Zeit agiert. Ich habe Vernissagen in Erinnerung, an denen die Säle proppenvoll waren – das ist schön und ich hoffe, dazu kommt es wieder. Und ich habe hier eine grosse Durchmischung unterschiedlicher Menschen erfahren: Die älteren Gäste treffen sich zum Kaffee, sehr viele Kinder und Jugendliche kommen zu Workshops. Es ist eine gute Bandbreite.

Wie lockt man das Publikum am besten ins Museum: mit Kopf oder Gefühl?

(Lacht)

Ich glaube Emotionen spielen bei den Erfahrungen, die man mit Kunst machen kann, eine absolut entscheidende Rolle. Aber Emotionen und Denken lassen sich nicht trennen. Es braucht beides.

Corona löste einen digitalen Schub aus. Bei Ihrer Wahl hat Ihre digitale Kompetenz Ihnen Pluspunkte verschafft. Wie sieht das Angebot in drei Jahren aus?

In drei Jahren werden wir noch mehr digitale Angeboten haben. Ich bin nicht unglücklich, dass Corona diesen Schub gebracht hat. Ich glaube, dadurch können wir andere Publikumssegmente für die Kunst gewinnen. Und andererseits haben viele Menschen erst in den letzten Monaten die digitalen Kanäle entdeckt. Es war eine Freude zu sehen, wie schnell und mit welch unterschiedlichen Formaten das Aargauer Kunsthaus die digitalen Möglichkeiten nutzte. Das gefällt mir, weil ich glaube, dass dem dualen System die Zukunft gehört.

Welches neue Format hat Ihnen besonders gefallen?

Die Workshops für Kinder, die nicht nur Einweg-Kommunikation, sondern wirklich interaktiv waren. Was mir schon länger vorschwebt: Ich möchte gerne ganze Ausstellungen als virtuelle Rundgänge erlebbar machen, wie das beispielsweise die Tate Modern anbietet. Das ist für Menschen, die nicht jede Woche irgendwo hinreisen können, ein gutes Angebot und mich als Wissenschafterin begeistert es, ganze Ausstellung so im Archiv zu speichern. Auch die Sammlung sollte online breiter präsentiert werden. Das ist technisch nicht schwierig (lacht), aber aufwendig.

Neue Direktionen bringen Änderungen: Haben Sie personell oder organisatorisch Änderungen vor?

Ich habe mir das Organigramm geben lassen und werde die Abläufe beobachten. Ob es Optimierungen braucht, wird erst die Erfahrung zeigen. Für mich ist wichtig, dass das Zusammenspiel aller wie geschmiert läuft.

Bringen Sie neue Leute mit? Ihre Superkuratorin, Ihren Kommunikationsmann?

(lacht herzlich)

Nein. Das Team ist sehr gut aufgestellt, es ist eine Freude, mit ihnen zu arbeiten. Neu haben wir befristet eine Fachperson für Fundraising angestellt. Die Suche nach Sponsoren und Mäzenen ist im Aargau schwierig. Da müssen wir Gas geben.

Beschlossen ist ein neuer Sammlungskatalog. Das ist wohl ein guter Einstieg für Sie, um Ihren Besitz kennen zu lernen.

Der neue Sammlungskatalog ist für 2022 geplant. 2003 erschien der letzte, es ist also dringend nötig. Die Form und das Zusammenspiel von analog und digital müssen wir noch klären. Das Projekt kommt für mich schnell, aber auf diese Grundlagenarbeit freue ich mich sehr.

Frech gefragt: Wie gut kennen Sie die Sammlung?

Den kompletten Überblick habe ich noch nicht. Aber ich kenne die Highlights und Schwerpunkte. Viele Teile, die Sammlungsgeschichte, wie etwa unter den verschiedenen Direktionen gesammelt wurde, all das muss ich mir noch aneignen.

Katharina Ammann

Katharina Ammann, 47, ist in Romanshorn geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Englische Literatur in Genf und Oxford. Von 2001 bis 2004 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Kunstmuseum Solothurn, von 2008 bis 2015 als Konservatorin am Bündner Kunstmuseum Chur. Zuletzt war sie Abteilungsleiterin Kunstgeschichte und Mitglied der Institutsleitung bei SIK-ISEA, dem Schweizerischen Institut für Kunstgeschichte in Zürich Sie lebt mit ihrem Mann in Zürich. (sa)

Katharina Ammann, 47, ist in Romanshorn geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Englische Literatur in Genf und Oxford. Von 2001 bis 2004 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Kunstmuseum Solothurn, von 2008 bis 2015 als Konservatorin am Bündner Kunstmuseum Chur. Zuletzt war sie Abteilungsleiterin Kunstgeschichte und Mitglied der Institutsleitung bei SIK-ISEA, dem Schweizerischen Institut für Kunstgeschichte in Zürich Sie lebt mit ihrem Mann in Zürich. (sa)

All ihre Vorgänger haben Lücken in der Sammlung festgestellt. Eine betrifft die Künstlerinnen. Werden Sie im Programm wie bei Ankäufen auf Gleichberechtigung achten?

Mit Sicherheit, ja. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Vom neuen Sammlungskatalog erhoffe ich mir dazu Erkenntnisse.

Und wie stehts mit einem Augenmerk auf Künstlerinnen und Künstler aus dem Aargau?

Ich werde die erste Auswahl dieses Jahr kuratieren – ich freue mich sehr, damit so richtig tief ins regionale Kunstschaffen einzutauchen.

Wenn Sie in einem Jahr zurückblicken. Was möchten Sie unbedingt erreicht haben?

Dass wir trotz Coronakrise fliegen.