Das Klavier zum Singen bringen

Morgen spielt der Pianist Oliver Schnyder in St. Gallen. Obwohl er oft auftritt, ist das für ihn keine leichte Sache.

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Es gibt Zufälle, die grosse Glücksfälle sind für einen Künstler. Wie damals, als der Pianist Oliver Schnyder einspringen durfte für die grosse Martha Argerich. «Sie sollte zwei Werke spielen, wollte aber nur eines übernehmen», erzählt Schnyder. «So konnte ich im selben Konzert auftreten wie sie. Ich durfte ihr beim Üben zusehen, und sie hat mir im Konzert zugehört. Das war enorm wertvoll. Ich glaube, ich habe nie besser gespielt. Grosse Musiker erfüllen einen mit Inspiration und mit Kraft.»

«Die Inspiration wäre weg»

Diese Inspiration und diese Kraft spürt man auch bei Oliver Schnyder selber, der morgen zusammen mit der Geigerin Julia Fischer in St. Gallen auftritt, und der schon mit einer Reihe von Aufnahmen auf sich aufmerksam gemacht hat (siehe Text rechts). Was auch sofort auffällt: Seine enorme Lebhaftigkeit. Und eine ganz ausgeprägte Bescheidenheit. Er freut sich über unsere Anfrage, ist dankbar, dass wir nach Baden kommen, wo er im Nachbarort Ennetbaden mit Frau und Kind lebt, und schafft zwischen zwei Konzertreisen Zeit für ein Gespräch.

Fünfzig bis siebzig Konzerte gibt Oliver Schnyder im Jahr, mehr nicht. Er möchte neben der Musik noch ein normales Leben führen, und er will auch nicht zu oft das gleiche spielen. «Ich bin ein sehr neugieriger Mensch», sagt er. «Mein Repertoire ist breit, und wenn ich ein Werk zwanzigmal hintereinander spielen müsste, würde die Inspiration leiden.» Wobei Oliver Schnyder schon seine Fixsterne hat. Franz Schubert gehört zu ihnen, Beethoven, Brahms, Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Doppelkonzert für Violine, Klavier und Orchester in St. Gallen auf dem Programm steht.

Zusammen mit Douglas Boyd und dem Musikkollegium Winterthur hat er vor zwei Jahren Mendelssohns Klavierkonzerte eingespielt. «Er ist immer einer meiner Lieblingskomponisten gewesen», sagt Schnyder. «Ihm ist eine oberflächlich direkte Sprache eigen, die aber subkutan tiefgründig ist. Das verbindet Mendelssohn mit Mozart.»

Zart dahinfliessende Passagen

Im Übergang vom ersten zum zweiten Satz des Klavierkonzerts No. 2 in d-Moll kann man es in aller Klarheit hören. Gerade noch hat der Pianist schwungvolle Läufe absolviert, da leiten die Bläser über in poetischere Gefilde. Das Klavier fächert seinen Klang auf, wird leiser, tastet sich vor, in den Streichern blüht eine innige Melodie auf. Oliver Schnyder aber zeigt sich in zart dahinfliessenden Passagen als grosser Poet. Und so erstaunt es auch nicht, wenn er sagt: «Ich suche in der Erarbeitung einer Interpretation vor allem eines: Schönheit. Denn Schönheit ist das, was uns in all seinem Formen am unmittelbarsten berührt. Man hat das in den letzten Jahren fast ein wenig vergessen.»

Er spricht damit jene Bemühungen um Werktreue an, die für eine neue Rationalität plädieren. «Mir liegt das sehr fern», sagt Oliver Schnyder, und findet ein sehr eingängiges Bild: «Der Komponist kleidet sich in Schönheit. Ich aber möchte ihn nicht aufs Skelett ausziehen.»

Beinahe schwerelos

Unter Schnyders Händen klingt vieles leicht und beinahe schwerelos. Liszt' erste Legende «Franz von Assisi: Die Vogelpredigt» lässt in ihrer Luftigkeit Debussy ahnen, und in Schuberts «Winterreise» stellt sich der Pianist voller Demut in den Dienst des Worts. Spielt er mit Andreas Janke und Benjamin Nyffenegger im Trio, dann hält Schnyder sich gern im Hintergrund und setzt sorgsam, aber oft mit leuchtendem Ton seine Akzente.

Mit viel Erfahrung zum Ziel

«Was mich am intensivsten beschäftigt, das sind nicht die schnellen Läufe oder Oktaven», erzählt er. «Es ist vielmehr das Singen auf dem Klavier. Das zu erarbeiten nimmt am meisten Zeit in Anspruch, und es setzt viel Erfahrung voraus. Deshalb gibt es viel mehr Wunderkinder, die Geige spielen, als Frühvollendete auf dem Klavier.»

Entschädigt werden die Pianisten für diese lange Reifezeit damit, dass sie durchaus noch im hohen Alter brillieren können. Auch Oliver Schnyder, heute 41 Jahre alt, kann sich gut noch mehrere Jahrzehnte auf den Podien der Welt vorstellen. Obschon ihm das keineswegs leicht fällt. Im Gegenteil. Wie jenem Starpianisten in Alain Claude Sulzers Roman «Aus den Fugen» sind Oliver Schnyder Fluchtgedanken vor dem Auftritt nicht fremd, mit Sulzer verbindet ihn denn auch mittlerweile eine Freundschaft.

«Eine besondere Empathie»

Doch wie geht es zu in seiner Seele, bevor Oliver Schnyder die Bühne betritt? Selbstzweifel befallen ihn, dann schickt er sich ins Unvermeidliche. Und staunt, «dass ich gerade dann im Publikum eine besondere Empathie und Konzentration spüre, wenn ich mit allem kämpfen muss». Es ist dieses innere Ringen, das die Kunst gross macht und den Auftritt zum tieferen Erlebnis.

Zufrieden, wenn er mal zu Hause ist: Oliver Schnyder, gefragter Schweizer Pianist. (Bild: pd/Reto Oeschger)

Zufrieden, wenn er mal zu Hause ist: Oliver Schnyder, gefragter Schweizer Pianist. (Bild: pd/Reto Oeschger)