Das Kinok St.Gallen zeigt Kinomomente für die Ewigkeit

Am 20. Januar wäre Federico Fellini 100 Jahre alt geworden. Das Kinok St.Gallen ehrt den italienischen Filmemacher im Januar und Februar mit einer Retrospektive.

Geri Krebs
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Anita Eckberg als blonde Venus in Rom: Szene aus dem Film «La dolce vita» aus dem Jahr 1960.

Anita Eckberg als blonde Venus in Rom: Szene aus dem Film «La dolce vita» aus dem Jahr 1960.

Bild: Imago

Niemand hat den Ausland-Oscar so oft gewonnen wie er: Vier Mal erhielt Federico Fellini zwischen 1957 und 1975 den Preis, der zusammen mit der Goldenen Palme in Cannes – die er 1960 für «La dolce vita» auch einmal erhielt – die höchste Auszeichnung der Filmwelt ist. 20 Spielfilme hat der 1993 verstorbene italienische Bilderzauberer und Filmpoet in 40 Jahren, von 1950 bis 1990, geschaffen.

Gänzlich unwichtig war ihm diese Zählung nicht, bedenkt man, dass er einen seiner Filme mit der Zahl «8½» betitelte. Dies deshalb, weil er bis zu diesem Werk, das er später rückblickend als sein bestes bezeichnete, sechs «ganze» Spielfilme in eigener und drei «halbe» in Co-Regie realisiert hatte. Somit war «Otto e mezzo», so der italienische Originaltitel, sein achteinhalbtes Werk, das er so definierte: «ein Film über einen Regisseur, der nicht mehr wusste, was für einen Film er machen wollte.»

«Der beste Teil des Tages ist, wenn ich zu Bett gehe»

Das war 1963 und da war er schon so berühmt, dass er es sich leisten konnte, mit einem derartigen Plot seinen damaligen Produzenten, Angelo Rizzoli, zur Verzweiflung zu treiben. Mit Marcello Mastroianni, der sein Alter Ego verkörpert, den Regisseur Guido, entfesselte Fellini in «Otto e mezzo» in den realen Begegnungen seines Protagonisten und in seinen Tagträumereien einen ausschweifend barocken Bilderreigen, perfekt passend zu einem Geständnis des Maestros: «Der beste Teil des Tages ist, wenn ich zu Bett gehe. Ich lege mich schlafen und das Fest beginnt.»

Dabei ist Fellini einer, der auch in verrücktesten Traumsequenzen nie vergisst, wo das Kino seinen Ursprung hatte: in den Schaubuden der Jahrmärkte und im Zirkus. Bei Federico Fellini ist Kino immer Spektakel und er hat mit diesem Spektakel Momente für die Ewigkeit kreiert: das nächtliche Bad der üppigen blonden Venus Anita Eckberg in der Fontana di Trevi in «La dolce vita»; Anthony Quinn als Kraftprotz Zampanò, der die zierliche Giulietta Masina in «La strada» brachial in die Kunst des Präsentierens einführt; der Komiker Ciccio Ingrassia als irrer Onkel Teo, der in «Amarcord» auf einen Baum klettert und unentwegt «Voglio una donna» («Ich will eine Frau») kräht.

Als wären die Bilder schon immer dagewesen

Es gibt wohl wenig andere Regisseure, die mit Szenen wie diesen nicht nur Filmgeschichte geschrieben, sondern auch gleich ikonografische Bilder von solch archetypischer Kraft geschaffen haben, dass man meinen könnte, sie seien immer schon dagewesen, tief drinnen in unserem kollektiven Unterbewussten.

Anders als die anderen drei Jahrhundertfiguren Luchino Visconti, Michelangelo Antonioni und Pier Paolo Pasolini, die in Italien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Kino der Welt mitprägten, verstand sich Fellini explizit nicht als politischer Filmemacher.

Sein Desinteresse an Politik sei vielleicht unverantwortlich, ja gar neurotisch und habe mit seiner Weigerung zu tun, erwachsen zu werden, sagte er einmal – denn: «Von den vielen Abenteuern des Lebens scheint mir die Reise in unsere inneren Dimensionen, die Erforschung des unbekannten Teils an uns das lohnendste zu sein.» Federico hat in seinem Gesamtwerk bewiesen, dass diese Reise zum Aufregendsten gehört, das die Filmgeschichte zu bieten hat.