Das Kino hechelt dem Leben nach

Ungewöhnlich viele Spielfilme berufen sich am Zurich Film Festival darauf, dass sie von realen Ereignissen erzählen. Die Inszenierungen des Lebens erreichen nicht die Wahrheit einer Dokumentation. Doch ihre Bilder sind oft mächtiger.

Andreas Stock
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Für die Rolle als Lance Armstrong in «The Program» musste Schauspieler Ben Foster hart trainieren. (Bild: pd/Impulse Pictures)

Für die Rolle als Lance Armstrong in «The Program» musste Schauspieler Ben Foster hart trainieren. (Bild: pd/Impulse Pictures)

Es ist fast zu einem Label geworden, wie «Biologischer Landbau» oder «Kein Konzentrat, reiner Saft». Auffällig viele Spielfilme, die am Zurich Film Festival (ZFF) präsentiert werden, verweisen darauf, dass es sich um eine «True Story» handle, ihre Geschichte also auf realen Ereignissen basiert. Dem Publikum wird suggeriert, dass nicht die Phantasie, sondern das wahre Leben die Regie führte. Dass Menschen aus Fleisch und Blut hier eine Leinwand-Identität erhalten.

Die Häufung an «True Story»-Filmen könnte man bösartig als Phantasielosigkeit der Filmemacher abtun. Es stecken aber eher finanzielle denn kreative Gründe dahinter. Die Grossproduktionen sind so teuer, dass Risiken vermieden werden. Selbst im Independent-Bereich wird lieber in kalkulierbare Projekte investiert. Da stützt man sich gerne auf die Vorarbeit eines Buchs oder einer Dokumentation ab.

Es braucht mehr als Fakten

Das Liebesdrama «Freehold», das Seiltanz-Spektakel «The Walk», das Lance-Armstrong-Biopic «The Program», der Journalisten-Thriller «Spotlight», «The End of the Tour» über David Foster Wallace, das österreichische Drama «Einer unter uns», der James-Dean-Streifen «Life» oder der historische Film «The Man Who Knew Infinity» – alles Filme am ZFF, die auf realen Ereignissen gründen. Und in den nächsten Wochen folgen in den Kinos zahlreiche weitere biographische Spielfilme.

So unglaublich oder spektakulär die erzählten Geschichten auch sein mögen: Der Zuschauer vertraut darauf, dass die Fakten mehr oder weniger stimmen. Doch genügt das für die Glaubwürdigkeit von Handlung und Protagonisten? In «The Man Who Knew Infinity» erzählt Matthew Brown die indische Liebesgeschichte so kitschig, dass darunter die interessantere Beziehung zwischen dem indischen Mathematiker und seinem britisch-introvertierten Professor leidet. Und bevor der Film überhaupt zu sehen ist, gab es in den USA bereits eine Diskussion, ob Michael Fassbender den verstorbenen Apple-Chef in «Steve Jobs» glaubwürdig verkörpere.

Attraktiv besetzt

Produzent Michael Shamberg sagte, die Oscar-gekürte Kurzdokumentation «Freeheld» erzähle «eine bewegende Geschichte, die ein grösseres Publikum verdient hat». Sein «Freehold» ist die hochemotionale, bittersüsse Verfilmung der Liebesgeschichte zweier Frauen, die einen juristischen Kampf aufnehmen, weil die krebskranke Polizistin erreichen will, dass ihre Lebenspartnerin nach ihrem Tod eine Rente erhält. Julianne Moore und Ellen Page spielen das Paar. Wenn im Abspann Fotos der realen Frauen zu sehen sind, wird deutlich, wie sehr Charisma und Image der berühmten Schauspielerinnen wiegen.

Bilder, grösser als das Leben

«Bigger than Life», grösser als das Leben, diese Maxime Hollywoods gilt auch, wenn es um das reale Leben geht. «The Walk» ist dafür ein Paradebeispiel. Robert Zemeckis inszeniert mit visueller Verve, wie der französische Seiltänzer Philippe Petite sich 1974 aufmachte, zwischen den Türmen des World Trade Centers einen Drahtseilakt aufzuführen. In 3D-Bildern, die die räumliche Tiefe atemberaubend in Szene setzen, sowie weiteren visuellen Effekten fesselt Zemeckis das Publikum. Er übertrumpft die Originalfotos der Oscar-Dokumentation «Man on a Wire» über dieselbe Geschichte. Doch die am Computer entstandene Inszenierung von «The Walk» ahmt anders als die Schwarzweissfotos die Realität nach. So beeindruckend ihre überhöhte Künstlichkeit, sie behaupten Wahrheit.

Die nackte Existenz

Stephen Frears' Spielfilm «The Program» über Lance Armstrong beruht auf dem Buch des Sportjournalisten David Walsh. Zum gleichen Thema gibt es einen Dokumentarfilm: «The Armstrong Lie» von Alex Gibney, worin die zentralen Protagonisten persönlich zu Wort kommen. Der Brite Frears erzählt primär aus der Perspektive von Armstrong; ihn interessiert die Diskrepanz zwischen dem durchorganisierten Dopingbetrug und einem Lügengebilde, das der amerikanische Radprofi bis vor Gericht verteidigte.

Auch «The Program» fasziniert vor allem mit seiner aufwendigen Nachstellung von Realität: Beeindruckend Ben Fosters Verkörperung von Armstrong, fesselnd die Radszenen, bei denen die Kamera Perspektiven einnehmen sowie Tempo und Dynamik vermitteln kann, wie das Fernsehbilder von der Tour de France nicht können. Doch ein tiefer schürfendes Psychogramm des verbissen-ehrgeizigen Sportlers gelingt nicht.

Dass auch die Fiktion wahrhaftig und packend sein kann, beweist beispielsweise der kleine, grosse isländische Film «Rams» von Grímur Hákonarson, im Spielfilmwettbewerb des ZFF. Die minimalistische Geschichte um zwei verfeindete Brüder und Schafzüchter riecht nach Wolle und Gras und führt einen bis auf die nackte Existenz an die beiden Brüder heran.