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«Das ist wie italienische Küche»

In Zürich inszeniert Andreas Homoki «La forza del destino» von Guiseppe Verdi, im Orchestergraben steht Dirigent Fabio Luisi. Beide sind fasziniert vom italienischen Komponisten, der so häufig gespielt wird.
Rolf App

Sie kommen zusammen, und sie gehen zusammen. Manchmal macht der eine den Satz fertig, den der andere angefangen hat. «Fabio Luisi ist der Dirigent, mit dem ich am meisten zusammengearbeitet habe», sagt Regisseur Andreas Homoki. Gerade jetzt stemmen sie am Opernhaus Zürich Giuseppe Verdis «La forza del destino» («Die Macht des Schicksals»), nächste Saison steht sein «Nabucco» an. Das wird ihre zehnte gemeinsame Produktion sein, und die sechste in Zürich, die der Intendant und sein Generalmusikdirektor sich gemeinsam ausdenken.

Denn ein Ausdenken zu zweit im stillen Kämmerlein ist es, auch wenn danach ein grosser Apparat in Bewegung gesetzt wird mit Sängern, Chor und Orchester, mit Bühnenbild, Kostümen, Requisiten. «Regisseure, die vom Sprechtheater kommen, unterschätzen das leicht. Sie sind es gewohnt, im Dialog etwas entstehen zu lassen», sagt Homoki. Das aber sei in der Oper nur zu einem gewissen Grad möglich. Was es deshalb braucht, das ist «eine klare Idee, von Anfang an», fügt Luisi bei. «Dazu muss man ein Stück wirklich kennen. Und: Was unverrückbar dasteht, ist die Musik. Ihrem Rhythmus muss jede Inszenierung folgen.»

Modulare Struktur und klare Wechsel

Wie eine solche Idee beschaffen sein muss, erörtern sie zwischen den Proben. Doch zuvor noch eine andere Frage: Warum denn so viel Verdi, nicht nur in Zürich, obwohl schon Zeitgenossen gefunden haben, es mangle seinen Opern an Noblesse und Eleganz?

«Giuseppe Verdi ist neben Richard Wagner der wichtigste Komponist des 19.Jahrhunderts, er ist ein musikalisch-dramaturgisches Genie», antwortet Fabio Luisi. Doch während Wagner mit dem Anspruch angetreten ist, die Oper auch in ihren Strukturen neu zu erfinden, fügt Verdi sich ein in seine Zeit, gestaltet mit deren Mitteln dann aber einen völlig einzigartigen Kosmos. «Diese modulare Struktur mit klaren Wechseln und einer verblüffend einfachen psychologischen Grundstruktur ist bei Verdi so toll», sagt Andreas Homoki, und kommt auf einen Vergleich, der so abwegig nicht ist: «Das ist wie italienische Küche: einfache Zutaten, die ein wunderbares Ganzes ergeben.»

Wenn es nicht klappt, «dann schimpfe ich»

Fabio Luisi lacht. Und fügt hinzu: «Verdi ist nie banal, ich sage das auch zu meinen Musikern. Ich erkläre ihnen, warum nur dieser Rhythmus zu dieser Szene passt, und warum Verdi so genial ist in seinem Timing und in den Proportionen.» «Und wenn sie das nicht begreifen und Verdi banal spielen?», fragt Homoki dazwischen. «Dann schimpfe ich.»

Allerdings gilt «La forza del destino» unter Verdis Opern als ein schwieriges Stück. Die Oper hat nicht dieses Konzentrierte anderer Werke, sondern, sagt Luisi, «etwas Episches»: Ein Vater will verhindern, dass seine Tochter ihrem Geliebten folgt, und wird von diesem aus Versehen erschossen. Die Liebenden verlieren sich aus den Augen. Leonora, die Tochter, geht ins Kloster. Alvaro, der Geliebte, zieht in den Krieg. Und Carlo, ihr Bruder macht sich auf, die Tat zu rächen.

Das alles ist recht kompliziert. «Die Protagonisten verlieren sich aus den Augen, Schauplätze wechseln, heitere Bilder aus dem Feldlager finden sich in eine Tragödie eingestreut», zählt Homoki die Pferdefüsse auf. «Zu alledem galt es eine Klammer zu finden.» Er meint damit: Etwas, was uns Heutige anzusprechen vermag. Homoki erklärt, wie er vorgeht: Am Anfang stehe die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Stück und mit der Musik, doch erst wenn bestimmte Stückinhalte für ihn zu einer persönlichen Wahrheit geworden seien, spüre er, «was das ist, was sich im Stück wirklich ereignet. Solange ich mit dem Bauch nicht dabei bin, kann ich damit nichts anfangen.» Oft stelle er sich Energiefäden vor zwischen den Menschen auf der Bühne. Diese Fäden dürften nicht durchhängen, sie müssten gespannt sein.

Andreas Homoki denkt das Stück neu

Auf das Bild mit den Fäden kommt er bei «La forza del des­tino» zurück. «Die wichtigen Denkschritte haben sich in unseren Gesprächen ereignet», erklärt Homoki. Ein erster Ansatz sei auf Fabio Luisis Widerstand gestossen, «da habe ich gemerkt, dass die komischen Nebenfiguren Preziosilla, Trabuco und Melitone zu den tragischen Hauptfiguren gehören. Dass sie, zusammen mit dem Chor, die Fäden des Schicksals spannen.» So habe er begonnen, «das Stück mit einer anderen Geometrie zu denken». Während die Hauptfiguren umherirren, machen andere sich einen Spass daraus. «Das ist wie bei Kafka: Die Welt ist etwas, das wir nur scheinbar kontrollieren.»

Jetzt ist Homoki bei jener klaren Idee angekommen, von der Fabio Luisi gesprochen hat. Sie ergibt sich aus der Struktur des Werks und unterlegt dem von seiner Entstehungszeit geprägten Libretto eine andere, zeitlos moderne Bedeutung. In der Musik bildet Verdi die emotionale Verfassung seiner Figuren ab. Deshalb sieht Homoki denn auch seine Aufgabe darin, «durch meine Inszenierungen dem Publikum zu helfen, dass es die Musik besser hört und versteht».

Liebe, Eifersucht und Einsamkeit

Dass die Oper aus der Musik und aus dem Gesang lebt, macht sie einzigartig und so anziehend. «Sie ist weniger real als ein Theaterstück», sagt Fabio Luisi. «Sie transponiert die Handlung auf eine Ebene, die sich von der Wirklichkeit entfernt – und sie zugleich auf anderem Weg hineinbringt. Nicht mehr nur über den Intellekt, sondern übers Gefühl.» Die Emotion aber entfaltet sich in der Musik.

Oper erzählt von Liebe, Eifersucht und Einsamkeit, von Familientragödien und von der Politik. Was Leonora, Alvaro und Carlo antreibt – Sinnsuche, Rachsucht, Liebessehnsucht –, das findet sich auch heute millionenfach. Deshalb, fasst Andreas Homoki zusammen, stelle die Oper «eine Art Refugium» dar, in dem «Geschichten erzählt werden, die uns in ihrer Zeitlosigkeit existenziell berühren können».

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