Das hohe C aus Mogelsberg

Andreas Früh bekommt gerade bei den Salzburger Festspielen seine grosse Chance als Sänger. Als Teilnehmer am «Young Singers Project» wird der Tenor aus dem Toggenburg gezielt gefördert. Er hat die Chance der Selbständigkeit beim Schopf gepackt – und vermarktet sich ganz gut. Tobias Gerosa

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Hat parallel zur Lehre im Reisebüro zu singen begonnen: Der heute 28jährige Andreas Früh. (Bild: Luigi Caputo)

Hat parallel zur Lehre im Reisebüro zu singen begonnen: Der heute 28jährige Andreas Früh. (Bild: Luigi Caputo)

Die Salzburger Festspiele kümmern sich neben 300 Vorstellungen und den (manchmal wichtigeren) Empfängen und Promis auch um den Künstlernachwuchs. Seit Jahren ist das Young Directors Project für Schauspielregisseure etabliert, in dem 2006 die Toggenburgerin Barbara Weber – heute Kodirektorin des Zürcher Neumarkt-Theaters – eine Inszenierung machen konnte. Im Young Singers Project (YSP) bekommt diesen Sommer der Mogelsberger Andreas Früh die Chance von Coachings, Meisterkursen und Auftritten, als einer von nur sechzehn vielversprechenden jungen Sängern.

«Ziemlich viele hohe Töne»

«Man lud mich zum Vorsingen ein. Jetzt bin ich hier», sagt Früh im Gespräch im Festspielhaus. In Jeans und mit mp3 im Ohr könnte man ihn auch für einen Touristen halten – nur dass er auch vor dem Interview Oper hört, passte dazu nicht ganz. Ab dem 22. August wird er in der Rolle des jungen Offiziers in Bernd Alois Zimmermanns – vom Fernsehen übertragenen* – Oper «Die Soldaten» in der Felsenreitschule auf der Bühne stehen – und auch im Fern. Das ist zwar keine Rolle zum Brillieren, aber «relativ lang und mit ziemlich vielen hohen Tönen. Dafür haben sie mich wahrscheinlich geholt», vermutet Andreas Früh.

In den Unterlagen des Veranstalters wird er als «bombensicherer C-Tenor» angepriesen. Dieses marktschreierische Etikett belustigt ihn zwar etwas. Was andern Tenören aber den Angstschweiss auf die Stirn treibt, sei für ihn wirklich kein Problem. Schade, konnte er das in der öffentlichen Meisterklasse, in der Thomas Hampson intensiv mit den Teilnehmern des Programms arbeitete, nicht zeigen: Die gleichzeitigen «Soldaten»-Proben gingen vor.

Privatstunden neben Reisebüro

Zu singen begonnen hat der heute 28jährige Andreas Früh mit Privatstunden in St. Gallen, parallel zur KV-Lehre im Reisebüro – mit Berufsmittelschule, betont er. Nach dem Lehrabschluss begann er das Gesangsstudium in Zürich, wurde aber bereits nach zwei Jahren fest ans Theater Osnabrück engagiert. Mit einem Anfängervertrag, der ihm aber ein «Training on the job mit schönen Rollen, aber kein luxuriöses Leben» ermöglichte. Weiss man, dass der Tarifvertrag für deutsche Theater den Sängermindestlohn bei 1500 Euro brutto pro Monat festsetzt, kann man sich das in der niedersächsischen Provinzstadt lebhaft vorstellen.

Früh hat sich aber schon während des Studiums als freischaffender Sänger ein Standbein geschaffen, das ihn finanziell über Wasser hielt. Schon im ersten Jahr im festen Engagement erhielt er so viele gute Rollenangebote, dass er den Sprung in die freie Tätigkeit wagte. Dies obwohl er keine szenische Ausbildung erhielt, «das lernt man in der Arbeit. Ich versuche, mich zunächst auf meinen Job zu konzentrieren und zu singen.»

Wie positioniert er sich im dauernden Opernstreit zur Rolle der Regie – und zur Frage, wie weit sie gehen kann? «Wenn mir ein Regisseur klarmachen kann, warum ich etwas machen muss, bin ich zu vielem bereit. Aber nackt? Das kann ich mir nicht vorstellen.»

Weniger Sicherheit

«Ich habe mir bei der Selbständigkeit gar nicht so viel überlegt, sondern die Gelegenheit gepackt», sagt er. Klar, dass auch die deutlich bessere Bezahlung eine Rolle spielte: «Mit der Pauschale für die Probenzeit und einer grösseren Anzahl Aufführungen kann ein Engagement als Gast mehr einbringen als ein Jahressalär im Anfängervertrag. Dafür gibt's weniger Sicherheit.» Früh hat den Schritt aber natürlich mit seinem Lehrer in Berlin besprochen. Vielleicht sei dieses Sicherheitsdenken ein Grund, warum relativ wenige Schweizer Sänger diesen Sprung wagen, erklärt Andreas Früh. «Sie nehmen lieber eine Lehrer-Stelle an, als das Risiko des Marktes einzugehen und mal hier, mal dort zu arbeiten. Aber mir gefällt das im Moment ganz gut.» Gutschweizerisch vermisst Früh in Deutschland die Berge und die Landschaft – «aber in der Schweiz gibt's für einen Opernsänger einfach nicht so viele Möglichkeiten.»

Nächste Station Magdeburg

Nach dem Sommer im Young Singers Projec in Salzburg wechselt er auch wieder in ein Ensemble, für zwei Jahre fest nach Magdeburg – eine Nummer grösser als Osnabrück und mit dem Versprechen auf Hauptrollen wie Mozarts Belmonte in «Die Entführung aus dem Serail» oder in Brittens «Midsummer Night's Dream».

Für Sommerferien bleibt dieses Jahr kaum Zeit, denn das Engagement in Salzburg dauert mit Juli und August so lange wie die Theaterferien. Für Früh hat es auch etwas von einem Klassenlager: «Die meisten Teilnehmer sind gemeinsam in einem Tagungszentrum untergebracht. Neben den Proben für die reguläre Aufführungen, die natürlich Priorität haben, den regelmässigen Coachings bei namhaften Gesangsspezialisten und den Meisterklassen, bleibt genug Zeit für sich selber oder für Probenbesuche in andern Produktionen.» Dass Früh in den «Soldaten» eingesetzt wird, bedeutet mehr Proben und weniger Möglichkeiten, im Kinderprogramm wie in der «Zauberflöte für Kinder» oder in den Mitspielversionen aufzutreten. Sie bieten den Young Singers Auftrittsmöglichkeiten und den Festspielen günstige Profis.

Für die Rollen werden die jungen Sänger nicht speziell trainiert – «wir sind ja alles Profis und wissen, was wir zu tun haben, aber auf diesem Niveau und berühmten Kollegen abschauen zu können, ist schon eindrücklich». Allerdings eher im theatralisch-praktischen Sinn als beim Singen: «Was sie gesanglich machen, ist von aussen ja nur beschränkt zu sehen, aber was die Präsenz und den Einsatz betrifft, da kann ich sicher profitieren.»

Auch eine Kontaktbörse

Und natürlich ist ein Festival wie Salzburg für die Künstler auch eine Kontaktbörse. Entsprechende Hoffnungen gibt Andreas Früh sofort zu: «Natürlich! Es wäre schön, wenn sich aus der Arbeit hier etwas ergibt», sagt er. Schliesslich sind Kontakte und Glück für Opernkarrieren genauso wichtig wie «bombensichere hohe Cs.»

*Der Fernsehsender 3sat überträgt «Die Soldaten» mit Andreas Früh am 26. August ab 21.55 Uhr