Jeder ist sein eigener Konzertveranstalter: Das Hauskonzert wird wieder Mode

Musiker und Sängerinnen in den eigenen vier Wänden auftreten zu lassen, hat eine lange Tradition. Heute gibt es verschiedene Internetplattformen, welche die Organisation solcher Konzerte erleichtern, auch in der Schweiz.

Elisabeth König
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In einem beschaulichen Wohnquartier Zürichs. Hier leben Sonja und Peter. In ihrem Wohnzimmer richtet sich gerade Silas ein: Der Künstler verkabelt seine akustische Gitarre, stellt den Looper an den richtigen Ort und testet das kleine Autotune-Gerät. Silas freut sich: Für aufstrebende Künstler wie ihn, die sich profilieren wollen, ist der Anlass optimal.

Das Wohnzimmer ist die Bühne

Zu ihrem ersten Sofakonzert haben Peter und Sonja Freunde und Familie eingeladen. Als Eltern zweier Kinder finden die beiden die Idee toll, für ein Konzert nicht ausgehen zu müssen. Über die Plattform Sofaconcerts.org buchten sie den Singer/Songwriter. Dafür haben sie ihr Wohnzimmer in eine kleine Bühne mit Sitzgelegenheit für etwa zwanzig Leute umfunktioniert. Je nach Bedürfnis der Gastgeber finden die Konzerte im privaten oder öffentlichen Rahmen statt. Sonja und Peter haben sich für eine Mischform entschieden. Peter sagt: «Wir haben einfach so viele Gäste eingeladen, wie ins Wohnzimmer passen.» Vier Plätze haben sie auf der Website ausgeschrieben, über die sich Interessierte melden konnten.

Die Toten Hosen im der guten Stube

Die Idee zur Onlineplattform wurde an einem Wohnzimmerkonzert in einer Hamburger WG geboren. Mittlerweile wird die Plattform in allen grossen deutschen Städten genutzt, und auch hierzulande wächst der Bedarf. Das bestätigt Miriam Schütt, eine der Hamburger Gründerinnen: «Seit Ende letzten Jahres haben wir einen grossen Zuwachs an Schweizer Gastgebern verzeichnet.» Joel Dittli, Projektmanager Schweiz von Sofaconcerts, ist an diesem Abend ebenfalls hier. «Die sozialen Verhältnisse der Gastgeber sind verschieden: Von WG-Partys bis hin zum Firmenanlass ist alles möglich», sagt er.

Die Plattform besteht seit 2014, doch Sofakonzerte gab es schon vorher. Das wohl bekannteste erste Wohnzimmerkonzert der Schweiz fand 1993 in Urdorf statt, und gegeben haben es Die Toten Hosen. Auf ihrer damaligen Tour bespielten sie so viele unterschiedliche Orte wie möglich, so auch das Wohnzimmer eines jungen Schweizer Punkrock-Fans.

Für jeden Geschmack eine Plattform

Es gibt verschiedene Vermittlungsplattformen, darunter hostaconcert.ch und hauskonzerte.ch, die sich auf Pianomusik spezialisiert. Sogar Ländlerfans können sich über zeremoniemusik.ch eine «Stubete» organisieren. Darüber hinaus gibt es Privatpersonen, die Konzerte selbst organisieren und öffentlich zugänglich machen. Und nebst Sofakonzerten gibt es auch Sofalesungen: Nach einer Idee des Basler Literaturhauses finden seit 2014 Lesungen von jungen Autoren in Privathaushalten statt.

Die Musiker bleiben nicht auf ihren Spesen hocken

Je nach Platzverhältnissen eignen sich sowohl One-Man-Shows als auch grössere Formationen für Sofakonzerte. «Singer/Songwriter wie Silas machen den grössten Teil der Künstler auf der Plattform aus. Aber auch etablierte Soul-Funk-Kombos oder ganze Reggaebands wurden schon vermittelt», sagt Dittli. Auch bei den Genres seien keine Grenzen gesetzt: Von Klassik bis Hip-Hop sei alles vertreten.

Bei Sofaconcerts fusst die Finanzierung auf einem sozialen Grundgedanken: Um zu verhindern, dass die Künstler auf ihren Spesen sitzenbleiben, nennt der Künstler auf der Website seine Mindestgage. Nach dem Konzert kann der Hut herumgereicht werden, damit die Gastgeber ihre Ausgaben teils oder ganz einholen können. Mehreinnahmen gehen an den Künstler. Die Plattform finanziert sich mit einer Kommission von 13 Prozent, die von der Gage abgezogen wird.

Jedes Konzert ist anders

Gastgeber Peter ist begeistert: «Der Auftritt von Silas war wunderbar. Wir haben das Konzert sehr genossen, und auch die Gäste schwärmen noch davon.» So nahe wie bei einem Sofakonzert kommt man dem Künstler sonst nicht. Dittli sagt dazu: «Alles, was sonst zwischen Künstler und Publikum steht, wird abgebaut.» Und jedes Konzert sei anders. «Es passieren unerwartete Sachen, zum Beispiel, dass plötzlich das ganze Wohnzimmer mitsingt.»