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Das Haus der tausend Geschichten: Das Geheimnis des Trogener Fünfeckpalasts

Als wäre die Zeit stehengeblieben: Der Trogener Fünfeckpalast ist eine historische Fundgrube. Als er gebaut wurde, war er eines der grössten Privathäuser der Schweiz. Die Ausserrhoder Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut hat seine Geschichte erforscht und rollt die bunte Vergangenheit des Hauses und seiner Bewohner in einem Buch auf.
Rolf App
In der Zellweger-Wohnung im Trogener Fünfeckpalast scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Blick ins Schlafzimmer. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

In der Zellweger-Wohnung im Trogener Fünfeckpalast scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Blick ins Schlafzimmer. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Wie lebt sich’s eigentlich in einem Palast? Rolf Wild muss es wissen. Lange hat er im Dorfzentrum von Trogen die Papeterie geführt und gleich gegenüber gewohnt: im Fünfeckpalast. Sein WC grenzte an dasjenige des Hausherrn Richard Zellweger, mit einer sehr dünnen Wand dazwischen. «Es war sehr ringhörig», sagt Wild.

So hatte er regelmässigen Hörkontakt zum letzten männlichen Nachfahren von Johann Caspar Zellweger-Gessner, der zwischen 1802 und 1809 am Landsgemeindeplatz den letzten und mit Abstand auch grössten jener ­Paläste hat bauen lassen, mit denen die seit 1582 hier ansässige und vor allem im 18. Jahrhundert eminent mächtige Textilhandelsfamilie Zellweger ihre Bedeutung unterstrichen hat.

Galt zu seiner Zeit als grösstes Privathaus der Schweiz: Der Fünfeckpalast in Trogen. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Galt zu seiner Zeit als grösstes Privathaus der Schweiz: Der Fünfeckpalast in Trogen. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Es ist ein Haus mit einer bunten Geschichte und einem erstaunlichen Innenleben, über das niemand so gut Bescheid weiss wie Heidi Eisenhut, die Leiterin der Ausserrhoder Kantonsbibliothek, die hier auch ihren Sitz hat. In einem wundervoll vielschichtigen Buch erzählt sie von den Zellwegers, von ihren Erfolgen und Niederlagen, von Abenteuern und Obsessionen, aber auch von Dienstmädchen und Köchinnen und von den vielen Mietern, die den Komplex mit seinen drei Flügeln bevölkert haben.

Wie die Wilds, die im Gesindeflügel wohnen. Oder wie Johanna Weise, früher Leiterin der Kostümabteilung am Theater St.Gallen, die auch mit über 90 Jahren noch die Herrschaftswohnung in der zweiten Etage bewohnt.

Die Zellweger-Wohnung ist das Herzstück

Unten am stattlichen Hauptportal, einer ehemaligen Einfahrt für Pferdewagen, empfängt Heidi Eisenhut und führt durch ein breites, herrschaftliches Treppenhaus nach oben in die Zellweger-Wohnung. Sie ist das Herzstück des Fünfeckpalasts und eine Fundgrube. Wie Glieder in einer Kette hängen an der Wand gegenüber der Eingangstür die Porträts der Ahnen, 352 Jahre liegen zwischen der Geburt des ältesten und dem Tod des jüngsten Zellwegers. An fünfter Stelle findet sich Johann Caspar Zellweger-Gessner, der Erbauer des Palasts.

Die Ahnenreihe der Zellwegers im Flur. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Die Ahnenreihe der Zellwegers im Flur. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Ihn treffen wir wieder in der angrenzenden Visitenstube, im Zentrum eines vom Boden bis an die Decke reichenden, 1809 gemalten Familienporträts. Seine Frau Dorothea hat es sich gewünscht, weil sie glaubte, ihr dannzumal 41-jähriger Mann werde bald sterben. Er wird aber alle überleben: den Sohn, der gerade einem Bettler etwas gibt, die Frau und die vier Töchter, von denen die eine, Thea, die den ­Betrachter besonders aufmerksam fixiert, einen Weltumsegler heiraten wird.

Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, im Salon der Zellweger-Wohnung im Fünfeckpalast vor dem imposanten Wandbild. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Heidi Eisenhut, Leiterin der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, im Salon der Zellweger-Wohnung im Fünfeckpalast vor dem imposanten Wandbild. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Wir gehen weiter, von Raum zu Raum. Schauen ins Schlafzimmer, das nach dem Tod Richard Zellwegers 1982 noch seine Schwester Thea Zapasnik benutzt hat, die letzte familiäre Besitzerin des Palasts. In Richards Büro hängt leichter Tabakgeruch in der Luft, zwei Zeitschriftenstapel zeugen von seinen Leidenschaften: Die «Zeitschrift für den Volkswagenfahrer» und «Wild und Hund».

Der Leidenschaft, ja Obsession eines anderen Zellwegers verdanken wir, dass alles noch so ist: Die vielen Bilder präzis beschriftet, denen entlang Heidi Eisenhut die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner erzählt, und eine Unmenge an Dokumenten, verstaut in Wandschränken und Kommoden.

Auch in der Küche der Zellweger-Wohnung wurde die Vergangenheit konserviert. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Auch in der Küche der Zellweger-Wohnung wurde die Vergangenheit konserviert. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Unter ihnen die 1713 ausgestellte Doktorurkunde von Laurenz Zellweger, der nicht Kaufmann wird, sondern Arzt, und sich in Zürich unter Dichtern und Philosophen einen so engen Freundeskreis schafft, dass diese Freunde immer wieder nach Trogen kommen, das sie als Paradies in den Appenzeller Hügeln sehen – was freilich nicht der Lebensrealität einfacher Dorfbewohner entspricht.

Als würden die Bewohner jeden Augenblick zurückkommen: Im Badezimmer ist alles noch so, wie es die Zellweger-Nachfahren hinterliessen. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Als würden die Bewohner jeden Augenblick zurückkommen: Im Badezimmer ist alles noch so, wie es die Zellweger-Nachfahren hinterliessen. (Bild: Benjamin Manser / TAGBLATT)

Auch 34 Briefe aus Brasilien sind zum Vorschein gekommen, die Ernestine Graf in den 1850er-Jahren schrieb. Sie ist die Witwe von Johann Caspar Zellwegers Sohn und mit ihrem zweiten Mann ausgewandert und berichtet von den schwarzen Pferdeknechten, die ihr besonders verbunden gewesen seien. So sehr die Zellwegers das Hierarchische betonen, so sehr sie sich selber durch Gottes Fügung oben und andere unten sehen, so deutlich wird auch immer wieder ihre Nähe zu Dienstboten und Haushälterinnen.

Ein unglücklicher Mensch schafft Übersicht

Es ist der unglückliche Eugen Zellweger, der die Erinnerung bewahrt – zu unserem Glück. Mit ihm stirbt 1941 jener Zweig der Familie aus, der die obere Herrschaftswohnung bewohnt hat, und es ist ein Drama, wie dies geschieht. Eugen, schon als Bub von mädchenhafter Erscheinung, und, wie man vermuten kann, homosexuell, tritt zwar ins elterliche Geschäft ein, widmet sich aber lieber Gästen oder den Rosen in seinem Garten. Er lebt umgeben von familiärer Erinnerung, während sein Bruder Hans an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die Firma zu retten versucht. Und scheitert. Als Hans dies erkennt, erschiesst er sich im Wald, er wird nur knapp 32 Jahre alt.

Sein Bruder Eugen aber versinkt im Alkohol. Ein paar Jahre noch arbeitet er als Hauslehrer an einem russischen Fürstenhof, dann geht nach einer gescheiterten Ehe sein Leben vollends in die Brüche. Am Ende landet er in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau, wo er, wie Heidi Eisenhut schreibt, «neue Freiheiten gewinnt». Hier wird er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens zum geradezu besessenen Chronisten einer Familie, deren Erbe Trogen bis heute prägt.

Heidi Eisenhut: «Wunderlich kommt mir die Baute vor» – Der Fünfeckpalast in Trogen und die Familie Zellweger; Appenzellerverlag, 528 S., Fr.48.–

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