Das Handy ist nicht dabei

Eine Gruppe deutscher Kulturwissenschafter hat ein Buch geschaffen, das die 100 wichtigsten Dinge vereint. Urgegenstände findet man darin wenig, dafür Überraschendes wie Schaum, das philosophieren lässt.

Diana Bula
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Die 100 wichtigsten Dinge. Punkt. Nicht der Technik, nicht der Medizin oder der Filmgeschichte. Nein, uneingeschränkt: die 100 wichtigsten Dinge. Jene Gegenstände also, die das Leben, die Gesellschaft und ihren Fortschritt im allgemeinen erklären. Wie lässt sich aus der Flut an Materiellem und an Erfindungen wohl eine Auswahl treffen, die Sinn ergibt? Eine Aufgabe, vor der man selber nicht stehen möchte. Und beginnt deshalb umso neugieriger zu blättern.

Aus Draht lässt sich viel machen

Die erste Erkenntnis: Urdinge, wie man sie nun erwartet, kommen kaum vor. Zwar ist der Stock aufgeführt, «aus dem in Verbindung mit Draht alle anderen Dinge der Welt hergestellt werden können». Dann hat es sich aber bald mit den Dingen, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, um überleben zu können. «Wir haben im Prozess des Schreibens gemerkt, dass wir Urdinge nicht spannend finden. Deshalb haben wir uns auf Gegenstände konzentriert, die soziale, ökonomische oder philosophische Phänomene erfassen», sagt Tilman Mühlenberg, Direktor des Instituts für Zeitgenossenschaft.

Sophie Hunger schreibt mit

Die fünf Mitglieder des Düsseldorfer Instituts haben sich zum Ziel gesetzt, konkrete statt annähernde Wissenschaft zu betreiben, auch mal das Jetzt statt nur die Vergangenheit zu erforschen. Es sei ihnen um einen etwas anderen Blick auf Dinge gegangen. So findet man statt des Rades, das für viele gesetzt wäre, den Reifen vor. «Reifen qualmen schöne schwarze Tags auf den Teer, sind idealerweise von Pirelli, Michelin und nie von Bridgestone. Petrolheads pflegen, streicheln und cremen sie wie andere ihre Schuhe», beschreibt Ulf Poschardt, PS-Experte und stellvertretender Chefredaktor der Zeitung «Welt am Sonntag», das Ding. Und wer im Zeitalter der Digitalisierung das Handy für unersetzbar hält, schluckt ebenfalls leer: Das Gerät ist nicht aufgeführt, dafür der (Bild)Schirm. Er allein steht für das Technische. «Wir haben in Kategorien gedacht und Gegenstände als Vertreter gewählt, die überraschen», sagt Mühlenberg.

Eben das gelingt dem Buch immer wieder. Auch dank der Autoren: Vom Barkeeper bis zum Professor, vom Schriftsteller bis zur Musikerin ist alles vertreten. Unter anderem die Schweizer Sängerin Sophie Hunger. Sie widmet sich der Rakete; nicht jener, die das Weltall erkundet, sondern jener, die im Sommer als Glace beglückt. «Die Mütter der Kinder haben alle ihren Job aufgegeben, damit dem Kind die Rakete schmelzend über die Füsse tropft und dann dort auf allen vieren von den unverwirklichten Frauen mit einem Kleenex und den Worten <Hase> aufgetupft wird», schreibt sie. Man kann das nun mit einem Lächeln quittieren. Oder sich Gedanken über die Rolle der Frau machen. «Unser Buch ist zwar ein optisch adrettes Werk, das sich gut auf dem Sofatisch macht. Es soll aber auch zu Diskussionen führen», wünscht sich Mühlenberg.

Die Technik und die Türen

Deshalb kommen ebenfalls bekannte Philosophen zu Wort, indem die Initianten in Einträgen auf sie verweisen – etwa unter dem Stichwort Schaum. «Einziger Aggregatszustand, den die Moderne erfand», ist zu lesen. Daneben der Hinweis auf «Sphären III» von Peter Sloterdijk. Im dritten Teil seiner Trilogie vergleicht der Deutsche die Gesellschaft mit Schaum. Dieser besteht aus vielen einzelnen Bläschen, die sich zu einem Ganzen verbinden – und steht somit für Individualismus ebenso wie für vielfältiges Nebeneinanderexistieren. Zwar lebt man Wand an Wand mit dem Nachbarn. Doch kennt man ihn wirklich?

Auch die Türe ist philosophischer als angenommen. Theodor W. Adorno beklagte sich darüber, dass die Technisierung die Gesten präzis und roh mache: «So wird verlernt, leise, behutsam und doch fest eine Türe zu schliessen.» Oft ist es nicht einmal mehr nötig, die Klinke zu betätigen. Menschen gehen durch Dreh- und automatische Glastüren. Dadurch würden sie den Unterschied zwischen innen und aussen nicht mehr wahrnehmen, heisst es. Und erst das Internet, die Tür zur digitalen Welt, wie die Autoren ergänzen: Man sucht, versumpft und bleibt in der Wohnung – bis es zu spät ist, um draussen noch die Sonne zu geniessen.

Ein Buch, das Gesprächsstoff liefern kann. Falls nicht, glaubt Mühlenberg noch einen anderen Nutzen auszumachen: «Es soll in einer modernen, komplizierten Welt das Leben vereinfachen.» Ein hoher Anspruch.

Tilman Mühlenberg, Timon Kaleyta u. a.: Die 100 wichtigsten Dinge, Hatje Cantz 2015, S. 256, Fr. 27.90

Zählen zu den angeblich 100 wichtigsten Dingen: Türe, Draht, Reifen und Rakete. (Bilder: pd)

Zählen zu den angeblich 100 wichtigsten Dingen: Türe, Draht, Reifen und Rakete. (Bilder: pd)

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