«Das haben sie in den Fingerspitzen»

Junge Menschen seien dank der neuen Technik viel eher in der Lage, in sozialen Zusammenhängen zu denken, sagt der Soziologe Dirk Baecker. Ältere Menschen würden dagegen oft kaum verstehen, wie sich die neue vernetzte Welt im Internet anfühle.

Merken
Drucken
Teilen
Dirk Baecker Professor für Kulturtheorie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen (Bild: Quelle)

Dirk Baecker Professor für Kulturtheorie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen (Bild: Quelle)

Herr Baecker, die Welt wird immer komplexer und schneller – vor allem auch wegen dem Internet. Können wir das überhaupt noch erfassen?

Dirk Baecker: Ich stelle einen Generationenunterschied fest. Die Alten machen nicht mit, oder vielleicht nur, weil sie sich über ihre Enkeln nerven, die sagen, «Opa, du kannst ja nicht einmal einen Computer bedienen». Die junge Generation, die so genannten «Digital Natives», machen die Veränderungen selbstverständlich mit. Sie lassen sich mit einer Intelligenz, einer Unbekümmertheit auf neue Verhältnisse ein, die wir Älteren noch gar nicht verstehen.

Was heisst das für die einzelnen Generationen konkret in der Zukunft?

Baecker: Das gibt einerseits bei den Jüngeren Anlass zu Optimismus, weil die Technik ja offensichtlich beherrscht wird. Andererseits macht es auch Sorgen, da wir Älteren nicht wissen, wie sich die neue und sozial vernetzte Welt anfühlt.

Nicht nur die Technik wird komplexer, auch Erziehung oder Bildung stellen immer höhere Anforderungen.

Baecker: Die Anforderungen erhöhen sich und reduzieren sich zugleich. Beispielsweise steigt für Schüler die Komplexität, um mathematische, geographische und ökonomische Fragestellungen miteinander zu kombinieren. Das kann Schüler überfordern, gleichzeitig reizt sie das aber auch. Studenten sind heute viel mehr in der Lage, in sozialen Zusammenhängen zu denken. Sie wissen, wenn ich hier etwas auslöse, bekomme ich dort vielleicht Ärger. Eine Woche Facebook und sie wissen, wie unkalkulierbar ein Netzwerk ist. Das haben sie in den Fingerspitzen.

Führt Unsicherheit auch zu Technikfeindlichkeit, also zu Ablehnung?

Baecker: Ja. Dokumentiert ist das sehr schön bei der Einführung des Computers in Spitälern. Dort hat man sich 60 Jahre dagegen gewehrt, dass Diagnose-Unterstützungsgeräte an den Betten der Patienten auftauchen. Der Arzt ist schliesslich derjenige, der weiss, wo es langgeht. Heute können Patienten selber über ihre Krankheiten eine Google-Recherche starten. Das hat ebenfalls zum technologischen Umdenken in den Spitälern beigetragen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass wir in rund 20 Jahren den Umgang mit dem Computer verstanden haben. Noch schweben wir also in der Unsicherheit.

Baecker: Ja, wie das so ist in unserer Gesellschaft: Die einen sind süchtig nach dem Internet, die anderen haben eine starke Ablehnung und die Dritten, wissen gar nicht, um was es geht.

Der Mensch kommt mit der Reizüberflutung generell also zurecht?

Baecker: Bisher hat es der Mensch immer geschafft, mit jeder Überforderung selektiv umzugehen. Ich lese diese Tageszeitung, aber nicht jede Zeitung. Ich folge diesem Tweet, aber nicht jedem Tweet. Und: Irgendwann kann man seinen Laptop oder sein Smartphone einfach auch ausschalten.

Interview: Philipp Bürkler