Das grosse, gähnende Loch

Scott McCloud gilt als Cheftheoretiker der Comic-Kunst. Jetzt hat er endlich selbst eine 500-Seiten-Graphic-Novel veröffentlicht – und bewiesen, wie vielseitig und innovativ das Genre sein kann, wenn man es an seine Grenzen bringt.

Valeria Heintges
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Der Künstler David Smith träumt: Die Trottoirs sind vereist, die Stadt beginnt zu kippen – alle rutschen. (Bild: © Scott McCloud, Der Bildhauer, Carlsen Verlag GmbH, 2015)

Der Künstler David Smith träumt: Die Trottoirs sind vereist, die Stadt beginnt zu kippen – alle rutschen. (Bild: © Scott McCloud, Der Bildhauer, Carlsen Verlag GmbH, 2015)

David Smith ist ein Allerweltsname. Mit dem Namen ist es schwer, berühmt zu werden. Seitenweise stehen die David Smith im New Yorker Telefonbuch. Dieser David Smith würde für grossen Ruhm alles geben. Er möchte endlich einmal schaffen können ohne Hindernis von Raum und Zeit und Können, alle Ideen umsetzen, die ihm im Kopf herumschwirren. Nicht mehr aufgehalten werden von der Stärke des Steins, der Härte des Metalls. Eine Wahnsinnsvorstellung. Aber dieser David Smith ist ohnehin dem Wahnsinn nahe, sitzt in einer Kneipe, versinkt in Selbstmitleid und Arroganz: Kein Geld, in zwei Wochen keine Wohnung mehr, keine Ideen.

Der Pakt mit dem toten Onkel

Da bietet ihm Onkel Harry die ultimative Fähigkeit: In Sekundenschnelle fügt sich das Material seiner Eingebung – in einer Nacht schafft David gigantische Skulpturen, für die er mit irdischen Kräften Monate brauchen würde. Der Preis für die teuflischen Fähigkeiten: In 200 Tagen wird David Smith tot sein. Onkel Harry ist es jetzt schon.

Man kennt diese faustischen Geschichten. Sie gehen nicht gut aus; der Tod ist ein unerbittlicher Geschäftspartner. Dabei ist die Graphic Novel «Der Bildhauer» selbst ein Experiment – und dieses ist sehr wohl gelungen. Denn David Smith' Schöpfer ist Scott McCloud. Der gilt als Cheftheoretiker des Genres, schrieb das Standardwerk «Understanding Comics» (zu Deutsch: Comics richtig lesen). Oder besser: er zeichnete es. Denn das Buch über Comics ist selbst einer. «Es gibt keine genauere und zugleich unterhaltsamere Abhandlung darüber, wie diese so einfach wirkenden und dabei extrem komplexen Geschichten aus Bildern funktionieren», schrieb die «Süddeutsche Zeitung».

Doch ein eigenständiges Werk, in dem McCloud, der als Dozent für Digitale Medien am Smithsonian Institute und am MIT in Boston lehrt, seine Theorie in die Praxis umsetzte, fehlte bisher. «Es nagte an mir, dass ich dieses grosse, gähnende Loch in meinem Lebenslauf hatte», gestand er der «New York Times».

Alle Erwartungen erfüllt

Mit «Der Bildhauer» hat McCloud das gähnende Loch geschlossen – und alle Erwartungen erfüllt. Die Geschichte um den sich zermürbenden Künstler spielt mit dem Faust-Thema, lässt aber die Frau gleich zu Beginn als Engel vom Himmel schweben, anstatt sie als Retterin zum Schluss einzusetzen. Auch ist das Gretchen nicht keusch, sondern sexuell weit erfahrener als Faust.

Der erhebt sich wie sein klassisches Vorbild gegen den Betrieb, das Kunstestablishment, prangert Kommerzialisierung und Vetternwirtschaft an. Doch während Faust mit des Teufels Hilfe Grosses schafft, schrammt die Kunst des David Smith hart am Kitsch entlang und ist oft genug genau das. Wie wahr: Nicht jeder, der unbedingt Künstler werden will, hat auch das Zeug dazu.

Viel wichtiger noch: McCloud zeigt auch das Genre in Hochform. Er treibt die Experimente so weit, dass man zuweilen selbst verwundert ist, dass man noch zu folgen vermag. Die Farbgebung ist Schwarz und Weiss und ein Graublau, mal mehr, mal minder stark aufgetragen.

Worte zu gross für Sprechblasen

Die Grösse der Panels wechselt, die meisten bleiben brav im Rahmen, manche jedoch enden erst an den Seitenrändern, werden zum Font für ihre Nachbarn oder füllen auch mal ganze Seiten. Wenn Davids Gemütszustand ausser Rand und Band gerät, färbt sich die Seite schwarz, auch Geräusche sprengen dann den Rahmen. Faszinierend, wie McCloud für Situationen adäquate Lösungen findet. Auf einer lauten Party, auf der sich David im Gewusel verloren fühlt, werden die Panels klein, vermitteln Hektik. Die Worte sind zu gross für die Sprechblasen, lassen sich aber dennoch lesen – wirken wie vorbei wehende Wortfetzen.

New York spielt Hauptfigur

McCloud macht dabei New York zur dritten Hauptfigur, zoomt von der Totalen auf Details, zeigt Strassenszenen, die die Geschichte nicht voranbringen, aber Atmosphäre schaffen, die Mega- und Gigapolis zeigen, in der es nicht nur einer mit Namen David Smith schwer hat, berühmt zu werden.

Scott McCloud: Der Bildhauer, Carlsen 2015, 495 S., Fr. 48.90. Theoriewerke: Comics richtig lesen (1993), Comics neu erfinden, (2000), Comics machen (2006). Alle Carlsen-Verlag.

Scott McCloud Der Comiczeichner, wie er sich in seinen Werken selbst sieht. (Bild: © Scott McCloud, Carlsen Verlag GmbH)

Scott McCloud Der Comiczeichner, wie er sich in seinen Werken selbst sieht. (Bild: © Scott McCloud, Carlsen Verlag GmbH)