Das Glück, zu tun, was man will

Porträt Sie wird mit Tschechow verglichen und immer wieder für den Nobelpreis erwartet. Gestern hat Alice Munro, die wie niemand sonst in den letzten Jahrzehnten das Genre «Short Story» entwickelt hat, ihren 80. Geburtstag gefeiert. Zwei neue Erzählbände geben Einblick in den faszinierenden Kosmos von Lebensglück und Lebenslügen, den die Autorin entwirft. Bernadette Conrad

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Hat das Genre «Short Story» geprägt: Alice Munro, die gestern ihren 80. Geburtstag feierte. (Bild: ap/Peter Morrison)

Hat das Genre «Short Story» geprägt: Alice Munro, die gestern ihren 80. Geburtstag feierte. (Bild: ap/Peter Morrison)

So tönt es bei Alice Munro damals, vor mehr als vierzig Jahren, in ihrem ersten, preisgekrönten Erzählband «Tanz der seligen Geister»: «Nach dem Abendbrot sagt mein Vater: <Magst du runtergehen und nachschauen, ob der See noch da ist?> Wir lassen meine Mutter unter der Esszimmerlampe nähen, Sachen für mich zum Schulanfang. Sie hat dafür ein altes Kostüm und ein kariertes Wollkleid von sich aufgetrennt, sie muss sehr geschickt zurechtschneiden und zusammenheften, und ich muss für endlose Anproben dastehen und mich umdrehen, die warme Wolle juckt, ich schwitze und bin undankbar.»

Die lange, ärmliche Strasse, die das Mädchen für einen Spaziergang mit dem Vater hinuntergeht, führt viel weiter als ans Ufer des nahen Lake Huron. Die Geschichten und Gespräche mit dem Vater, dessen Stimme Geschichten erzählen oder auch wilde Füchse beruhigen kann, führen in die Weite, ins Land voller Träume, Versprechen und Geheimnisse.

In der Kindheitslandschaft

Die Sätze oben stammen aus der ersten Seite jener ersten, 1968 publizierten Erzählsammlung «Dance of the Happy Shades», für die Alice Munro den wichtigsten kanadischen Literaturpreis, den «Governor General's Literary Award», erhielt und die erst kürzlich dankenswerterweise vom Dörlemann-Verlag auf Deutsch herausgebracht wurde. Liest man sie heute wieder, kann man nur staunen darüber, wie klar sich schon hier einige der grossen Themen, Schauplätze und Erzählweisen zeigen, die seither die Stories der grossen Alice Munro auszeichnen.

Oder auch nicht: Denn die Landschaft um den Lake Huron herum, einen der fünf kanadisch-amerikanischen «Great Lakes», ist Munros Kindheitslandschaft. Hier wuchs die 1931 geborene Alice Ann Laidlaw in der Kleinstadt Wingham auf, der Vater war Geflügelfarmer und züchtete Silberfüchse, die Mutter war Lehrerin. Dass Mütter zwar klug sind, aber auch höchst konventionell und moralisch streng, Väter dagegen eher die Träumer und Geschichtenerzähler – so hören wir es oft in Munros Geschichten. Aber sie sind immer wieder auch Versager, die irgendwann ganz und gar verschwinden.

Schreiben und erziehen

«Ich habe einfach immer das getan, was ich wollte», beschrieb Alice Munro vor einigen Jahren in einem der seltenen Interviews, die sie gibt: «Einen Mann heiraten, den ich liebe, und Schriftstellerin sein. Und dann habe ich mich nicht aufhalten lassen durch den Umstand, dass diese beiden Ziele nicht miteinander vereinbar waren.» 1963 eröffnete sie, mittlerweile Mutter zweier Töchter, zusammen mit ihrem damaligen Mann den Buchladen «Munro Books» im Westen von Kanada. Dass Stories ihr Genre wurden, führt sie im wesentlichen auf das schnell getaktete Leben einer Mutter zurück, die immer nur in kurzen Zwischenzeiten schreiben kann; im Rhythmus ihrer Verpflichtungen für die Kinder und der Familie. Von heute aus betrachtet ist das ein Glück für die Literatur.

Geschichten-Ketten

Alice Munros erzählerische Knappheit ist von der Art, dass sie den Gedanken provoziert, eigentlich seien etliche ihrer «Stories» in Wirklichkeit Romane – auf ihre wesentlichste Substanz eingedampft. Statt aber zur Romanautorin zu werden, hat Munro auf andere Art das Genre gesprengt. Sie überschreitet und erweitert die Short Story, indem sie häufig zwei oder mehr Geschichten miteinander verklammert, was einerseits Luft zwischen die Texte bringt, andererseits ermöglicht, eine grosse zeitliche und thematische Weite zu umfassen.

Etwa im 2004 publizierten «Runaway» (dt. Tricks): In drei aufeinanderfolgenden Stories wird das Leben einer Frau namens Juliet erzählt. Auf einer Zugreise erfahren wir, dass sie einer Bekanntschaft, einem verheirateten Mann, hinterherreist. Jahre später, immer noch jung, hat sie ihn durch einen Unfall verloren und bleibt mit der kleinen Tochter Penelope zurück. In der dritten Geschichte ist Penelope, inzwischen erwachsen und verschwunden: hat sich auf Nimmerwiedersehen von ihrer Mutter getrennt. Leicht könnte man diesen auf 110 Seiten entfalteten grossen Bogen einen Roman nennen – anzunehmen ist, dass Alice Munro, die grosse Dame der Short Story, dies inzwischen längst nicht mehr will.

Unbegreifliche, unfassbare Trennungen; rätselhafte Frauenbeziehungen; immer wieder das jähe Einschiessen von Gewalt ins harmlose Geplätscher des Alltags: Themen, die Munros Werk durchziehen. Vier Jahrzehnte und dreizehn Storybände lang hat Munro nun in immer neuen, auch thematisch überraschenden Stories das Genre zu einer neuen Höhe geführt.

Bitte keine Preise mehr

Diese Höhe allerdings hält der Band «Zu viel Glück» nicht in allen Geschichten. Nicht alle Geschichten über Lebenslügen und jene heimlichen Verkettungen zwischen Menschen und Geschehnissen, die irgendwann zur Oberfläche durchbrechen, sind plausibel.

Tod und Verlust, auch Trauer, stehen im Zentrum. Als «Too Much Happiness» 2009 in Kanada erschien, sprach die Autorin öffentlich über ihre Krebserkrankung – und sie bat, als mit Preisen reich bedachte Autorin, das Komitee des Scotiabank Giller Prize, von einer Nominierung ihres Buchs abzusehen und jüngere Autoren zu bedenken.

Wird sie weiter schreiben? Wir werden ihr weiter zuhören.

Alice Munro: Zu viel Glück. Zehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S.-Fischer- Verlag, Frankfurt 2011. Fr. 32.90 Alice Munro: Tanz der seligen Geister. Erzählungen. Deutsch von Heidi Zerning. Dörlemann-Verlag, Zürich 2010. Fr. 39.90