«Das Gewissen eines Dorfes verändert»

Herr Perrotta, warum trägt Ihr Stück über den italienischen Art-brut-Künstler Antonio Ligabue den Titel «Ein Kuss»? Der Titel steht für die Zuwendung und menschliche Wärme, an der es Antonio Ligabue zeitlebens mangelte.

Christina Genova
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Mario Perrotta Regisseur und Autor des Bühnenstücks «Ein Kuss» (Bild: pd)

Mario Perrotta Regisseur und Autor des Bühnenstücks «Ein Kuss» (Bild: pd)

Herr Perrotta, warum trägt Ihr Stück über den italienischen Art-brut-Künstler Antonio Ligabue den Titel «Ein Kuss»?

Der Titel steht für die Zuwendung und menschliche Wärme, an der es Antonio Ligabue zeitlebens mangelte. Er war in Gualtieri, wohin er mit 19 Jahren aus der Schweiz gekommen ist, immer der Aussenseiter. Er redete mit der Welt über seine Bilder, anstatt mit Worten.

In einem Dokumentarfilm über Ligabue sieht man, wie er sich von einer jungen Frau einen Kuss erbettelt im Tausch gegen eine seiner Zeichnungen. Spielen Sie mit dem Titel darauf an?

Das ist kein Kuss, das ist ein Tausch von Waren! Ligabue hätte einen Kuss gewollt, der von Herzen kommt. Diese Szene hat mich tief bewegt. Deshalb habe ich sie in mein Stück aufgenommen, und tatsächlich geht der Titel darauf zurück.

War diese Kussszene der Grund dafür, das Stück zu schreiben?

Nein. Als ich mich vor drei Jahren mit Antonio Ligabue zu beschäftigen begann, stand ich kurz davor, ein Kind aus Äthiopien zu adoptieren. Weil für manche in Italien ein dunkelhäutiges Kind ein Problem ist, fragten meine Frau und ich uns, ob wir die richtige Wahl getroffen hatten. Denn es war klar, dass man unserem Kind seine Andersartigkeit zu verstehen geben würde. Ich war in jener Zeit sehr sensibel, und Ligabue war die perfekte Figur, um meiner Verletzlichkeit Ausdruck zu verleihen, weil er der Aussenseiter par Excellence ist. Um ein lebendiges Stück zu schreiben, muss man bei seiner eigenen Fragilität beginnen.

Welche Reaktion aus dem Publikum hat Sie besonders bewegt?

In der Bar von Gualtieri, dem Dorf in der Emilia Romagna, wo Ligabue bis zu seinem Tod lebte, tauchte ein alter Mann von etwa achtzig Jahren auf und sagte genervt: «Heute abend ist das Schauspiel über diesen Dummkopf Toni. Schon wieder dieser Ligabue, muss denn das sein.» Als er ein Bub war, gehörte er zu jenen Kindern, die Ligabue plagten und ihm üble Streiche spielten. Nach der Aufführung kam dieser alte Mann zu mir und sagte: «Kaum zu glauben, dass ich 50 Jahre brauchte, um zu begreifen, wie schlecht ich Antonio Ligabue behandelt hatte.» Auch der Bürgermeister kam zu mir und sagte: «Du hat das Gewissen eines ganze Dorfes verändert.» Die Kraft der Kunst schafft es, solche Dinge zu bewirken.

Mo, 26.10., 20 Uhr, Pfalzkeller St. Gallen; Mi, 28.10., 20 Uhr, Marbach, Heim Oberfeld; Do, 29.10., Appenzell, Gymnasium St. Antonius; Fr, 30.10., Mels, Altes Kino. www.wahnsinn.li