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Das Geheimnis spezieller Nächte

Als Auftragswerk in der Reihe Œuvres Suisses erklingt am Donnerstag Paul Gigers Orchesterstück «Rauhnächte». Musik ist für den bekannten Geiger nicht nur materieller Ton, sondern weist auch auf eine spirituelle Ebene.
Martin Preisser
Der Musiker Paul Giger mit seiner elfsaitigen Violino d'amore. (Bild: Martin Preisser)

Der Musiker Paul Giger mit seiner elfsaitigen Violino d'amore. (Bild: Martin Preisser)

ST. GALLEN. «Klang – Bewegung – Ruhe» ist das Zimmer in der Kantonsschule Trogen angeschrieben, in dem Paul Giger Violinunterricht erteilt. Ein Motto, das auch für Gigers Musik selbst gelten könnte. «Mich interessiert musikalisch, was zwischen Himmel und Erde ist», sagt der Geiger. Musik sei für ihn auch «die irdische Spiegelung geistiger Welten und Wirklichkeiten».

Der materielle Ton und sein spiritueller Aspekt, diese Symbiose hat Paul Giger schon 1988 auf dem international erfolgreichen Tonträger «Chartres» ausgelebt. Er spielt das Solowerk immer noch jedes Jahr in Chartres: «Das Stück ist schwer, ich muss es jeweils immer wieder intensiv üben.»

Ausserhalb der Zeit

Auch mit der neuen Komposition «Rauhnächte», einem Auftragswerk des Sinfonieorchesters St. Gallen an den 1952 in Herisau geborenen Geiger, begibt sich Paul Giger in Zwischenwelten. «Die Differenz zwischen dem Sonnenjahr und dem Mondjahr beträgt elf Tage oder eben zwölf Nächte», erklärt er die besondere Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. «Diese zwölf Rauhnächte liegen gewissermassen ausserhalb der Zeit zwischen den Jahren. Vielleicht reagiere ich in diesen Nächten auch sensibler auf meine Träume.»

Geistiger Ton

Das neue Werk «Rauhnächte» für grosses Orchester (im Rahmen der Reihe Œuvres Suisses, s. Kasten) ist erneut entstanden aus dieser auch oft improvisierenden Suche in der Welt Gigers, in der Klänge das Transzendentale erfassen und den materiellen Ton auch als von Geistigem durchdrungen wissen wollen.

Die Vorgabe für das Auftragswerk war klar: Fünfzehn Minuten darf es höchstens lang sein. Zu wenig Zeit, um alle zwölf Rauhnächte musikalisch zu deuten. Paul Giger hat sich für vier Nächte entschieden: Die längste Nacht, die geweihte Nacht, Silvester und die Nacht der drei Weisen. Die begrenzte Länge von einer Viertelstunde sei ihm entgegengekommen: «Ich konnte mich dadurch auf meine grundlegenden Prinzipien besinnen: Reduktion, klare Signale und klare Gesten sind mir wichtig.»

Man mag sich an Paul Gigers Musik im Rahmen der St. Galler Festspiele erinnern, an seine mikrotonalen Töne, an seine Naturtöne und meditativen Flageolettklänge, mit denen er auf seiner Geige den St. Galler Dom 2011 zum Klangraum gemacht hat. Mit filigranen Flageolett-Clustern beginnt auch die «Längste Nacht» seiner «Rauhnächte». Das ist intim sich aufbauender Klang. «Wie Musik, die sich inkarnieren will», umschreibt es Paul Giger, der mit seinem neuen Werk die Wirklichkeiten der Nacht, die Wirklichkeiten des Traums ernst nehmen will.

Komponieren ist bei Paul Giger innere Arbeit. Lange trägt er musikalische Ideen in sich, bis sie aufs Papier wollen. «Meine Schulung als Komponist war das hörende Wahrnehmen.» Auf seiner Geige, einer wunderschönen elfsaitigen Violino d'amore, hat sich Giger im Improvisieren, auch im Klangforschen ganz bei sich mit den Jahren ein eigenes Repertoire musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen, die er nun in den «Rauhnächten» auf ein grosses Orchester überträgt.

«Von Stille zu Stille» oder «Der Stille entgegen» heissen bei Paul Giger Konzertprogramme oder CD-Titel. Immer ganz nah an der Stille sind auch die «Rauhnächte», aber nicht nur. Zu «Silvester» lässt es Giger auch ekstatisch werden, mit richtig viel «Lärm» und einer «Überraschung», die er noch nicht verrät. Für spezielle Klangeffekte lässt Paul Giger das Orchester in zwei Gruppen mit normaler Stimmung und mit Skordaturen, also in veränderter Stimmung spielen. Für die «Nacht der drei Weisen» hat sich Giger Musik in Naturtonreihen ausgedacht, ein wichtiges Element seiner musikalischen Welt. Hier scheinen dann auch Anklänge an orientalische Tonsysteme auf, an arabische Maqams. Sie mögen auch den Migrationshintergrund der drei Könige aus dem Morgenland symbolisieren. Zeit ausserhalb der Zeit, geheimnisvolle Nächte des Übergangs zwischen den Jahren. Man darf gespannt sein, wie sich Paul Gigers spirituell aufgeladene Geigenklänge in einer Musik für grosses Orchester manifestieren.

Komponist im Orchester

Transparent, kammermusikalisch empfunden und insgesamt eher introvertiert wird das Werk tönen. Paul Giger spielt für diese Uraufführung im Orchester selbst mit (auch mit solistischen Passagen) und kann dadurch stilistisch Einfluss auf die Darstellung des Gesamtklangs nehmen. Das ist dann auch ein Wiedersehen nach über dreissig Jahren: 1980 bis 1983 war Giger Konzertmeister im Sinfonieorchester.

Uraufführung im Rahmen des 6. Tonhallenkonzerts: Do, 4.2., 19.30 Uhr, Tonhalle, St. Gallen (Konzerteinführung mit Paul Giger und Otto Tausk: 18.30 Uhr)

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