Das Geheimnis der Hasen und ein Wolpertinger

Verfressene Bären, unverfrorene Füchse und dümmliche Hasen tummeln sich auf Philipp Kollers Bildern. Der im Toggenburg aufgewachsene Künstler verleiht den Tieren in seinen Cartoons menschliche Eigenschaften. Seine «Sonntagnachmittagsschnappschüsse» sind in der Galerie vor der Klostermauer zu sehen.

Christina Genova
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Grüsse aus Wasserauen und vom Alpstein: Auch Hasen und Murmeltiere machen gerne Ausflüge. (Bild: pd/Marcel Winter)

Grüsse aus Wasserauen und vom Alpstein: Auch Hasen und Murmeltiere machen gerne Ausflüge. (Bild: pd/Marcel Winter)

ST. GALLEN. Hasen sind unternehmungslustige Tiere. Sie machen Ausflüge nach Zürich, Wald oder Wiesbaden, vorzugsweise am Sonntagnachmittag. Philipp Koller ist es gelungen, diese Reisen zu dokumentieren. In seiner Ausstellung «Sonntagnachmittagsschnappschüsse» in der Galerie vor der Klostermauer zeigt der in Nesslau aufgewachsene Künstler die Ausbeute seiner Feldforschung, die sich eindeutig auf seine Lieblingstiere, die Hasen, konzentriert, aber auch andere putzige Tiere wie Auerhähne, Murmeltiere oder Schweine beinhaltet.

Aus dem Hühnerstall getürmt

Koller malt die Tiere nicht naturalistisch, sondern karikiert, wie in Comics oder Kinderbüchern. Seine Hasen haben Kulleraugen und Knubbelnasen, verfügen über menschliche Eigenschaften und nicht immer zeigen sie sich von ihrer besten Seite. Der Gesichtsausdruck der beiden Hasen, die in alpenländischer Tracht in Wasserauen posieren, ist ziemlich gequält, wohl weil sie ihr grosses Geheimnis nicht verraten dürfen: Vorbild für das Bild war nämlich die Werbekampagne für Appenzellerkäse. Schuldbewusst schaut hingegen ein Bär in die Kamera, den der Künstler auf frischer Tat ertappt hat. Das verfressene Tier hat seinen Ausflug nach Zürich dazu benutzt, zwei Enten zu erlegen. Ganz schön unverfroren ist auch der Fuchs, der die Bahnschienen mit einem Baumstamm blockiert, um den Hasenexpress zu überfallen. Und Klaus, Ferdl und Bibi sind kurzerhand aus dem Hühnerstall getürmt.

Vogel-Shitstorm

Philipp Koller, zu dessen Vorbildern Tomi Ungerer gehört, erzählt in seinen Bildern Geschichten ohne Worte. Doch anders als bei Ungerer zeigen sich in seinen Cartoons keine menschlichen Abgründe. Kollers Bilder sind von Humor und einer gewissen Leichtigkeit geprägt.

Zu den bissigsten Arbeiten in der Ausstellung gehört eine überarbeitete Postkarte. Sie zeigt ein Panoramarestaurant, wo ungerührt weitergetafelt wird, obwohl eben erst ein Vogel-Shitstorm à la Hitchcock darüber hinweggefegt sein muss: Gäste und Interieur sind mit Vogeldreck gesprenkelt, die Missetäter betrachten von oben befriedigt ihr vollbrachtes Werk. «Die Vögel machen Pause», lautet der süffisante Titel.

St. Galler Bär im Fussballtrikot

Philipp Koller, der in Zürich lebt und arbeitet, benutzt häufig Postkarten als Ausgangspunkt für seine Bilder. Dabei kann er auf einen grossen Fundus zurückgreifen: Alleine zu Stadt und Kanton St. Gallen hat er über hundert Stück in seiner Sammlung. Für die St. Galler Ausstellung hat der 39-Jährige auch einige Postkarten mit Lokalbezug geschaffen: Auf dem St. Galler Gallusplatz prangt als Brunnenfigur nicht mehr der Stadtheilige, sondern ein riesiges Rüebli. Vielleicht wird es bald von den beiden Hasentouristen verspeist, die gerade mit dümmlichem Gesichtsausdruck in die Kamera schauen. Hasenschnappschüsse gibt es auch von der Schwägalp oder vom Hohen Kasten, und selbstverständlich hat Philipp Koller auch den St. Galler Bären porträtiert – im grün gestreiften Fussballtrikot.

Das aussergewöhnlichste Tier der Ausstellung ist aber ein Wolpertinger. Das Fabelwesen trägt ein Geweih wie ein Hirsch, hat Hasenzähne und Kulleraugen. «Herr Harsch oder Frau Hirse» hängt als Jagdtrophäe an der Wand.

13.12.: Sonntagsapéro und Finissage 10–15 Uhr.