Das Gedächtnis der Nase

Es duftet, qualmt und stinkt: Unter dem Titel «Belle Haleine – Der Duft der Kunst» zeigt das Museum Tinguely Basel Kunst, die den Geruchssinn anspricht. Ein intensives Erlebnis, aber keine Ausstellung für empfindliche Nasen.

Florian Weiland
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Marcel Duchamp fordert die Vorstellungskraft heraus: Wie riecht Paris? (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Marcel Duchamp fordert die Vorstellungskraft heraus: Wie riecht Paris? (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Wie riecht Paris? Marcel Duchamp suchte einmal für einen in New York lebenden Freund ein besonderes Geschenk. Dieser Freund war so reich, dass er sich alles leisten konnte, dafür fehlte ihm die Zeit, selber nach Paris zu reisen. So kam Duchamp auf die Idee, in einer kleinen Ampulle Pariser Luft einzuschliessen. Der Glasbehälter enthält ein immaterielles und flüchtiges Gut. Die Ampulle bleibt verschlossen. Entsprechend bleibt es dem Ausstellungsbesucher überlassen, sich auszumalen, wonach die Metropole an der Seine wohl duften – oder stinken – könnte.

Die Gegenwartskünstler, die im Museum Tinguely diesmal im Mittelpunkt stehen, sind da deutlich weniger zurückhaltend. Sie konfrontieren den Besucher in ihren Arbeiten mit Gerüchen, die nicht immer angenehm sind. Diese Ausstellung ist – seien Sie ausdrücklich gewarnt! – nichts für empfindliche Nasen.

Duftende Blüten für Liebende

Zum Auftakt gibt es zunächst einen kurzen Abstecher in die Kunstgeschichte. Druckgrafiken aus der Barockzeit betonen die animalische Seite des Geruchssinns, der sich der Kontrolle der Ratio entzieht. Liebespaare lassen sich von duftenden Blüten betören. Gerüche können verführen. Zur hemmungslosen Wollust ist es nicht mehr weit.

Es gibt auch die andere Seite. Gerüche, die abstossen. So zeigt ein Druck aus dem 17. Jahrhundert einen Mann, der seine Notdurft verrichtet. Nicht das einzige Kunstwerk, in dem es um Fäkalien geht. Piero Manzonis Legende «Merda d'artista» darf nicht fehlen. Der italienische Künstler liess Anfang der 1960er-Jahre seine Exkremente in Konservendosen verpacken. Die Frage, wie der Inhalt einer dieser Dosen heute aussieht und wie er riecht, wird durch Bernard Bazile beantwortet, der eine von Manzonis Dosen öffnete. Wer wagt es, seine Nase an die Duftlöcher der Vitrine, in der die geöffnete Dose steht, zu halten?

Die Ausstellung spielt mit unserem Geruchsgedächtnis. Auch wenn in mehreren Arbeiten nichts (oder nichts mehr) zu riechen ist, genügt mitunter unsere Vorstellungskraft, und wir fühlen uns bereits angeekelt.

Betäubender Geruch von Lilien

Eine Zeichnung von Louise Bourgeois erinnert zum Beispiel an den unangenehmen Geruch von Schweissfüssen. Aber auch an sich angenehme Gerüche können in das Gegenteil umschlagen. Valeska Soares lädt dazu ein, sich entspannt auf ihrer «Fainting Couch» auszustrecken. Der intensive Duft von Lilien hüllt uns ein. Doch es ist zu viel des Guten: In dieser Konzentration wirken die Blumen betäubend.

Das Museum schickt uns auf eine ebenso anregende wie abwechslungsreiche Tour der Sinne. Dieter Roth, der sich selbst als «Saboteur des Schönen» bezeichnete, verwendet in seiner Arbeit Urin und Pudding. Sissel Tolaas ergründet, ob man Angst riechen kann, während Meg Webster in ihrem King-Size-Bett aus Moos auf den fauligen Geruch feuchten Waldbodens setzt, und Anna-Sabina Zürrer versucht, den typischen Duft des angrenzenden Solitude-Parks einzufangen. Den radikalsten Weg wählt Clara Ursitti, die ihre Genitalsekrete in Alkohol und Kokosnussöl auflöst, um daraus ein Parfum zu kreieren. Eine Arbeit, die das noch immer existierende Tabu gegenüber den physiologischen Prozessen des weiblichen Körpers thematisiert. Dass Menschen Gerüche letztlich individuell sehr verschieden wahrnehmen, belegt die griechische Künstlerin Jenny Marketou in ihrer Videoarbeit «Smell you, smell me».

Rauchmaschine mit Abgasen

Am eindrucksvollsten aber sind die grossen, raumfüllenden Installationen. Jean Tinguelys olfaktorische Rauchmaschine etwa, die den Geruch von stinkenden Abgasen mit dem hochkonzentrierten Duft von Maiglöckchen vermengt, oder im Untergeschoss die Nebelmaschine von Carsten Höller und François Roche, die, obgleich sie lediglich geruchlose Dämpfe ausstösst, buchstäblich unsere Sinne vernebelt. Für die Installation von Cildo Meireles muss man sogar eine Atemmaske überziehen.

Gesundheitsgefährdend ist auch die «Smoking Machine» von Kristoffer Myskja. Freilich nur für den Betrachter. Der Maschine selbst schadet der permanente Zigarettenkonsum nicht.

Bis 17.5., Museum Tinguely Basel Di bis So 11–18 Uhr; tinguely.ch

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