Das Fremde im Vertrauten

Zwei Künstlerfreunde bespielen das Forum Vebikus in Schaffhausen und ergänzen einander hervorragend. Christoph Rütimann aus Müllheim und André Bless aus Schaffhausen erproben unterschiedliche Perspektiven auf die Welt und wie wir sie wahrnehmen.

Dieter Langhart
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Christoph Rütimann (links) mit Vernissagebesuchern neben seiner Installation «Handlauf Piz Duan». (Bild: Dieter Langhart)

Christoph Rütimann (links) mit Vernissagebesuchern neben seiner Installation «Handlauf Piz Duan». (Bild: Dieter Langhart)

SCHAFFHAUSEN. Eine Vorhang aus Federwaagen reicht vom Eingang bis zu den Ausstellungsräumen im ersten Geschoss. Nur – die Waagen sind am Boden befestigt. Soll die Erde nicht wegfliegen? Ist Kunst messbar, ist sie das Mass der Dinge? Oben dann rast eine Kamera einem Rohr entlang, Hänge hinab und in Bäume und Felsbrocken hinein – wir können uns dem Sog in «Handlauf Piz Duan» nicht entziehen. Zwei der fünf Werke, die Christoph Rütimann im Forum Vebikus zeigt; nebenan Arbeiten von André Bless, der vor gut dreissig Jahren ein Werk Rütimanns dokumentiert hat.

Minimale Verschiebungen

Der Thurgauer Christoph Rütimann und der Schaffhauser André Bless bestreiten die neue Doppelausstellung im Forum Vebikus in der Kammgarn. Sie kennen einander gut, sie denken verwandt, wenn sie, aus unterschiedlichen Perspektiven, auf die Welt sehen und eine neue Wahrnehmung anpeilen, andere Blickweisen auf die Welt also.

André Bless' Programm sind minimale Verschiebungen bei unspektakulären Objekten; sie zeigen das Fremde im Vertrauten des Alltags. Hier fotografiert Bless für die 20teilige Serie «Ruby Eyes» nicht ganz leer getrunkene Weingläser und spiegelt sie im Bildschirm der Computeranimation «Dripping»; da spielt er mit unserer intellektuellen Wahrnehmung, wenn er in «Pas de deux» Textfragmente wie Suchkegel an die Wand projiziert; dort führt er in «Para-Vent» die erwartete Blickdichte ad absurdum oder stellt in «Doorways» sinnlose Türen aus Rohren, Ketten und Schnüren mitten in den Raum. Etwas uninspiriert hingegen muten das Wandobjekt «Plug-in» aus Elektrosteckern und die Fotografie «BIC – Light my fire» an.

Vielfältige Zugänge und Medien

Christoph Rütimann kommt von der Performance her und ist ihr stets treu geblieben. Legendär sind etwa sein «Hängen am Museum» 1994 und 2002 in Luzern oder «Der grosse Schlaf» 1995 im Seedamm Kulturzentrum Pfäffikon und 2008 im Kunstmuseum St. Gallen, parallel zu «In den Tönen» im Kunstmuseum Thurgau. Und jetzt «In die Bilder»! Fast imperativ knüpfe dieses Handlauf-Video an «In den Tönen» an, sagte Dorothee Messmer, Leiterin des Kunstmuseums Olten und früher Kuratorin am Thurgauer Kunstmuseum, in ihrer Rede zur Vernissage. Rütimanns umfassendes Werk sei schwer zu umreissen, so vielfältig seien seine Zugänge und die Medien, die er nutze.

«Handlauf Piz Duan» hat er 2013 bereits im Palazzo Castelmur gezeigt, in Schaffhausen ist auch der Handlauf selber zu sehen, das Stahlrohr, dem entlang der Künstler die Videokamera durch die Landschaft und auf Hindernisse zu führt – der erste der drei Bildschirme steht bereits im Vorraum.

Ironisch gebrochen

Christoph Rütimanns Reihe von Handläufen sei nicht nur die raumgreifende Umsetzung der Linie, also des Grundelements der Zeichnung, sagte Messmer, sondern eine grundlegende, ironisch gebrochene Befragung der Wirklichkeit. Und zu «In den Bildern», dem Handlauf, der mit 3D-Brillen zu betrachten ist: «Wir sind in den Bildern und in einer poetischen Befragung der Welt.» Um das Bild, um die Sichtweise des Betrachters geht es Rütimann auch in seiner Hinterglasmalerei, am deutlichsten in «Original und Kopie».

Christoph Rütimann: In die Bilder/André Bless: plug-in, Forum Vebikus, Kammgarn; Do 18–20, Fr/Sa 16–18, So 12–16 Uhr; bis 26.10.