Das Fremde im Eigenen

Adolf Muschg erzählt in «Löwenstern» von einem, der auszog, Japan zu entdecken. Die Reise in die Fremde ist eine Suche nach sich selbst.

Urs Bugmann
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Schriftsteller und Japankenner Adolf Muschg. (Bild: ky/Gaetan Bally)

Schriftsteller und Japankenner Adolf Muschg. (Bild: ky/Gaetan Bally)

Vom Scheitern erzählt der neue Roman von Adolf Muschg zunächst: Zweimal, 1803–1806 und 1815–1818, misslingt der im Auftrag des Zaren unternommene Versuch, die Welt zu umsegeln und dabei eine Nordwest-Passage zu finden. Auch das Ziel, das Nachbarland Japan zu erkunden und für den Handel zu öffnen, wird nicht erreicht.

Bei der ersten Expedition ist Hermann Ludwig von Löwenstern (1777–1836) an Bord der «Nadeschda». «Ich denke, ich möchte nach Japan, um plötzlich ohne Frage zu wissen, warum ich da bin, sogar ohne Warum», sagt er. Für ihn sei Japan «das Ende der Welt, wo eine andere anfängt».

Die Fremde entdecken

Löwenstern strandet, findet sich in Gefangenschaft wieder in einem kleinen Raum mit Waschsaal und einem Hof, der nicht einmal den Blick auf den Himmel freigibt. Auf dem Tisch liegen Schreibzeug und Stösse von Papier. «Gryllenburg» steht auf den Blättern des einen Stosses, die Blätter des zweiten sind leer bis auf das Titelblatt: «Gulliver in Japan». Der Gefangene wird bedient von Nadja. Mit ihr erlebt er körperliche Ekstasen, einen Taumel auf dem Grat zum Wahnsinn, und Löwenstern wähnt sich in einer Irrenanstalt. Leben und Imagination verwirren sich, Sein und Schein werden austauschbar. Adolf Muschg schreibt historischen Ereignissen entlang, berichtet in einem «Nachwort des Herausgebers» vom abenteuerlichen Fund eines Manuskripts mit unbekannten Aufzeichnungen seines Helden Löwenstern in Estland. Die beglaubigte Vergangenheit irritiert, doch sie weist auf die Spur des wahren Inhalts dieses Romans: Was Löwenstern im Leben nicht erreicht, soll er im Schreiben finden: Eine fremde Welt entdecken. Sich selbst.

Löwenstern hat einen Adressaten: «Exzellenz» nennt er ihn, seinen Paten und Förderer, und fragt, ob er «Verwendung» für ihn habe. Er umwirbt ihn, weil er von dieser «Exzellenz» gehört und anerkannt werden will. Nur in ihm findet er zur eigenen Grösse. So wie damals vor dem Aufbruch nach Japan, als er in Weimar dem Dichterfürsten Goethe seine Aufwartung machte. Mit dem Schreiben kommt das Lesen. Lesen und Schreiben treffen sich im Erinnern: «Denn Erzählen, sich Erinnern, was gewesen sein könnte, ist die Kunst, sich von Verlusten plastische Rechenschaft zu geben», heisst es im «Nachwort des Herausgebers». Hier meint der Autor wohl die eigene Sache. «Bücher sind gerne klüger als ihre Verfasser», lässt Muschg den Romantiker und Naturforscher Chamisso erklären: «Dafür sagen sie nicht alles. Sie verraten zu viel und nie genug.»

Klug und widerspenstig

«Löwenstern» ist ein kluges und widerspenstiges Buch. Was es zu viel verrät, gibt es so leicht nicht preis. Doch es bezeichnet das Feld, worin es zu suchen gilt: Dort, wo das Fremde zum Eigenen wird, das Eigene fremd ist und nur im Schreiben einzuholen – das wieder vom eigenen Leben und Lieben trennt. Erst im Scheitern ist dieser Bruch aufzuheben. Jedes Gelingen vertieft ihn nur: Dieser Roman umspielt das Scheitern und das Gelingen.

Adolf Muschg: Löwenstern, C. H. Beck, 330 S., Fr. 29.90

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