Wild, verspielt, vielfältig: Im Historischen und Völkerkundemuseum  St.Gallen trifft zeitgenössische Kunst auf Ethnologie 

Stefan Rohner, Andy Storchenegger und Brigit Edelmann haben sich künstlerisch mit der ethnologischen Sammlung auseinandergesetzt.

Christina Genova
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Brigit Edelmann mit einer Mundmaske aus Sri Lanka. (Bild: Stefan Rohner)

Brigit Edelmann mit einer Mundmaske aus Sri Lanka. (Bild: Stefan Rohner)

Sie plappern und schnattern in einem fort und scheinen wichtige Dinge zu bereden. Doch so genau man auch hinhorcht, man versteht von der angeregten Unterhaltung kein Wort. Die Audioarbeit «awaiowai» von Brigit Edelmann beruht auf der Fantasiesprache, in welcher sich sie und ihre Schwester als Kinder auf langen Autoreisen zu unterhalten pflegten.

Andy Storcheneggers Installation «The Snake ist often on a Tree» hängt in einer Platane im Stadtpark. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo).

Andy Storcheneggers Installation «The Snake ist often on a Tree» hängt in einer Platane im Stadtpark. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo).

Das «Gespräch» ist zu hören im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen (HVMSG). Dort geniessen die Ostschweizer Kunstschaffenden Andy Storchenegger, Brigit Edelmann und Stefan Rohner mit einer ­besonderen Ausstellung Gastrecht. Drei Arbeiten sind von Olga Titus zu sehen. In «Bricolage» sind Arbeiten zu sehen, die in Ausein­andersetzung mit der ethnologischen Sammlung entstanden sind, zu welcher das Museum den Künstlern freien Zugang gewährte. «Uns interessierte, wie sie die Objekte zum Reden bringen und was sie ihnen erzählen», sagt Peter Müller vom HVMSG.

Blick in den Kubus. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Blick in den Kubus. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Der Untertitel «wild – exotic – different» ist Programm: Die Ausstellung ist verspielt, wild und vielfältig. Höhepunkt ist der Kubus in der Mitte des Raums mit einen Dschungel aus Elektroplatinen und schwankendem Teppichboden. Die in der Edition Clandestin erschienene Publikation «Manjakop» ergänzt die Schau, unter anderem mit Texten des Ethnologen David Signer.

Wechselseitige Einflüsse

Brigit Edelmanns Audioarbeit ist inspiriert von Mundmasken aus Sri Lanka: Sie wurden einst für Heilrituale verwendet. Kann man sich auch verständigen, ohne dieselbe Sprache zu sprechen? Was braucht es, damit Kommunikation funktioniert? Fragen, welche die Künstlerin aufwirft.

Totempfähle von Andy Storchenegger. (Bild: Christina Genova)

Totempfähle von Andy Storchenegger. (Bild: Christina Genova)

Von Andy Storchenegger stammen unter anderem an Totempfähle erinnernde Keramikskulpturen links und rechts des Eingangs. Sie beziehen sich auf Textilien aus der Elfenbeinküste mit grafischen Darstellungen von Maskenfiguren und Tieren. Diese Malerei wird nur in einem einzigen Dorf namens Fakaha betrieben.

Storchenegger fand heraus, dass die Textilien dort noch immer produziert werden. Ausserdem ergaben seine Recherchen, dass der Schweizer Kunsthändler Emil Storrer die Dorfbewohner dazu anregte, ihre Figuren auf grössere Wandtücher zu malen, weil sich diese besser verkaufen liessen.

Walenstädter Rölli-Maske (links) mit Masken von Idigenen aus Peru, die sich von der Schweizer Maske inspirieren liessen (Bild: Adriana Ortiz-Cardozo).

Walenstädter Rölli-Maske (links) mit Masken von Idigenen aus Peru, die sich von der Schweizer Maske inspirieren liessen (Bild: Adriana Ortiz-Cardozo).

Solche wechselseitigen Einflüsse interessieren Storchenegger, aber auch das Fremde und Wilde in unserer eigenen Kultur – etwa heidnische Bräuche wie die Fasnacht. Ausgehend von einer Walenstädter Rölli-Maske entwickelte er in Peru zusammen mit Indigenen eine Serie von Masken, in welche deren eigene Schnitztradition einfloss.

Zauberschlange aus Gips

"Rot-blaues Kuriositätenkabinett" von Stefan Rohner. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

"Rot-blaues Kuriositätenkabinett" von Stefan Rohner. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Stefan Rohner. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo).

Stefan Rohner. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo).

Stefan Rohner, der Initiator von «Bricolage», richtete in den bestehenden Vitrinen des Museums ein «blau-rotes Kuriositätenkabinett» ein. Ein kunterbuntes Sammelsurium aus Skulpturen und Videoarbeiten – intuitiv aus der Begegnung mit der Sammlung entwickelt.

Es gibt überarbeitete Fotografien, eine Zauberschlange aus Gips, in einem Video tritt der Künstler als Schamane auf: «Ich belebe die Objekte mit Pseudoleben», sagt Rohner. Dass der Künstler seiner Fantasie freien Lauf lässt, findet Achim Schäfer vom HVMSG alles andere als abwegig: «Weil viele Objekte aus mündlichen Kulturen stammen, wissen wir oft nicht, wozu sie dienten.»

Bis 1.3.20, Rahmenprogramm: www.wild–exotic–different.art.