Das Fotomuseum Winterthur zeigt Befreiendes  und Beklemmendes zum Nachtleben

In der Ausstellung «Because the Night» werden in fünf Räumen fünf Facetten nächtlichen Treibens gezeigt. Eine Videoarbeit schert aus.

Christina Genova
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Am Morgen danach: Agata porträtiert von Bieke Depoorter.

Am Morgen danach: Agata porträtiert von Bieke Depoorter.

Bild: Bieke Depoorter

Das erste Foto von Agata entsteht nach einer langen Nacht. Gelassen schaut die junge Frau in die Kamera, sie wirkt stark und verletzlich zugleich. Rosa ist ihr Body, rosa ist auch der ganze Raum. Bieke Depoorter, die Fotografin, hat die Performerin eben erst in einem Stripklub im Pariser Pigalle-Quartier kennen gelernt. Die Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch, reden stundenlang, danach fotografiert Depoorter Agata.

Nächtliche Rhythmen

Es ist der Anfang einer zweijährigen Zusammenarbeit, aus der die faszinierende Fotoserie «Agata» entsteht. Sie ist zu sehen in der Ausstellung «Because the Night» im Fotomuseum Winterthur, zusammen mit Werkserien fünf weiterer Fotografen. Das Verbindende ist das Motiv der Nacht, titelgebend der gleichnamige Song von Patti Smith. «Because the night belongs to us» singt sie im Refrain.

Manchmal lasziv, manchmal verloren: Agata fotografiert von Bieke Depoorter

Manchmal lasziv, manchmal verloren: Agata fotografiert von Bieke Depoorter

(Bild: Bieke Depoorter)

Das trifft auch auf Depoorter und Agata zu. Sie reisen nach Athen und Beirut, ziehen gemeinsam durch die Nacht. Bilder entstehen, die immer neue Facetten der schillernden Persönlichkeit Agatas offenbaren. Mal gibt sie sich lasziv, mal verloren. Nicht immer ist klar, was dokumentarisch, was von Agata für die Kamera inszeniert ist. Die komplexe und intensive Beziehung zwischen Porträtierter und Fotografin zeigt sich auch in den direkt auf die Wand geschriebenen Kommentaren Agatas zu den Bildern.

Freiraum für Grenzüberschreitungen. Tobias Zielony fotografierte in der Queer- und Technoszene von Kiew.

Freiraum für Grenzüberschreitungen. Tobias Zielony fotografierte in der Queer- und Technoszene von Kiew. 

(Bild: Tobias Zielony)

Im Schutze der Nacht entsteht der Freiraum, ein anderer zu sein. Das offenbart Tobias Zielonys in seiner Arbeit «Maskirovka», die in der Queer- und Techno-Szene von Kiew entstanden ist. Er zeigt junge Menschen mit träumerischem Blick, welche die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen. Auch Georg Gatsas beschäftigt sich mit Subkultur. Der St.Galler Fotograf porträtiert Protagonisten der Londoner Klubszene. Selbstbewusst schauen sie in die Kamera, Dubstep ist die Musik, die sie verbindet.

Kein Untergrund-, sondern ein Massenphänomen ist die brasilianische Popmusikbewegung Brega, die vor allem bei der ärmeren Bevölkerung verbreitet ist. Bárbara Wagner und Benjamin de Burca begleiten in ihrer Videoarbeit «Estás Vendo Coisas» einen Musiker und eine Sängerin. Der sehenswerte Film passt jedoch inhaltlich kaum zum Thema der Ausstellung.

Nächtliche Alkoholexzesse und Gewalt erlebte Thembinkosi Hlatshwayo in seiner Kindheit in einer illegalen Kneipe. Seine Serie «Slaghuis» erzählt davon.

Nächtliche Alkoholexzesse und Gewalt erlebte Thembinkosi Hlatshwayo in seiner Kindheit in einer illegalen Kneipe. Seine Serie «Slaghuis» erzählt davon.

(Bild: Thembinkosi Hlatshwayo)

Die Exzesse, die sich unter dem Deckmantel der Dunkelheit verbergen, thematisiert Thembinkosi Hlatshwayo. Seine beklemmenden Bilder erzählen von seinem Aufwachsen in einer illegalen Taverne in einem Township in Johannesburg, das von Alkoholmissbrauch und Gewalt geprägt war.

«Because the Night», bis 16.2.20

MANOR-PREIS: Trotzige Blicke, starke Frauen

Georg Gatsas ist Journalist, DJ und Künstler. So vielseitig und kreativ sind auch die Menschen, die er fotografiert. Seine eindringlichen Porträts sind im Kunstmuseum St.Gallen zu sehen.
Christina Genova