Das Figurentheater kommt ins Wohnzimmer: Mit Märchen um die Welt und durch die Krise

Aus Puppenspielern werden YouTuber: Das Figurentheater St. Gallen und das Theater Fährbetrieb öffnen in Coronazeiten den Märchenkoffer digital.

Bettina Kugler
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Filou und Frauke Jacobi erzählen Märchen von weither - für alle, die derzeit zu Hause bleiben müssen.

Filou und Frauke Jacobi erzählen Märchen von weither - für alle, die derzeit zu Hause bleiben müssen.

Bild: Stephan Zbinden

Ein bisschen Glamour muss sein für einen Auftritt auf der Weltbühne Youtube. Also schlüpft Kurt Fröhlich zum Erzählen in sein goldbesticktes Gilet und zündet eine Kerze an, bevor er Platz nimmt. Ein Ritual, das zugleich ruhig und konzentriert macht - und kribbelig auf die Geschichte, die gleich kommt. Hinter ihm die Bücherwand mit Weltliteratur, auf dem Pult ein Stapel Märchenbücher in Prachtausgabe: Ja, hier möchte man sich gern in einen Sessel fallen lassen und zuhören, am liebsten stundenlang.

Die Märchen aber, Geschichten aus Italien und Indien, Sibirien oder der Sammlung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, gibt es bei Fröhlich wohldosiert, in kurzen Filmen von zehn bis fünfzehn Minuten. Es sei denn, man hat Geduld und spart, klickt sich dann mit Genuss von einem zum nächsten durch. Bequem macht man es sich dafür, mit oder ohne Kind, wie es sich derzeit für brave, rücksichtsvolle Bürger gehört: zu Hause.

Für Kurt Fröhlich, den erfahrenen Erzähler, Puppenbauer und Puppenspieler, Gründer des Herisauer Einmanntheaters Fährbetrieb, sind Märchen Lebensbegleiter, täglich Brot und Schlüssel zur Selbstfindung, gerade in schwierigen Zeiten. Viele davon hat er landauf, landab in eigener Regie und Ausstattung gespielt; seit langem ist er unterwegs in Schulklassen und erzählt seine Lieblingsgeschichten. Mehr als 5000 Kinder haben ihn auf diese Weise live erlebt, auch solche, die nicht ins Theater gehen, deren Eltern nicht vorlesen oder Märchen erzählen.

Einflüsterungen eines Eichhörnchens

Nun kommt er ihnen auf digitalem Weg entgegen - und allen anderen, die sich über Abwechslung auf dem Bildschirm freuen. Denn auf Kurt Fröhlichs «Märlikanal vom Eichhörnli» geht es angenehm bedächtig zu. Die Kameraeinstellung bleibt zehn Minuten gleich. Statt schneller Schnitte gibt es Augenkontakt zum unsichtbaren Publikum. Allein vor der Terrassentür regt sich etwas, es «chräbbelet»: Das ist das Eichhörnli. Es will hinein und flüstert ihm, munter auf dem Bücherstapel herumturnend, Märchen aus aller Welt ins Ohr, die sich draussen herumgesprochen haben. 

Dieser vertraute, liebevoll variierte Rahmen verbindet die Kurzfilme - in der Erzählliteratur hat das Tradition. Wie überhaupt viele berühmte Märchenzyklen von einer Krise ihren Ausgangspunkt nehmen: einer kritischen Lage, die Menschen zusammen einschliesst. Das Erzählen reihum wird zum Zeitvertreib, zum Fluchtweg in der Not.

Probelauf für die Figur Filou

Auch das Figurentheater St. Gallen macht aus der Not eine Tugend und setzt in der erzwungenen Vorstellungspause auf Erzählvideos mit der Figur Filou. Die Puppe ist neu, nach einer nur papiernen Existenz auf den Plakaten, mit welchen die Kinder- und Familienstücke beworben werden, gibt es Filou seit dieser Spielzeit auch zum Anfassen. Nun bietet der Lockdown eine Gelegenheit, Filou auf seine künftige Rolle vorzubereiten: Bald nämlich soll er auch live zum Einsatz kommen.

Zusammen mit Theaterleiterin Frauke Jacobi erzählt er Märchen aus aller Welt: Welches, das zeigt sich jeweils, wenn Filou seinen kleinen Reisekoffer und Frauke Jacobi das Buch «Östlich der Sonne, westlich vom Mond» öffnet. Statt sich zu grämen, dass derzeit Stücke wie «Frederick», «An der Arche um Acht» oder «Der kleine Prinz» nicht gespielt werden können, suchte sie nach einer Alternative, präsent zu bleiben. «Da winkten mir meine alten Artia-Märchenbücher aus dem Regal zu», sagt sie.

Ab und zu springt das Virus tennisballgross durchs Bild; das bringt Filou aber nicht aus der Ruhe - eher auf kluge Reimereien. Zunächst wird die Reihe einmal wöchentlich fortgesetzt und auf die Website des Figurentheaters sowie auf Youtube gestellt. Frauke Jacobi sagt dazu:

«Wir wollen präsent und aktuell bleiben, aber nicht mit zu vielen Filmchen nerven.»

Natürlich fehlt ihr das Publikum. Doch das Erzählen mit der Puppe und die Ausrichtung auf die Kamera erfordern die volle Konzentration, so nimmt sie den leeren Saal kaum wahr. Ein Gutes hat das Spiel bei geschlossenen Türen, vor laufender Kamera, konnte sie feststellen: «Ohne Publikum bin ich nicht so nervös wie sonst.» Gefilmte Vorstellungen aber wird es digital nicht geben. «Das Live-Erlebnis ist dadurch nicht zu ersetzen», davon ist Frauke Jacobi überzeugt.

Zu finden sind die kurzen Filme auf der Website figurentheater-sg.ch und auf Youtube, "Märlikanal vom Eichhörnli".

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