Das erste Streaming-Musikfestival Europas findet in Schaffhausen statt – kann es Live-Konzerte ersetzen?

Corona hat ein neues Live-Erlebnis geschaffen. Das 31. Schaffhauser Jazzfestival überträgt alle seine Konzerte im Fernsehen und über Live-Stream.

Stefan Künzli
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Ein Konzert nur vor der Kamera: Für die polnisch-japanisch-schweizerische Sängerin Yumi Ito trotzdem sehr emotional.

Ein Konzert nur vor der Kamera: Für die polnisch-japanisch-schweizerische Sängerin Yumi Ito trotzdem sehr emotional.

Bild: Peps Pfister

Auf der Bühne im Kammgarn Schaffhausen haben sich im Halbrund die zwei Musikerinnen und fünf Musiker des Yumi Ito Orchestra aufgereiht. Doch der Konzertsaal ist praktisch leer. Dort, wo sonst das Publikum sitzt, ist eine Schiene installiert, auf der sich eine der zwei Kameras hin- und herbewegt und das Konzert aufnimmt. Publikum gibt’s, aber das ist für die Musiker unsichtbar, und sitzt zu Hause vor dem Fernseher oder schaut das 31. Schaffhauser Jazzfestival via Stream im Live-Online-Format.

Corona hat ein ganz neues Liveformat, ein neues Live-Erlebnis, geschaffen und das Schaffhauser Jazzfestival ist das erste Musikfestival in Europa, das alle seine Konzerte streamt und dieses neue Festival-Erlebnis testet. Es ist eine Premiere der besonderen Art, eine Novität, die gerade in Schaffhausen zunächst niemand so richtig wollte. Doch das Streaming ermöglicht es dem Festival, das sich als Werkschau des Schweizer Jazz versteht, den Jahrgang 2020 festzuhalten und zugänglich zu machen. «Es ist eine Notlösung», sagt Festivalleiter Urs Röllin, «aber auch ein spannendes Experiment.»

Kommunikation nur mit der Kamera

Vor allem die engagierten Musiker stellt das Livestreaming vor Herausforderungen, mit der nicht alle gleich gut zurechtkommen. «Du musst dir vorstellen, dass du vor Tausenden Leuten spielst», empfahl Röllin den Musikern. Doch nicht allen gelingt dies. «Es ist eigentlich eine coole Sache. Aber auch eine völlig neue, ungewohnte Situation zwischen Studiojob und Bühne», sagt der Saxofonist Florian Egli vom Jazz Trio. Im Studio kann man sich ganz auf die Musik und die Musikerkollegen konzentrieren. Im Livekonzert können Musiker Motivation, Energie und Spannung schöpfen. Doch im Streaming-Konzert kommt nichts. Da ist nur diese Kamera. «Wir sind keine Filmschauspieler, wir sind es nicht gewohnt, mit einer Kamera zu kommunizieren», sagt Schlagzeuger Jonas Rüther.

Unter besonderen Vorzeichen stand das Konzert des Yumi Ito Orchestra. Weil einige Musiker nicht einreisen konnten, musste sie die Stücke ihres neuen Albums «Stardust Chrystal» kurzfristig für eine siebköpfige Band umschreiben. Eine Heidenbüez!

Doch konnte sie mit der ungewohnten Situation in Schaffhausen besser umgehen. Auch ihr fehlte die Wechselwirkung mit dem Publikum, doch bei ihr überwog die Freude, nach dem Lockdown endlich wieder ein Konzert geben zu können. «Es war richtig befreiend und eines der emotionalsten Konzerte meines Lebens», sagte die polnisch-japanisch-schweizerische Sängerin und Pianistin. Für die Hörerinnen und Hörer ist die Umstellung nicht ganz so gross.

Chancen und Risiken

Hier wie dort muss er oder sie bereit sein, sich auf die Musik einzulassen. Wer sich aber mit ihr auseinandersetzt, kann die Musik sogar bewusster und intensiver erleben, weil die Ablenkung geringer ist. Umgekehrt ist die Schwelle, auszusteigen und sich auszuklinken, vor dem Bildschirm viel niedriger als in der Konzertsituation.

Das neue Format bietet neue Möglichkeiten und Chancen. Es erlaubt den Blick hinter die Bühne. Interviews werden eingespielt und man lernt die Musikerinnen und Musiker von einer anderen Seite kennen. Dazu ist der Zugang einfacher und das Festival kann dank der Online-Übertragung an jedem Ort der Welt mitverfolgt werden. Dank der Zusammenarbeit mit dem Schaffhauser Fernsehen ist das Festival im ganzen Schweizer TV-Netz zu sehen. Röllin setzt seine Hoffnungen zudem auf das sogenannte «Crossposting», mit dem in den sozialen Medien ein Multiplikatoreffekt bewirkt wird. Das Streaming-Angebot sollte so eine grössere Zielgruppe erreichen. Röllin erhofft sich pro Abend bis zu 10000 Streamer.

Finanzielle Einbussen halten sich in Grenzen

Erfreulicherweise halten sich die finanziellen Einbussen für das Schaffhauser Jazzfestival in Grenzen. Die Gagen für die Musikerinnen und Musiker werden ausbezahlt, doch fallen umgekehrt die Kosten für die Unterkunft weg. Sie decken den Mehraufwand durch das Streaming. Nur die Besuchereintritte fallen weg, doch die machen lediglich 10 bis 15 Prozent des Budgets aus. Das Defizit kann gemäss Röllin von Stadt, Kanton, Bund und den Sponsoren gedeckt werden. «Wir gehen also nicht Konkurs», sagt er erfreut.

Das grösste Manko des Streaming-Festivals ist das fehlende kollektive Erlebnis. Denn ein Festival bietet immer auch soziale Kontakte. Es bilden sich Gemeinschaften, in denen vor Ort diskutiert, kritisiert und gelobt wird. Ein Austausch von Meinungen ist zwar online möglich, er ist aber nie so unmittelbar, direkt und emotional. «Wir sind aber auch froh, dass das Online-Format ein anderes Erlebnis ist», sagt Röllin. Livestreaming ist eine gute Möglichkeit, im Lockdown sinnliche, musikalische Erfahrungen zu machen. Künftig ist es als Ergänzung eine gute Möglichkeit. Doch das Gemeinschaftserlebnis kann es nicht ersetzen. Wir freuen uns also auf das 32. Schaffhauser Jazzfestival im nächsten Jahr.

31. Schaffhauser Jazzfestival: Im Schaffhauser Fernsehen oder Live-Online-Format über live.jazzfestival.ch. 15. Mai 20 – 23 Uhr; 16. Mai 19 – 23 Uhr.