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Das Elend auf dem Sockel

In seinen «Dramaticules» zeigt sich der Dramatiker Samuel Beckett als Meister der Reduktion. In der Lokremise werden sieben gezeigt: Schwere Kost, aber grosse Stücke von Macht und Abhängigkeit, todtraurig und komisch zugleich.
Valeria Heintges
Der arme Mann auf dem Sockel sieht noch nicht leidend genug aus: Szene aus Becketts «Katastrophe». (Bild: Tine Edel)

Der arme Mann auf dem Sockel sieht noch nicht leidend genug aus: Szene aus Becketts «Katastrophe». (Bild: Tine Edel)

ST. GALLEN. Der Regisseur hat alle Macht und alle Zeit der Welt. Genüsslich rauchend sitzt er im Sessel und inszeniert das Elend. Das wird von einem Mann verkörpert, den Beckett ironisch den «Protagonisten» nennt. Er steht auf einem Sockel, damit auch die Zuschauer in der ersten Reihe das Elend von Fuss bis Kopf sehen können. Eine Assistentin hüpft um den Regisseur herum, notiert sklavisch seine Hinweise. Der Regisseur ist erst zufrieden, als der Mann zerfallen, in demütiger Haltung, weiss im Gesicht, auf den Händen und den Unterschenkeln, im Schlafanzug dasteht. «Er zittert», sagt die Assistentin. «Zum Glück», sagt der Regisseur.

Kein Wort zu viel

Mit dem Kurzdrama «Katastrophe» lässt Regisseur Peter Ries seinen Beckett-Abend am Theater St. Gallen beginnen. Kaum sechs Seiten füllt der Text in der Suhrkamp-Ausgabe. Denn vor allem in seinem Spätwerk ging der irische Dramatiker immer mehr in die Reduktion. Kein Wort zu viel durfte gesprochen werden, alles wurde ganz genau festgelegt, die Regieanweisungen sind minutiös.

Sieben dieser «Dramaticules» haben Ries und seine Dramaturgin Sonja Lamprechter zu einem knapp zwei Stunden dauernden Abend zusammengefasst. Ausstatter Gernot Sommerfeld hat dafür Spielinseln in die Lokremise aufgebaut: Sitzreihen für «Katastrophe» in einer Ecke, zwei Stuhlreihen für «Ohio Impromptu» an einer Seite, eine riesige Stahltreppe für «Tritte» an der anderen. Geschickt werden die Szenerien in verschiedene Lichtstimmungen getaucht.

Dabei erweisen sich die kleinen Werke zuweilen als Etüden für die grossen. So erinnert «Bruchstücke I» mit einem blinden Strassenmusiker und einem Rollstuhlfahrer an Hamm und Clov aus «Endspiel», die Frau im Schaukelstuhl in «Rockaby» an «Warten auf Godot».

Erniedrigte und Beleidigte

Überraschend abwechslungsreich variieren die Dramaticules typische Beckett-Motive wie das Spiel mit der Macht, dem Erheben oder Erniedrigen – in «Katastrophe» steht das Elend auf dem Sockel, in «Bruchstücke I» nutzt der Rollstuhlfahrer seine Beweglichkeit, um den Blinden zu erniedrigen. In einem schwer durchschaubaren Abhängigkeitsverhältnis lebt auch in «Tritte» die kranke Mutter mit ihrer Tochter, die nach neun Schritten schon ihren Freiraum ausgemessen hat. Und in «Rockaby» reicht der Befreiungsschlag der Tochter nur dazu, sich wie die Mutter in den Schaukelstuhl zu setzen – und wie sie darin zu sterben.

Fein austarierte Werke hat Becket geschrieben, die vom Zuschauer äusserste Konzentration erfordern – und nicht mit einer fest umrissenen Lösung belohnen. Schwebendes, Spielerisches, Geheimnisvolles, Komisches und Todtrauriges spielen die Schauspieler Danielle Green, Wendy Michelle Güntensperger, Christian Hettkamp, Anselm Lipgens, Silvia Rhode und Marcus Schäfer.

Der Text wehrt sich

Das funktioniert – solange Regisseur Riese bei Beckett bleibt. Wenn er aber zum Beispiel in «Katastrophe» den Mann auf dem Podest in den sich im Applaus badenden Star verkehrt, wehrt sich der Text. Denn auch in unserer Mediengesellschaft suhlen sich nur Täter im Licht – Opfer sind so sehr im Dunkeln wie alle Jahrhunderte zuvor.

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