Das Eis bricht, das Wasser steigt

Im Dokumentarfilm «Thuletuvalu» zeigt Regisseur Matthias von Gunten («Max Frisch, Citoyen») bildstark und filmisch brillant die Folgen der globalen Klimaerwärmung an zwei entlegenen Punkten des Globus.

Geri Krebs
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Wo das Eis schmilzt, wird es auch für die Hundeschlitten gefährlich: Szene aus dem Dokumentarfilm «Thuletuvalu». (Bild: pd/Looknow)

Wo das Eis schmilzt, wird es auch für die Hundeschlitten gefährlich: Szene aus dem Dokumentarfilm «Thuletuvalu». (Bild: pd/Looknow)

Thule im Norden Grönlands ist einer der nördlichsten bewohnten Orte der Erde. Hier gehen Inuit-Männer noch mit traditionellen Hundeschlitten auf die Jagd nach Robben und Narwalen. Doch das wird immer gefährlicher, misst doch die Eisdecke, die früher rund zwei Meter dick war, heute gerade mal noch dreissig Zentimeter.

Ein Inselparadies geht unter

Dagegen ist der kleine Inselstaat Tuvalu im Pazifik, rund 20 000 km von Thule entfernt, gewissermassen am entgegengesetzten Punkt der Erde gelegen, auf den ersten Blick ein irdisches Paradies: Geld braucht man hier kaum, denn was man zum Leben benötigt, wächst hier oder man kann es sich aus dem Meer holen. Zumindest war das bis vor etwa zwei Jahrzehnten so. Denn hier, wo die höchste Erhebung der ganzen Inselgruppe gerade mal vier Meter beträgt, hat bereits ein geringfügiger Anstieg des Meeresspiegels dramatische Folgen: Die Kokospalmen am flachen Sandstrand werden unterspült, während gleichzeitig das Meer ins Grundwasser der wenigen Süsswasserbecken auf den Inseln eindringt und so den Anbau von Gemüse mehr und mehr verunmöglicht.

Bilder, die für sich sprechen

Weitgehend ohne Kommentar, nur von einigen wenigen Zwischentexten unterbrochen, hat Matthias von Gunten sich ganz auf die Aussagekraft seiner Bilder verlassen. Er vertraut darauf, dass für sich selber spricht, was diese Menschen an den extremen Rändern der Welt zu sagen haben. Er und sein Team – nur aus ihm selber, dem Kameramann Pierre Mennel und Tonmeister Valentino Vigniti bestehend – hat mit einer Grossfamilie in Thule und einer in Tuvalu während mehrerer Monate zusammengelebt; an diesen Orten, wo manchmal wochenlang kein Schiff und kein Flugzeug hinkommt. Ein einziges Mal wird die denkwürdige – und folgenlose – Weltklimakonferenz von 2009 in Kopenhagen in einer kurzen Sequenz ins Bild gerückt. Man sieht und hört den Staatschef von Tuvalu, der die Weltöffentlichkeit vergeblich auf die Tatsache hinweist, dass sein Land kurz davor steht, von der Erdoberfläche zu verschwinden.

Montage mit «Cliffhanger»

Es sind berückend schöne Aufnahmen von eisigen Weiten vor strahlend blauem Himmel und einem sanft plätschernden Meer mit Fischern in Kanus vor einer Palmenkulisse, welche die Cutterin Caterina Mona bisweilen so gekonnt montiert hat, dass im ersten Moment gar nicht klar wird, wo man sich gerade befindet. Dann aber schafft die Montage mit harten Schnitten Sequenzen von echter «Cliffhanger»-Qualität. Etwa dort, wo bei einer Hundeschlittenfahrt einer der Jäger während einer Rast plötzlich einen sich rasch verbreiternden Riss im Eis entdeckt – und die Szene in eine Kanufahrt der Fischer auf dem Meer vor Tuvalu übergeht. Wenn dann in der nächsten Sequenz die Eisdecke an dem sich vergrössernden Riss leichte Auf-und-Ab-Bewegungen macht, hält man als Zuschauer den Atem an. Man bekommt eine geradezu physisch nachvollziehbare Ahnung davon, unter welch schwierigen, ja teils gefährlichen Bedingungen der Film entstanden ist. Und was der abstrakte Begriff der Klimaerwärmung für die direkt betroffenen, dort seit unzähligen Generationen lebenden Menschen konkret bedeutet.

Matthias von Gunten ist morgen, 20 Uhr, Gast im Kinok St. Gallen. «Thuletuvalu» läuft im Kinok St. Gallen, im Passerelle Wattwil und im Cinema Luna Frauenfeld; weitere Kinos folgen

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