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Das eigene Stück Land im Kopf

Am Stadttheater Konstanz hebt Didi Danquart John Steinbecks Klassiker «Von Mäusen und Menschen» in die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Das wäre nicht zwingend, denn zeitlos ist das Scheitern von Träumen und das Scheitern der Gesellschaft.
Dieter Langhart
«Es kommt keiner in den Himmel, und keiner kriegt sein Stück Land»: Sebastian Haase (Lennie) in der Schlussszene von «Von Mäusen und Menschen». (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

«Es kommt keiner in den Himmel, und keiner kriegt sein Stück Land»: Sebastian Haase (Lennie) in der Schlussszene von «Von Mäusen und Menschen». (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Klatschen, Stampfen, Johlen: Sebastian Haase bekommt den stärksten Premierenapplaus. Verdient, denn er hat den Lennie so wunderbar gespielt: tapsig und stotternd, offenherzig und verwundbar. Er wird ihn nicht erleben, seinen Traum vom eigenen Stück Land, mit einem Häuschen und einem Garten und einem Stall mit Kaninchen, nach denen er schauen würde. Sein Freund Georg hat es ihm versprochen, denn es ist auch Georgs Traum. «Wetten, wir könnten es schaffen», hatte Georg gesagt. «Wir könnten in Saus und Braus leben», hatte Lennie geantwortet und gelächelt.

Sie schaffen es nicht, nicht in John Steinbecks Kurzroman «Von Mäusen und Menschen», nicht in Didi Danquarts Inszenierung am Stadttheater Konstanz. Georg gibt Lennie den Gnadenschuss, damit es nicht die andern tun, die ihn jagen, weil er der Schwiegertochter des Direktors das Genick gebrochen hat. Nicht aus Bosheit, sondern weil seine Pranken so gross und stark sind und er so gern etwas Weiches streichelt: Mäuse und Kaninchen und dann das rote Kleid der Frau.

Kameradschaft als Trost in der Misere

Steinbeck kannte aus eigener Erfahrung das Milieu der heimatlosen, von einer Arbeit zur nächsten ziehenden Erntehelfer. Das war in der Wirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen. Regisseur Didi Danquart, 1955 in der Industriestadt Singen geboren, hat die Fremd- und Gastarbeiter erlebt, die halfen, die soziale Markwirtschaft für das deutsche Wirtschaftswunder ins Land zu holen. «‹Von Mäusen und Menschen› muss man neu interpretieren», sagte Danquart am Pressetermin, «der Plot ist entscheidend, nicht die Geschichte.» Flugs hat er den Stoff regionalisiert: Georg und Lennie sind nicht mehr Erntehelfer, sondern Fabrikarbeiter, die von Hattingen im Ruhrpott südwärts ziehen. Ihr Traum ist derselbe: endlich etwas Eigenes besitzen. Und Lennie will, dass Georg es ihm immer wieder erzählt: «Es würde uns gehören und niemand könnte uns rausschmeissen.»

Einziger Trost ist den Entwurzelten die Kameradschaft, das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Der bärenstarke, aber geistig zurückgebliebene Lennie braucht den kleinen, gewitzten Georg (sehr intensiv und glaubhaft: Ingo Biermann), der ihn davor zu bewahren sucht, durch seine unkontrollierte Kraft in Konflikt mit der Umwelt zu geraten. Doch auch Georg ist von seinem Freund abhängig, obwohl er immer wieder wütend erklärt, ohne Lennie hätte er es schon viel weiter gebracht: Seine Fürsorgerolle macht ihn überlegen und selbstbewusst. Er kann sein Wunschbild, seinen Traum vom Eigenheim ernst nehmen und darauf hinarbeiten, statt mit den andern den Lohn an Schnaps und Nutten zu verschwenden.

Doch der Zuschauer spürt stets, dass das merkwürdige Gespann einer Illusion nachjagt. Lennies kindlich tapsige Vorliebe für weiche Tierfelle und rote Frauenkleider hat die beiden schon einen Job gekostet.

Starke Spieler auf einer düsteren Bühne

Die Konstanzer Inszenierung gefällt, aber nicht durchwegs, auch wenn Danquart ganz nah an Steinbecks Text bleibt. Sie hebt an vor einem drohenden, grauen Fabriktor (Bühne: Theresia Anna Ficus und Anita Könning), kaum Platz für Georg und Lennie, die zu spät dran sind und sich ein Nachtlager suchen am Salinas River, der auf eine Kloake reduziert wird. Am nächsten Morgen öffnet es sich, eine Projektion deutet die Fabrik an.

Danquart ändert die Figuren nur leicht: Candy wird zu Kandić (stark: Vladimir Pavic), der Nigger Crooks bleibt Crooks und stammt nun aus Malawi (rührend: Robert Magasa). Der vermittelnde Vorarbeiter Slim heisst Fritz (fürsorglich: Raphael Westermeier), Direktorsohn Cornel wird zum Würstchen (genügend steif: Florian Rummel), dessen Frau Erika erhält den Namen, auf den Steinbeck verzichtet hatte (souverän naiv: Jana Alexia Rödiger), und Carlson wird zu Karl (wuchtig: Thomas Fritz Jung). Nur sprechen sie allzu oft zum Publikum statt miteinander.

Didi Danquart belässt John Steinbecks Vorlage ihre karge und klare Wahrheit. Wozu aber die klassischen Musikmotive? Wozu das pompöse, rauchgeschwängerte Finale mit Lennies Verfolgern, die zum stampfenden Chor mutieren? Raffiniert hingegen der erlösende Schuss: Georg zielt daneben und trifft Lennie dennoch: «Nein, Lennie. Ich war nie böse auf dich und ich bin’s jetzt auch nicht.»

Vorstellungen bis 5.12.

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