Gastkommentar

Das Bundesamt für Kultur fördert die falschen Filme – Die Beamten haben Wissenslücken und sind beratungsresistent

Kunst ohne Freiheit ist undenkbar. Eine Plattitüde, beim Film jedoch ein dringendes Postulat. Ein Gastkommentar zu den Gepflogenheiten des Bundesamtes für Kultur.

Alex Bänninger *
Drucken
Teilen
Alex Bänninger *Publizist und Autor von Büchern über Kultur, Architektur und Medien. Er war Kulturchef des Schweizer Fernsehens.

Alex Bänninger *
Publizist und Autor von Büchern über Kultur, Architektur und Medien. Er war Kulturchef des Schweizer Fernsehens.

Bild: Donato Caspari

Es gibt in der Schweiz zweierlei Filmschaffende: Jene, die ihre Unabhängigkeit verloren haben, und jene, die den Verlust noch nicht bemerkt haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Bund, die SRG und die Zürcher Filmstiftung, die sich zur Förderung eines unabhängigen Films verpflichteten, hebeln die Autonomie aus.

Ohne Hilfe der drei Institutionen ist ein Filmprojekt kaum finanzierbar. Das tiefere Problem: Die Verantwortlichen pflegen zu ihrer Macht ein enges Verhältnis. Kritik an der Förderpraxis verbitten sie sich. Die Filmschaffenden äussern Unmut nur hinter vorgehaltener Hand. Die Angst vor Abstrafung lähmt.

Zwei Verwalter des Füllhorns sind erforderlich, soll ein Projekt weder ein Traum bleiben noch finanziell zum Albtraum werden. Insofern ist der unabhängige Schweizer Film eine Fiktion. Sie müsste zur Realität werden. Kunst ohne Freiheit ist undenkbar.

Fehlendes Vertrauen

Vor mir liegen 67 Begründungen, die beim Bundesamt für Kultur (BAK), geleitetet von Isabelle Chassot, zu einer Ablehnung führten. Betroffen waren weder Debütanten noch Dilettanten, sondern Könner ihres Fachs, bereit, mir gegen die zugesicherte Anonymität die Begründungen der Entscheide offenzulegen.

Die Ablehnungen zerstören den Glauben – dies der Gesamteindruck –, dem Bund auf Vorschuss vertrauen zu können. Von einer Lotterie zu sprechen, wäre zu harmlos. Eine Lotterie folgt Regeln, das BAK nicht.

Die Förderverordnung des Eidgenössischen Departements des Innern nennt sieben Kriterien, nach denen ein Projekt zu prüfen ist, die einzelnen Gesichtspunkte gegeneinander abwägend, das in der Kulturbotschaft verankerte Ziel vor Augen, den Filmschaffenden Kontinuität zu ermöglichen.

In den analysierten Begründungen wurden vier der sieben Kriterien teils gründlich, teils flüchtig berücksichtigt: Drehbuch, Projektreife, Auswertungspläne, Budget. Die Kriterien künstlerisch-technische Kohärenz, Angebotsvielfalt und Erfahrung der Produktionsteams spielten eine Nebenrolle, die Kontinuität gar keine.

Haare in der Suppe

Der lockere Umgang mit den Kriterien weicht bei den Drehbüchern der Strenge. Sie werden examiniert, als wären es in Granit gemeisselte Konzepte und nicht erst Skizzen. Die leidenschaftliche Suche nach Defekten ist sowohl eine laienhafte Verkennung filmischer Herstellungsprozesse als auch ein unverdienter Zweifel an der kreativen Intelligenz der Filmschaffenden.

Bei der Drehbuch-Lektüre gefallen sich die Experten als Gelegenheitsautoren. Sie zerbrechen sich den Kopf, wie ein Film mit einer anderen Herangehensweise – und natürlich besser – realisiert werden könnte.

Noch schlimmer: Aus der Differenz zwischen den zusammenfantasierten Drehbüchern der Experten und jenen der Filmschaffenden ergeben sich die Mängel, die gegen die Projekte vorgebracht werden. Diese Methode garantiert Entsorgung statt Förderung.

Eingriffe in die Freiheit

Die Experten missachten die künstlerische Freiheit. Sie entscheiden, ob ein Stoff Relevanz besitzt, ob ein Film anwaltschaftlich sein darf, wie viel Emotionalität es verträgt, was fürs Publikum gefährlich sein könnte.

Das sind willkürlich definierte Zusatzkriterien. Verträglichkeitsprüfungen kennzeichnen den Staatsfilm, hier gesteuert von selbst ernannten Wächtern.

Fundamentalistischer Eifer

Für die Begründungen werden Textbausteine verwendet. Zu den häufigsten gehören «nicht restlos überzeugend» und «nicht vollends überzeugend». Das heisst, wo die seriöse Arbeit der Expertengremien beginnen sollte, endet sie. Jedes Projekt müsste intensiv geprüft werden bis zur Gewissheit, dass es ohne Relativierung entweder überzeugt oder nicht überzeugt.

Sind den Experten die eigenen Überzeugungen das Mass aller Dinge, wird es brandheiss. Wer Filme auf ihre Förderungswürdigkeit hin beurteilt, wäre gehalten, unvoreingenommen auf die Argumente der Filmschaffenden zu hören und seine Meinung gegebenenfalls zu revidieren.

Fehlt es an dieser geistigen Toleranz, erstarrt die eigene Überzeugung zur Ideologie. Dafür finden sich in den Ablehnungen Belege. Sie verraten, dass die Gremien nicht den klassischen Gattungen Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilm zugetan sind, sondern der amtlich konfigurierten Sondergattung Expertenfilm.

Sprachrätsel

Auffallend oft wird mit «scheinen» und «wirken» argumentiert: etwas «erscheint als fraglich», etwas «wirkt als unausgegoren». Das mag der erste Eindruck sein. Wenn, dann wäre nachzuprüfen, ob er sich erhärtet und eine Ablehnung rechtfertigt.

Filmschaffende, die konventionell gestalten oder episodisch erzählen, laufen bei den Experten ins Messer. Ernsthaft muss es sein und formal neu. Den Experten kann es nie «dramatisiert» genug sein, nie aufregend, emotionalisierend genug.

Vielleicht meinen die Fachleute mit der fehlenden Dramatisierung die Dramaturgie, die zu wünschen übrig lässt, sie verwechseln also zwei Begriffe unterschiedlicher Bedeutung. Auch in der Sprache manifestiert sich das amtliche Förderverständnis.

Röhrenblick

Die Experten fokussieren auf die Geschichte, gestalterische Aspekte am Rande streifend und harsch bekrittelnd. Egal, ob ein Drehbuch von Erfahrenen oder Unerfahrenen realisiert wird. Der Röhrenblick ist die verhängnisvollste Art, ein Drehbuch zu lesen.

Es wird aus dem für einen Film elementaren Bezugsfeld gerissen, nämlich dem Zusammenspiel der künstlerischen und technischen Kräfte, die eine Vorlage gestalten, umgestalten, weiter entwickeln und im Dialog miteinander um die beste Lösung ringen. Von der Intensität dieser wechselseitigen Inspiration hängt das Gelingen ab. Prognosen sind schwierig, jedoch kein professioneller Grund, ein Drehbuch unter Ausblendung seines arteigenen Kontexts zu beurteilen.

Harmonie statt Kontrolle

Vor den erdrückenden Projektbergen mögen sich Irrtümer einschleichen. Dagegen ist eine Sicherung eingebaut: Die Experten treffen keine Entscheide, sondern stellen Anträge, die der Chef der Sektion Film, Ivo Kummer, namens des BAK zu genehmigen hat. Er soll gemäss Vorschrift «in der Regel der Empfehlung der begutachtenden Ausschüsse» folgen, darf aber begründet davon abweichen.

Eine positive oder negative Empfehlung kann umgedreht werden, wenn das BAK die Expertenmeinung als kläglich fundiert oder im Vergleich mit ähnlichen Projekten als unverhältnismässig einstuft. Sodann könnte das BAK Empfehlungen zurückweisen und eine stichhaltige Argumentation verlangen.

Sämtliche analysierten Ablehnungen wurden vom Chef der Sektion Film durchgewinkt. Das Gebot, mit den Experten nur ausnahmsweise zu streiten, ist sinnvoll. Aber die mir vorliegenden Ablehnungen zeigen, dass die Willfährigkeit gegenüber den Gremien eisern geheiligt wird.

Macht ist taub

Ich bin auf Projekte gestossen, die bei einer sachbezogenen Beurteilung zwingend hätten gefördert werden müssen. In beunruhigend zahlreichen Fällen wäre es notwendig gewesen, die Experten anzuhalten und floskelhafte und in die künstlerische Freiheit eingreifende Befunde durch glaubwürdige und faire zu ersetzen. Auch wenn die Filmförderung weder eine exakte Wissenschaft sein kann noch soll, müsste sie dem Anspruch auf Treu und Glauben genügen.

Aus Erfahrung ist bekannt, dass besorgte Einwände beim BAK wirkungslos bleiben. Sie werden bestenfalls mit der Behauptung gekontert, alles sei in glänzender Ordnung. Macht ist taub.

Wie sich die Filmförderung verändert hat

Von Fredi M. Murer

Anno 1984 genügte eine 15-seitige Filmerzählung, um für «Höhenfeuer» Geld von Bern zu bekommen. Dieses Vertrauen befeuerte die künstlerische Freiheit des gesamten Teams. Für denselben Film müsste ich heute ein marktrelevantes Drehbuch und ein 100-seitges Produktionsdossier inklusive ärztliches Zeugnis, vorlegen.

Den Zuschlag bekommen in der Regel die begabtesten Gesuchsteller, während die begabtesten Filmerinnen und Filmer (über 65) ihr Glück als Edelstatisten auf anderen Bühnen versuchen.

Nach der heutigen Filmförderdoktrin gilt das Drehbuch als das A und O, als wäre die Lektüre schon die Endstation. Vom Plan eines Hauses würde niemand behaupten, er sei das bewohnte Haus. Seit je bestehen die Filmteams aus lauter kreativen Menschen, die das Drehbuch auf die Leinwand zaubern.

Seit wir mit dem Handy vor Augen durch die Welt gehen, ist Filmen ein Menschenrecht: Ich schwenke, also bin ich. Und da die kleine Schweiz pro Kopf der Bevölkerung die grösste Filmemacherdichte der Welt aufweist, sehen sich die Filmfördergremien mit einer Flut von Gesuchen konfrontiert, die «mit bestem Wissen und Gewissen» allein nicht mehr zu bewältigen sind. Vielleicht müssten unsere Filmförderinstanzen bei Swisslos nachfragen, wie man mit der steigenden Nachfrage umgeht.

*Fredi M. Murer ist Filmemacher («Höhenfeuer», «Vitus») und Illustrator.

Weitere Kommentare aus dem Kulturteil der Schweiz am Wochenende finden Sie hier: