Das Bühnenbild steht, doch jetzt kann nicht gespielt werden: Auf Standby im Theater Bilitz in Weinfelden

Optimistisch hat Roland Lötscher noch das Bühnenbild aufgebaut. Jetzt prüft der Leiter Theater Bilitz Kurzarbeit für sein Ensemble.

Dieter Langhart
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Roland Lötscher baut das Bühnenbild auf, und wird nicht spielen.

Roland Lötscher baut das Bühnenbild auf, und wird nicht spielen.

Bild: Reto Martin (Weinfelden, 14. März 2020)

«Langsam langsam langsam», ruft Roland Lötscher seinen zwei Helfern Tom und Heather zu. «Isch dine?» – «Ja», sagen der scheidende Techniker und seine Nachfolgerin. Element um Element setzen die drei das Bühnenbild für das Stück «Das Herz eines Boxers» zusammen, einen Eisenkäfig. Standort: Theaterhaus Thurgau in Weinfelden. Veranstalter: Theater Bilitz, spezialisiert auf Kinder- und Jugendtheater. Publikum: alle ab 13 Jahren. Vorstellungen: geplant ab morgen Mittwoch. Die alle Pläne durchkreuzende Aktualität: Coronavirus.

Roland Lötscher leitet das Bilitz, er entscheidet: «Wir werden den ‹Boxer› nicht spielen.» Es ist Samstag, 10 Uhr, am Tag zuvor war das Bilitz noch mit «zOff@net.ch» am Theaterlenz im Chössi-Theater aufgetreten.

Das Bühnenbild bleibt vorläufig stehen. «Wir sind auf Standby», sagt Lötscher. Alle Vorstellungen bis Ende April wurden abgesagt, doch sobald sich die Lage entschärft habe, könne man wieder spielen. «Wir sind gelassen, wir wissen, wie man improvisiert und auf unerwartete Situationen reagiert», sagt er. Mit digitalen Alternativen will er den Kontakt zum Publikum halten.

Kurzarbeit für Schauspieler wegen Corona

Roland Lötschers Enkeltochter ist gerade ein Jahr alt, und er fragt rhetorisch: «Was bringt die Zukunft?» Er hat zwei erwachsene Kinder, lebt in Winterthur, im Juli wird er 62, plant noch nicht die Zeit nach dem Theater. «Ich fühle mich reifer, nicht älter, meine Begeisterung ist dieselbe wie am Anfang.»

Er ist der einzige am Bilitz mit einer vollen Stelle, ist Schauspieler und Leiter, bezeichnet sich Allrounder, baut auch Bühnen auf. Er vertraut auf seine Resilienz, seine Widerstandsfähigkeit, sie gibt ihm die Energie, dranzubleiben. Aber er lerne, seine Energie einzuteilen, damit er gesund bleibe.

Die Reihen bleiben vorerst leer: Schauspieler und Regisseur Roland Lötscher vom Theater Bilitz stellt trotzdem das Bühnenbild auf im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden.

Die Reihen bleiben vorerst leer: Schauspieler und Regisseur Roland Lötscher vom Theater Bilitz stellt trotzdem das Bühnenbild auf im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden.

Bild: Reto Martin

Roland Lötscher besuchte das Lehrerseminar in Kreuzlingen, studierte dann Theaterpädagogik und Schauspiel. Nach Engagements in Theatertruppen wie Spatz & Co. oder Theater im Schulhaus gründete er vor 32 Jahren das Theater Bilitz. «Wir hatten am Anfang keinen Business-Plan und kein Geld. Das war vor der Zeit der kantonalen Kulturförderung.» Jede Produktion brauchte ein Fördergesuch beim Kulturamt, das Gelder aus dem Lotteriefonds spricht; inzwischen ist der Betrieb durch eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton gesichert. Aus dem Bilitz ist ein kompetentes KMU mit Angestellten geworden.

In den letzten Jahren hat das Bilitz die Stücke für Erwachsene zurückgefahren: «Ein gutes Kinderstück ist immer auch für die Grossen spannend.» Der Spielplan ist dicht für das Kernteam aus fünf Spielern und einem Musiker. Wird es wegen der Corona-Krise Kurzarbeit am Bilitz geben? «Das ist gut möglich für die Schauspieler», sagt Lötscher.

272 Mal spielte er «Herz eines Boxers»

Nach über sechzig Produktionen pendelt Lötscher immer noch zwischen Schreibtisch und Bühne. Er sagt: «Sechzig Prozent Büro und sechzig Prozent Schauspiel.» Wie oft hat er Lutz Hübners preisgekröntes Stück «Das Herz eines Boxers» schon gespielt? 272 Mal – er weiss die Zahl auswendig. Stets hatte er die Rolle des Leo inne, die zweite Figur hat oft gewechselt, neu spielt er mit Michael Fuchs. «Jedes Gegenüber ist bereichernd und verhindert, dass sich bei mir Routine einschleicht.»

Szenenbild aus «Das Herz eines Boxers» - Roland Lötscher hat diese Rolle bereits 272 Mal gespielt.

Szenenbild aus «Das Herz eines Boxers» - Roland Lötscher hat diese Rolle bereits 272 Mal gespielt. 

Bild: PD

Hat er sich als Boxer nie müde gefühlt? «Nein!» Der Spannungsbogen übers KO-Gehen und Wieder-Aufstehen mache es für Jung und Alt sehenswert. Beim Bilitz sei es ähnlich, sagt er mit einem Augenzwinkern und erwähnt Finanzlage, Defizite, Ausfälle durch Krankheit.

Was schätzt Schauspieler Lötscher so sehr an der Bühnenarbeit? «Vor allem den Kontakt mit dem Publikum. Kinder und Jugendliche reagieren so direkt. Manchmal kommen sie nach der Vorstellung zu dir, geben dir die Hand und sagen danke.»

Des Schauspielers Lohn sei mehr als der Applaus, sei die Unmittelbarkeit, die Nähe. Die Spannung verändere sich von Vorstellung zu Vorstellung, ein Stück entwickle sich weiter, werde präziser. «Fertig ist es erst, wenn du es nicht mehr spielst.»

Was wünscht sich Roland Lötscher für die Theaterlandschaft Thurgau? «Sie hat sich sehr gut entwickelt, eine neue Generation wächst nach. Sie möge das Interesse an Kultur erhalten und stärken – die Gesellschaft braucht Kultur.»

Infos über aktuelle Angebote und digitale Formate auf bilitz.ch sowie facebook.com/theaterbilitz

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