Das Bilderbuch für die Zwangspause daheim: Hier wird so viel aufgeräumt, dass man das Chaos wieder schätzt

Im neuen Buch der Herisauer Autorin Anna Schindler wird aufgeräumt, und zwar gründlich: Roboter Robert schafft Ordnung. Im wohltuend unpädagogischen Bilderbuch wird der Wert der Unordnung verteidigt.

Bettina Kugler
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Robert räumt nicht nur auf, er putzt und bügelt und sortiert und spült.

Robert räumt nicht nur auf, er putzt und bügelt und sortiert und spült.

Illustration: Katrin Dageför

Ach, wäre das schön: ein emsig-freundliches Helferlein für alle Fälle. Eines, das ohne Murren abräumt, Geschirr spült, das Bad putzt, die Wäsche bügelt und schön faltet, auf dem Teppich verstreute Legosteine einsammelt und sortiert – es könnte viele Familien glücklich machen. Gerade jetzt während der Zwangspause zu Hause, unter Home-Officers und fernbeschulten Kindern. Im Dichtestress wächst das Chaos stündlich.

Da kommt einer wie Robert gerade recht. Unangekündigt steht er eines Morgens vor dem Haus, sieht aus wie eine graue Abfalltonne aus alten Zeiten, in die jemand einen kaputten Regenschirm gestopft hat, und wartet auf seinen Einsatz.

Der gute Geist, der nicht zu bremsen ist

Denn Robert ist mitnichten eine Tonne. Vielmehr ist er ein Retter in der Not. Bei nächstbester Gelegenheit wird er zeigen, was in ihm steckt: Er wird sich rühren, den Schirm zuklappen, ein bisschen Krach machen und dann stracks Einzug halten in den durchschnittlich unaufgeräumten vier Wänden von Kira, Niko und ihren putzmüden Eltern.

Und während Robert fleissig ist, haben die Eltern Zeit, um vorzulesen und zu spielen.

Und während Robert fleissig ist, haben die Eltern Zeit, um vorzulesen und zu spielen. 

Illustration: Katrin Dageför 

Keiner weiss, wer ihn geschickt hat, aber er legt gleich los. Schon stehen die Schuhe blitzblank in Reih und Glied; Staub und Dreck verschwinden in seinem grossen Maul. Im Wohnzimmer liegen die Hefte und Bücher nun auf Kante; endlich haben die Eltern Zeit zum Vorlesen und Mitspielen. Zu schön, um wahr zu sein?

Tatsächlich. Denn Robert, der fröhliche und unermüdliche Roboter, tut etwas zu viel des Guten. Als aufmerksame Haushaltshilfe macht er nonstop einen derart guten Job, dass man bald schon an Goethes Ballade vom Zauberlehrling denken muss, und ahnt: So kann es nicht weitergehen. Ein bisschen Dreck darf sein, Chaos gehört dazu. Ordnung ist nur das halbe Leben.

Der kreative Spielplatz wird keine Marie-Kondo-Oase

Die Herisauer Autorin Anna Schindler

Die Herisauer Autorin Anna Schindler

Bild: Ralph Ribi

Anna Schindler hat über das leidige Thema Aufräumen und Saubermachen ein wohltuend unpädagogisches Buch geschrieben; nach «Bis zum blauen Meer» ist es ihr zweites Bilderbuch in der Edition Pastorplatz. Weder führt es Kindern mit erhobenem Zeigefinger vor, wie sie ihr Zimmer vom kreativen Spielplatz zur Marie-Kondo-Oase verwandeln. Noch tut es so, als sei ein sauberes Zuhause nur etwas für Bünzlis.

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Wenn überhaupt ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl zwischen den Zeilen steckt und in den klaren (auch im grössten Chaos noch übersichtlich wirkenden) Illustrationen von Katrin Dageför, dann der, dass man das Saubermachen weder übertreiben noch delegieren soll. Sondern mit spielerischer Leichtigkeit handhaben.

Robert schafft was weg: Er räumt schon mal die Teller vom Tisch, bevor sie leer sind.

Robert schafft was weg: Er räumt schon mal die Teller vom Tisch, bevor sie leer sind. 

Illustration: Katrin Dageför

Am schönsten sind die behutsamen Anspielungen auf Kinderbuchklassiker – besonders augenfällig jene auf der Doppelseite, die zeigt, wie Robert seinen Dienst quittiert. Doch auch wer hier nicht wissend schmunzelt, findet in den Bildern genügend Stoff für weiterführende Geschichten.

Zwar fällt die für nächste Woche geplante Buchtaufe in Herisau wegen des Lockdowns aus. Zwischen Buchdeckeln aber kommt Robert auf telefonische Bestellung dorthin, wo er gebraucht wird. Nur Putzen und Aufräumen muss man weiterhin selber.

Anna Schindler, Katrin Dageför: Robert räumt auf. Ab 3. Edition Pastorplatz, Fr. 22.50

Das Einmaleins des Vorlesens

Das Angebot an digitalen Bilderbüchern, online oder als Apps, wächst seit Jahren. Sie können das gemeinsame Lesen und Entdecken spielerisch erweitern – Austausch und Nähe ersetzen sie jedoch nicht.
Bettina Kugler

Schindlers Erstling

HERISAU. Anna Schindler aus Herisau ist eine begeisterte Anhängerin von Kinder- und Jugendbüchern. Am 10. September stellt sie im «Buchpunkt» Herisau ihr erstes Bilderbuch «Ein Glas Zeit» vor.
Tamara Jochim