Das Banale hinter grossen Ideen

Architekten aus aller Welt entwerfen für eine aufstrebende chinesische Provinzstadt. Der Filmemacher Hercli Bundi hat das Projekt in Jinhua mit der Kamera begleitet – zwischen Hoffnung und Realität pendelnd. Ab morgen ist sein Film «The House in the Park» im Kinok zu sehen.

Ursula Badrutt Schoch
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Es beginnt mit der Grundsteinlegung, die an ein Begräbnis erinnert. Und endet mit der Einweihungsfeier in einem Moment, in dem noch lange nicht alles realisiert ist.

Ai Weiwei ist 2002 mit der Projektgestaltung für eine riesige Parkanlage in Jinhua beauftragt worden. Es ist die Heimatstadt seines Vaters Ai Qing, dem berühmten Dichter, der 1957 in die Verbannung geschickt und später rehabilitiert wurde. Ai Weiwei lädt gemeinsam mit Herzog & de Meuron 17 Architekten aus Europa und Amerika ein, 17 Pavillons zu bauen, einen Zeitungsstand, einen Unterstand für Kinder, ein Parkwächterhaus – ein prestigeträchtiges Projekt, das Investoren für weitere Vorhaben in die Stadt holen soll.

Neugierde geweckt

Der in Basel lebende Bündner Regisseur Hercli Bundi ist mit einigen der Basel Architekten befreundet. Das lenkt seine Neugierde nach China. Zuvor, so gesteht er eingangs, hat er sich nie für dieses Land interessiert.

Zwischen 2005 und 2007 reist er dreimal nach China. Zuvor besucht er die Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein, Daniel Bucher und Andreas Bründler sowie Tilo Herlach, Simon Hartmann und Simon Frommenwiler in ihren Büros, lässt sich die Gedanken der Entwerfer anhand von Modellen erklären, die Recherchen rekapitulieren, Wegfindung nachvollziehen, die Faszination für das Schöpfen von Welt in einem synthetischen Ort erspüren. Dann geht es los. Bedächtig sammelt Bundi Eindrücke, lässt uns teilhaben am Staunen, am Fragen.

Berührende Gespräche

Der Filmemacher trifft sich mit Ai Weiwei, unterhält sich mit einem alten Mann, einem weisen Bauern. Er begegnet wiederholt einem Buben, Jiang Zexiao, der seine Blumen im abzubrechenden Haus zurücklassen musste und jetzt Ingenieur werden will. Er spricht mit den Wanderarbeitern, die von Baustelle zu Baustelle ziehen und gerade daran sind, den Baum aus Beton zu bauen, mit dem der Verlorenheit ein wenig Geborgenheit entgegengesetzt werden soll. Die Menschen erzählen von ihren Sorgen und Hoffnungen, Freuden und Zweifeln. Wir lassen uns berühren von den einfachen Geschichten, die das ganz Banale zeigen hinter den grossen Ideen.

Er komme immer mehr zum Schluss, sagt Regisseur Hercli Bundi gegen Ende seines Filmes, dass der Aufstieg des Landes nur deshalb so reibungslos ablaufe, «weil die Hoffnungen der Leute wie Blankoschecks benutzt werden.» Nur einer, ein junger Mann am Fluss, verneint, Wünsche zu haben. «Sie würden nicht in Erfüllung gehen. Deshalb habe ich keine.»

Erkenntnis mit Schwermut

Ein melancholischer Grundton legt sich über den Film und über das Land, in dem Wachstum und Erfolg die einzigen Werte sind. Dass das in seiner eigenen Heimat nicht anders ist, dass das Romanisch verschwindet und die Menschen dem Erfolg und der Zukunft hinterherrennen, dass er Schwermut in den Augen sieht, hier wie dort, gehört zu den besonders wertvollen Erkenntnissen. «Hat die Zukunft ein Gesicht», fragt Bundi ganz am Schluss. «Ja! Sie ist der Spiegel der Erinnerung.»

Die Sorgfalt, mit der Hercli Bundi sich dem Reich der Mitte mit seinem unermesslichen Fortschrittsdrang nähert, geht unter die Haut. «The House in the Park» ist kein Dokumentarfilm, schon gar kein Architekturfilm. Wir bleiben keine Zaungäste, die auf irgendetwas schauen. Hercli Bundi nimmt uns mit, so wie er selber mitgegangen ist. Er schaut mit dem Herzen auf die scheinbar herzlos emporschiessenden Städte, denn hinter dem allenthalben zu beobachtenden Bauboom stehen Menschen. Diese sind es, die den Film, die das Land, die das Leben liebenswert machen.

Kinok in der Lokremise, morgen So, 18 Uhr; Sa 6.8., 17.30 Uhr; Di 9.8., 18 Uhr; Di 16.8., 18.30 Uhr und letztmals Sa 20.8., 17.15 Uhr