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Dreimal Kunst in der Ostschweiz: In der Kunsthalle Arbon dampft es, im Nextex St.Gallen sitzt man auf Fenstergittern und im Architekturforum werden Zeichen gesetzt

Mit subtilen Eingriffen und minimalen Verschiebungen schärfen die Kunstschaffenden die Wahrnehmung der Betrachter und lassen sie Räume neu erleben.
Christina Genova
In der Kunsthalle Arbon steigt Wasserdampf von der Decke – alle acht Minuten. (Bild: Ladina Bischof)

In der Kunsthalle Arbon steigt Wasserdampf von der Decke – alle acht Minuten. (Bild: Ladina Bischof)

Es ist ein kurzer Schreckmoment, als sich von der Decke der Kunsthalle Arbon plötzlich eine Wolke löst. Wasserdampf senkt sich auf die Besucher, die an diesem heissen Frühsommertag die Erfrischung dankbar entgegennehmen. Nach zwei Minuten ist der Spuk vorbei, nach acht Minuten folgt die Wiederholung. Ist es die Halle selbst, welche alle paar Minuten ein Schnauben ausstösst? Auch Geräusche gibt sie von sich. Immer dann, wenn die Sonne die Dachkonstruktion aus Metall erwärmt, ertönt ein markantes Knistern und Knacken.

Der Eingangsbereich Der Kunsthalle Arbon wurde in Fiberglas abgeformt und nach Innen verdoppelt. (Bild: Ladina Bischof)

Der Eingangsbereich Der Kunsthalle Arbon wurde in Fiberglas abgeformt und nach Innen verdoppelt. (Bild: Ladina Bischof)

Dass die Halle ein gewisses Eigenleben entwickelt, zeigt sich auch im Eingangsbereich. Dort wartet das Westschweizer Künstlerpaar Camille Villetard und Matthieu Barbezat, von welchem die Interventionen stammen, mit einer weiteren Irritation auf: Das Vordach und das Tor haben die Künstler mit Fiberglas abgeformt und in die Halle hineingespiegelt. Es scheint, als stosse diese das halbtransparente Material wie eine zweite Haut von sich, einer Schlange gleich. Die Verdoppelung wirkt surreal, auch weil im Fiberglas jeder Kratzer im Metall seine Spuren hinterlassen hat.

Immerwährende Abenddämmerung

Seltsam ist auch die Lichtstimmung im Innern der Halle. Sie ist in goldenes Licht getaucht, als herrsche permanente Abenddämmerung. Dieser Effekt entsteht, weil Barbezat-Villetard alle Fenster mit oranger Folie abgeklebt haben. Dieser einfache Eingriff macht es unmöglich, im Innern der Halle anhand des Lichteinfalls die Tageszeit zu bestimmen.

Mit seinen subtilen Interventionen gelingt es dem Künstlerpaar, gleichzeitig zu verunsichern und und zu überraschen. Sie fordern die Wahrnehmung der Betrachter heraus, die auch die Leere in der Halle aushalten müssen. Ein weiteres Rätsel gibt der Titel der Ausstellung ­«Erehwon» auf – die Auflösung ist ganz einfach: Rückwärts liest man das Wort «nowhere» – nirgendwo – aber auch «now» und «here». Das Verlorensein, fern von Raum und Zeit, ist darin ebenso eingeschlossen wie die Verortung im Hier und Jetzt.

Reisst die Gitter weg!

Das Äussere nach Innen stülpt auch Andrea Vogel. Wie ihre Westschweizer Kollegen arbeitet sie mit Vorliebe ortsspezifisch. Sie hat die Fenstergitter im St. Galler Kunstraum Nextex demontiert und zu Sitzgelegenheiten umfunktioniert. Das italienische Konsulat, das sich früher dort befand, hatte diesen Schutz vor Einbrechern nötig, heute ist er überflüssig. Dieser minimale Eingriff zeigt eine grosse Wirkung: Der Raum wirkt heller – wie befreit.

Weitere geometrische Strukturen werden augenfällig: die Heizrohre entlang der Wände oder das Fischgrätmuster des Parkettbodens. Wer sich getraut, darf sich auf die Gitter setzen oder legen. Wirklich bequem sind die harten Metallstäbe nicht – doch die Umdeutung funktioniert. Locker im Raum gruppiert, haben sie das Abweisende ihrer früheren Funktion verloren. Vielleicht wären sie auch als Grillrost geeignet? Die Gitter eines weiteren Raumes fügte Andrea Vogel zu einem Bett zusammen. Andrea Vogel versteht ihre Eingriffe durchaus politisch: «Brecht die Mauern ab, reisst die Gitter weg», kommentiert sie ihre Installationen.

Vom Fenstergitter zum Gitterbett. (Bild: Michael Bodenmann)

Vom Fenstergitter zum Gitterbett. (Bild: Michael Bodenmann)

Sehr schön fügt sich ihre Videoarbeit «The Ghost of Alexandria» zu dieser Botschaft. Sie entstand während eines Aufenthalts in Ägypten diesen Frühling. Die Künstlerin beobachtete eines Morgens, wie der Vorhang in ihrem Hotelzimmer wie von Geisterhand bewegt aus dem Fenster wehte. Sie filmte den ebenso poetischen wie melancholischen Vorgang von ihrem Bett aus. «Der Vorhang kann ein bisschen in die Freiheit, aber nicht ganz», sagt die Künstlerin. Es geht ihm ähnlich wie den Ägyptern, die während des arabischen Frühlings von der Freiheit kosten durften, heute aber wieder im festen Griff eines Regimes sind.

«Der Vorhang kann ein bisschen in die Freiheit, aber nicht ganz», sagt die Künstlerin. Es geht ihm ähnlich wie den Ägyptern, die während des arabischen Frühlings von der Freiheit kosten durften, heute aber wieder im festen Griff eines Regimes sind.

Die liegende Acht: Resultat von sieben Tagen Arbeit. (Bild: Michael Bodenmann)

Die liegende Acht: Resultat von sieben Tagen Arbeit. (Bild: Michael Bodenmann)

Linien der Unendlichkeit

Auch Beatrice Dörig hat im Nextex eine ortsspezifische Arbeit ausgeführt. Schon länger befasst sie sich mit den Themen Zeit und Vergänglichkeit. In den Raum hat sie eine liegende Acht eingeschrieben – das Symbol für Unendlichkeit, welche die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Während sieben Tagen arbeitete die Künstlerin an der Wandarbeit, zog ihre Kreise während mehrerer Stunden täglich, Linie um Linie, worauf der Titel «Line Goes By» Bezug nimmt. Absolute Konzentration war dafür nötig: «Kamen Leute vorbei, musste ich aufhören», erzählt die Künstlerin. Es ist gespeicherte Zeit, die darin steckt, das Werk mahnt aber auch an die Vergänglichkeit, denn es wird nur für die Dauer der Ausstellung zu sehen sein. Auch das Gebäude selbst wird bald Geschichte sein.

«Chronos, Topografie der Zeit» von Beatrice Dörig. (Bild: Michael Bodenmann)

«Chronos, Topografie der Zeit» von Beatrice Dörig. (Bild: Michael Bodenmann)

Auch auf Papier zieht die Künstlerin ihre Linien: Bei der Arbeit «Milkyway» schrauben sie sich spiralförmig ineinander und bewegen sich gar über die Begrenzung des dunkelblau grundierten Papiers hinaus: «Das Universum hört nicht auf, nur unsere Vorstellung.» Bei «Chronos, Topografie der Zeit» wiederum entwickeln die Linienwirbel stoffliche Qualitäten. Obwohl sie sich schon seit zwei Jahren in ihrer Kunst auf Linien konzentriert, hat Beatrice Dörig noch nicht genug: «Ich finde die Reduktion auf die Linie befreiend.»

Salome Schmukis abstrakte Zeichen sind von verschiedenen Schriftsystemen inspiriert. (Bild: Salome Schmuki)

Salome Schmukis abstrakte Zeichen sind von verschiedenen Schriftsystemen inspiriert. (Bild: Salome Schmuki)

Buchstabe oder Zeichen?

Nicht mit Linien, sondern mit Zeichen setzt sich schon seit längerem Salome Schmuki auseinander. Die St. Gallerin zeigt im Architekturforum Ostschweiz von verschiedenen Schriftsystemen inspirierte Zeichenfolgen. Ihre künstlerische Arbeit wird von ihrer Tätigkeit als Grafikerin und Typografin befruchtet. Sie hat eigene Schriften für Menschen mit Lesestörungen, sogenannter Dyslexie, entwickelt. Dadurch, dass diese nahe an der Handschrift sind, sind sie besser lesbar.

Versucht man die Zeichen zu deuten, die auf silberglänzendes Papier gedruckt als Bodenarbeit ausgelegt sind, geht es einem wohl ähnlich wie einem Menschen mit Dyslexie: Man glaubt, etwas entziffern zu können, doch man ist zum Scheitern verurteilt. Denn die Formen erinnern zwar an Buchstaben, doch es sind abstrakte Zeichen, die zwischen verschiedenen Zuständen oszillieren.

Kunsthalle Arbon, bis 7.7.; Nextex St. Gallen, bis 30.6.; Architekturforum Ostschweiz, bis 30.6.

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