Das Auge Gottes sieht nicht alles – Beatrice Häfliger aus dem Neckertal präsentiert ihren Debutroman

Mit ihrem autobiografischen Debutroman taucht die im Neckertal lebende Beatrice Häfliger tief in die Kindheit ein.

Bettina Kugler
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Schreiben, Zeichnen, Modellieren sind für Beatrice Häfliger Lebenskunstgattungen.

Schreiben, Zeichnen, Modellieren sind für Beatrice Häfliger Lebenskunstgattungen.

Bild: Michel Canonica

Die zehnjährige Eva wächst nicht im Paradies auf. Doch locken auch auf dem Schulweg im Aargauer Dorf verbotene Früchte. Ein reifer Gravensteiner hat es ihr angetan; sie wird ihn vor den Augen der anderen Kinder dem hübschen blonden Buben auf dem Pausenplatz schenken. «Schon sass sie rittlings auf dem Zaun und griff hemmungslos nach dem Apfel, der in ihrer Hand noch viel schöner war als das Lockbild in ihrem Kopf.»

Mit dieser Urszene von biblischer Wucht taucht Beatrice Häfliger in ihrem kürzlich erschienenen Romandèbut in die Kinderjahre der kleinen Eva ein. Deren Geschichte hat viel mit ihr selbst, ihrer eigenen Herkunft und mit ihrem späteren Beruf zu tun. Zehn Jahre hat die im Neckertal lebende Künstlerin und Schulsozialarbeiterin an «Das Mädchen mit dem Pagenschnitt» geschrieben und gezeichnet. Die Zeichnungen halfen ihr, der Vergangenheit näher zu kommen, sie zur Sprache zu bringen. Das Bildgedächtnis legte Verdrängtes frei. So fand Beatrice Häfliger zu einer präzisen Erzählweise in Nahaufnahmen und Innenansichten kindlichen Fühlens und Denkens.

Herumstromern als kindliche Sozialforschung

Natürlich bleibt Evas Freveltat in der rigide geordneten, auf Gehorsam und Prüderie gegründeten Welt der 1960er-Jahre nicht ungesühnt. Sie wird von Mitschülern in die Mangel genommen und muss beim Pfarrer nachsitzen. Der lässt das Kind unter dem gestrengen Auge Gottes an der Wandtafel auf einem Vierkantlineal knien und verschafft sich derweil unter dem Pult Lust. Eva nimmt das wahr, kann es aber nicht einordnen. Beatrice Häfliger lässt ihr aus der Distanz von Jahrzehnten die Naivität des Kindes: eine Qualität, die «Das Mädchen mit dem Pagenschnitt» auf den folgenden zweihundert Seiten auch in weniger drastischen Momenten beibehält – wenn sie die Naturverbundenheit Evas beschreibt, die Seelenverwandtschaft zum Hund des Nachbarn, die Suche nach einem Platz in der kinderreichen Familie, die Armut der sich bis zur völligen Erschöpfung abrackernden Eltern.

Das macht den Roman zu einem anschaulichen Zeitdokument. Schon das Kind hat ein waches Auge für die sozialen Verhältnisse, die Beziehungen der Menschen, ihre unterschiedliche Art, sich mit den Strukturen zu arrangieren. Zudem verbindet der Roman Kunstformen, mit denen Beatrice Häfliger schon in der Zeit experimentierte, als sie noch (wie die knapp 50-jährige Eva in der Rahmenhandlung des Romans) als Sozialpädagogin in Zürich tätig war. Ihre besondere Liebe galt der Bildhauerei – ohne den Ehrgeiz, auch etwas auszustellen. «Bis ein so aus reiner Freude entstandener Pan sich bei mir beschwerte, er wolle gesehen werden», sagt sie. Ähnlich ging es mit dem Schreiben. Sie begann zunächst, Träume und Biografisches zu notieren. An einen Roman dachte sie da noch nicht.

Weiterleben und Schreiben ohne den geliebten Mann

Die Bleistiftzeichnungen, mit denen sie sich auf ihre und Evas Geschichte zubewegt hat, sind klein und zart im Buch abgedruckt. Inspirierend und prägend für ihr Schreiben war aber auch der Mann, mit dem Beatrice Häfliger fast drei Jahrzehnte lang in dem einsamen Bauernhaus im Neckertal lebte, dessen Bücher sie lektorierte, mit dem sie sich über Lektüren austauschte: der Schriftsteller und Gelegenheitslehrer Peter Angst. Vor zwei Jahren starb er nach einem schweren Krebsleiden. Über das Weiterleben und Weiterlieben gab Beatrice Häfliger der Radiojournalistin Cornelia Kazis für deren Witwenbuch Auskunft. Und sie schreibt derzeit selbst darüber. Ein Arbeitstitel lautet «Hart und weich zusammenbringen.» In ihrem Erstling ist das bereits geglückt.

Beatrice Häfliger: Das Mädchen mit dem Pagenschnitt, Wolfbach. Lesung am 27.Februar, 20Uhr, Keller zur Rose St.Gallen.