Das älteste Holzbauwerk Europas

Im Jahr 1411 vor der Zeitrechnung, also mehr als 200 Jahre bevor Moses mit seinem Volk aus Ägypten zog, haben Ur-Engadiner eine Quellfassung errichtet, die heute wieder im Zentrum des Interesses steht – die bronzezeitliche Mauritius-Quellfassung in St. Moritz.

Heini Hofmann
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Das 3D-Modell der Mauritius-Quellfassung von 1411 v. Chr. (Bild: Aus dem Buch «Mythos St. Moritz»)

Das 3D-Modell der Mauritius-Quellfassung von 1411 v. Chr. (Bild: Aus dem Buch «Mythos St. Moritz»)

Die Engadiner Ur-Quellfassung bei der Mauritiusquelle in St. Moritz ist nicht nur das älteste Holzbauwerk Europas, sondern stellt einen der bedeutendsten alpinen prähistorischen Funde dar. Denn mit ihr wurde die frühestbekannte, höchstgelegene Heilquelle Europas gefasst, die später die kleine Bauernsiedlung San Murezzan zum Weltdorf St. Moritz katapultieren sollte.

Am Anfang war das Wasser

Berühmt geworden ist das noble Dorf im Oberengadin also dank heilendem Quellwasser. Doch weil man später nur noch auf den Sport setzte, geriet die einst weltbekannte Bädertradition in Vergessenheit. St. Moritz hat zudem sein Herzstück, das gesamte Bäderareal mitsamt der berühmten Mauritius-Heilquelle vor Jahren an einen russischen Investor abgetreten.

Zu weltweiter Bekanntheit kam die Mauritiusquelle im Mittelalter, zuerst durch Mediceer-Papst Leo X., der Prozessionen zur Quelle organisierte, und dann durch den Arzt Paracelsus, der diesen Sauerbrunnen als den besten Europas lobte. Bereits im 17./18. Jahrhundert setzte ein grosser Kuranden-Besucherstrom ein. Im 19. Jahrhundert schliesslich erfolgte der Aufstieg von St. Moritz zum Weltkurort.

Verkümmerte Bädertradition

Grosse Wellentäler entstanden durch die beiden Weltkriege und schliesslich dadurch, dass man die Bädertradition vernachlässigte und die Einrichtungen veralten liess. Die weltberühmte und einzige noch aktive Mauritiusquelle fristet heute ein Kerkerdasein. Die Paracelsusquelle ist zugeschüttet, die Surpuntquelle stillgelegt, und aktuell ist das Heilbad, der letzte aktive Zeuge der einst glanzvollen Bädertradition, gefährdet. 1853, anlässlich einer Sanierung der Mauritiusquelle, ist man auf die von Ur-Engadinern erstellte hölzerne Originalfassung dieser höchstgelegenen Heilquelle gestossen. Sie besteht aus zwei ausgehöhlten Lärchenstämmen, umgeben von zwei Holzkasten, innen Bohlen- und aussen Blockbau. Man begnügte sich mit Reinigungsarbeiten. Erst bei einer Neufassung 1907 wurde das ganze Konstrukt gehoben, das Professor J. Heierli schon damals korrekt als bronzezeitlich taxierte. Fortan lag diese urtümliche Quellfassung der Mauritiusquelle im Keller des Engadiner Museums. 1995 machte der Archäologische Dienst Graubünden einen ersten, 1998 einen erfolgreichen zweiten Datierungsversuch mit Dendrochronologie und radioaktiver C14-Methode, mit erstaunlichem Ergebnis: 1466 vor Christus. Diese fast 3500 Jahre alte Quellfassung ist also das gesamteuropäisch älteste und zugleich besterhaltene prähistorische Bauwerk aus Holz. Deshalb entschied man sich, diese Kostbarkeit im restaurierten Forum Paracelsus auszustellen. Also nicht bei der Mauritiusquelle, wo sie eigentlich hingehört.

Eine Quelle auf Reisen

Doch vorher wollte man ihr ein Facelifting angedeihen lassen. Zu diesem Zweck ging die Quelle 2013 auf grosse Reise, von St. Moritz ins Sammlungszentrum des Schweizerischen Nationalmuseums in Affoltern am Albis, begleitet von der Archäologin Monika Oberhänsli. Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat sie die 117 Hölzer unter verschiedenen Aspekten unter die Lupe genommen, inklusive Erstellung eines 3D-Modells und einer erneuten exakten Altersbestimmung. Und siehe, die Quellfassung – jetzt auf 1411 v. Chr. datiert – wurde um 55 Jahre jünger. Im Juni 2014 kehrte sie nach St. Moritz zurück und fand ihre vorläufige Bleibe im Forum Paracelsus. Berühmt geworden ist die Mauritiusquelle vor allem wegen des Aha-Erlebnisses beim Trinkgenuss direkt ab Quelle. Weil es sich um kohlensäureübersättigtes Wasser handelt, prickelt dies beim Trinken ab Quelle extremer als Champagner; ab Trinkbrunnen mit langer Zuleitung jedoch verpufft dieser Effekt.

Die Quellfassung auf Reisen. (Bild: Aus dem Buch «Mythos St. Moritz»)

Die Quellfassung auf Reisen. (Bild: Aus dem Buch «Mythos St. Moritz»)