Das Abc begreifen

Lesenlernen beginnt lange vor dem ersten Schultag. Kinder, die ausgiebig spielen und schon im Babyalter vielfältige Anregungen bekommen, tun sich wesentlich leichter dabei. Entscheidend für den Lernerfolg ist auch, dass viel gesprochen wird in der Familie. Und dass die Eltern oft und gerne lesen. Bettina Kugler

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assorted childrens toy letter building blocks against a white background (Bild: david morrison (24276028))

assorted childrens toy letter building blocks against a white background (Bild: david morrison (24276028))

Esel. Elefant. Birne. Sterne. Das Kind am Küchentisch kreist mit dem Bleistift Buchstaben ein. Gesucht ist das E, gross oder klein, in verschiedenen Schriften, in Nomen und Verben. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hefts probiert die Siebenjährige selbst, in wackliger Anfängerschrift: Riesige «E»s, darunter kleinere, schön in Reihen aufmarschierend oder in Wortlücken gequetscht. Neben jedem ein Bild: So kann sie sich das Wort einprägen.

«Die Buchstabenreise» steht auf dem Heft; so also heisst das Spiel, das nun kein zwangloses mehr ist wie bislang, sondern Arbeit – obgleich das Übungsheft für Erstklässler dieses Wort absichtsvoll meidet. Das Reisen von Buchstabe zu Buchstabe soll ja auch Spass machen. Doch zunächst macht es Mühe; es braucht Zeit und ein gerüttelt Mass an Geduld. Dessen wird sich nicht nur das frischgebackene Schulkind bald bewusst. Aa, Ll, Ii, Mm, Ee, Nn: Seit August lernt Lotta lesen. Sechs Wochen, sechs Buchstaben, die übrigen laufen immer schon unauffällig mit. Wenn sie der Schulanfängerin in ihrem früheren Leben hin und wieder begegnet sind: umso besser.

Zeit geben, sich Zeit nehmen

«Eltern sollten ihr Kind beim Buchstabieren nicht drängen und keinesfalls schimpfen, wenn es eine Weile schleppend langsam vorangeht», sagt Christian Thommen von der Pädagogischen Hochschule in Rorschach. Als Studienbereichsleiter Sprachen und Mathematik vermittelt er künftigen Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern, Lehrerinnen und Lehrern der Primarstufe die Grundlagen der Lesedidaktik. Darüber hinaus hält er Vorträge im Rahmen der Elternbildung. Dabei zeigt Thommen Müttern und Vätern auf, welch herausragende Rolle sie spielen – im Lernprozess selbst und lange davor. «Eltern müssen sich Zeit nehmen und dem Kind Zeit geben beim Lesenlernen», sagt er.

Ein gutes Beziehungsklima

Das gilt zum einen für die anfänglich zehn Minuten Hausaufgaben pro Tag, für das Üben, Wiederholen und behutsame Korrigieren bei Flüchtigkeitsfehlern, die sich einschleichen, wenn das Kind mehr Routine gewinnt und beginnt, Wörter an Anfangs- und Endbuchstaben zu erraten. Aber viel mehr noch gilt es grundsätzlich für das Beziehungs- und Bildungsklima in der Familie.

Frühe Leseförderung – für Thommen und nach aktuellem Forschungsstand bedeutet das: Ein Kind bekommt Gelegenheit, ein gutes Körperbewusstsein zu erlangen, die Wahrnehmung mit allen Sinnen einzuüben, Material zu erkunden. Es wächst in einer Familie auf, die das Leben aktiv gestaltet, Neues ausprobiert und an möglichst vielem Interesse hat.

Das Üben beginnt beim Spielen in der Natur, beim Balancieren über Steine im Bach, beim Legen, Stecken, Drucken. Es beginnt, wenn das Kind malt; wenn es Papier rupft, schneidet, zerknüllt. Wenn es in Ruhe Bilder anschaut und in eine Reihenfolge bringt. Je vielfältiger die Anregungen, die ein Kind vom Babyalter an erhält, je reicher sein Erfahrungsschatz schon vor dem Kindergarten und auch: je mehr darüber gesprochen wird, desto leichter wird sich ein Kind später beim Entziffern von Wörtern tun.

Weltwissen ist die Basis, auf der ein reicher Wortschatz aufbaut. «Kinder aus Migrantenfamilien haben oft einen recht kleinen Wortschatz sowohl in ihrer Muttersprache als auch in der Zweitsprache Deutsch», sagt Christian Thommen, «damit fehlen ihnen Konzepte – was das Lernen allgemein erschwert.»

Werden fremdsprachige Kinder hingegen in der Muttersprache gefördert, durch gemeinsame Lektüre, durch Lieder, Verse, erzählte Geschichten und zugewandtes Gespräch, so hilft ihnen das, in die andere Sprach- und Schriftkultur hineinzuwachsen.

Grosse Ziele verfolgt die «Buchstabenreise»: Technisches Lesen, beginnend mit dem Wiedererkennen von Logos und Firmennamen, später von Sprachzeichen, die sich ein Kindergartenkind aus der Umgebung erschliesst («Taxi» etwa, oder «WC»), führt langsam zum verstehenden Lesen: der Grundlage für Wissenserwerb und Wissenserweiterung.

Schlüsselkompetenz Lesen

Im digitalen Zeitalter bleibt Lesefähigkeit, im Fachjargon «Literalität», die Schlüsselkompetenz schlechthin. Wer etwas wissen will über das Paarungsverhalten von Fröschen oder über die Geschichte Frankreichs, der kann zwar notfalls googeln, statt in die Bibliothek zu gehen. Doch was ihm die Internet-Suchmaschine anbietet an Informationen, das muss er lesen, verstehen und einordnen können. Je besser ein Kind lesen und dabei Inhalte begreifen kann, desto grösser wird sein Schulerfolg allgemein sein – und davon hängt wesentlich ab, ob es gern in die Schule geht.

Nicht allein das Abc, als Kinderzimmerposter oder Beschäftigungsblock für Wartezeiten, bringt ein Kind schon im Vorschulalter zum Lesen. Die Lust kommt oft von ganz allein: zu verlockend ist es, selbst Zettelchen und kleine Briefe schreiben zu können, eine Einkaufsliste oder ein Warnschild für neugierige Mütter mit der krakeligen Aufschrift «PRIVAT». Was Grosse können und machen, stachelt den Lerneifer an. So kommt es, dass Lotta am Küchentisch sich auffällig beeilt mit «E» und «e», um dann zu «Thea lernt reiten» zu greifen und der kleinen Schwester aus ihrem momentanen Lieblingsbuch vorzulesen.

Das Leseumfeld prägt

«Das Leseverhalten in der Familie ist prägend», betont Christian Thommen, «Eltern haben hier einen enormen Einfluss – zum einen dadurch, dass sie selbst lesen, ob nun Bücher oder die Zeitung; zum anderen, wenn sie dem Kind vorlesen, mit ihm gemeinsam in die Bibliothek gehen und Interesse an den Büchern zeigen, die es schon selbst lesen kann.» Liest eine Mutter gern und regelmässig, fördert das die Leselust der Kinder, ohne dass es viel Überredungskunst braucht.

Väter, die vorlesen und daraus ein liebevolles Ritual machen, tun nicht nur sich selbst etwas Gutes. Sie treten auch beherzt gegen verbreitete Vorurteile an. Und fördern dabei die Sprachentwicklung ihres Kindes, seine Fähigkeit zur Konzentration, sein Einfühlungsvermögen, die Phantasie.

Später gilt es, der Leselust gute Nahrung zu geben: Bücher, die zum Alter und den Interessen passen. Dann, wenn das Kind über Esel und Elefant hinausgewachsen ist. Wenn es schon nicht mehr stockend vorliest, sondern still für sich und – ganz «privat».

Lesen und verstehen: Lesefertigkeit ist Grundlage für Wissenszuwachs. Kinder, denen das Lesen leichtfällt, gehen auch lieber in die Schule. (Bild: dapd/Sascha Schürmann)

Lesen und verstehen: Lesefertigkeit ist Grundlage für Wissenszuwachs. Kinder, denen das Lesen leichtfällt, gehen auch lieber in die Schule. (Bild: dapd/Sascha Schürmann)