«Dann packt mich die Sehnsucht»

Ihren Mentor Stress hat sie hinter sich gelassen, ebenso ihre langjährige Band. Vor ihrem Konzert in der Ostschweiz spricht Nicole Bernegger über Heimweh und das Muttersein, aber auch von Konzerten in Hallenstadien und Homestories.

Katja Fischer De Santi
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Fühlt sich mit ihrem neuen Sound vögeliwohl: Schweizer Soulsängerin Nicole Bernegger. (Bild: pd)

Fühlt sich mit ihrem neuen Sound vögeliwohl: Schweizer Soulsängerin Nicole Bernegger. (Bild: pd)

Zwei Jahre sind vergangen, seit Nicole Bernegger, im achten Monat schwanger, die Castingshow «The Voice Of Switzerland» gewann. Damit wurde die 37jährige Sängerin auf einen Schlag einem grossen Publikum bekannt. Und musste – quasi während des Mutterschaftsurlaubs – ein erstes Album einsingen. Im Frühling dieses Jahres hat sie ihr zweites Album «Small Town» vorgelegt und tourt nun durch die Schweiz.

Frau Bernegger, stört es Sie, dass Sie immer wieder auf Ihre Doppelrolle als Mutter und Sängerin angesprochen werden?

Nicole Bernegger: Es verwundert mich eher, als ob ich die einzige Frau wäre, die Job und Familie unter einen Hut bringen muss.

Unter Schweizer Musikerinnen sind Sie mit Ihren drei kleinen Kindern aber tatsächlich eine Exotin.

Bernegger: Was wohl daran liegt, dass man als Musikerin mit den gängigen Betreuungsangeboten nicht viel anfangen kann. Gebe ich Konzerte, beginne ich zu arbeiten, wenn die meisten Krippen schliessen. Für Aufnahmen muss ich auch mal mehrere Tage am Stück weg, dazu kommen immer wieder kurzfristige Termine. Selbst für eine Tagesmutter wäre dies eine Zumutung. Und um eine Nanny zu bezahlen, verdient man als Musikerin in der Schweiz viel zu wenig.

Aber bei Ihnen funktioniert es irgendwie?

Bernegger: Nicht irgendwie, sondern dank meiner Familie. Mein Mann, meine Eltern, meine Gotte, sie alle richten ihre Agenda an meiner aus. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Seit Ihrem Sieg bei «The Voice of Switzerland» hört man wenig von Ihnen, weshalb?

Bernegger: Ich habe in den letzten zwei Jahren mein drittes Kind geboren, zwei Alben herausgebracht und Hunderte Konzerte gegeben, man hätte also sehr wohl von mir hören können. Aber wenn Sie irgendwelche Homestories meinen, da können Sie lange darauf warten. Meine Kinder haben in den Medien nichts verloren. Dabei bleibe ich, und wenn dabei meine Karriere draufgeht.

Kürzlich waren Sie als Vorband von Simply Red auf Deutschland-Tour, haben jeden Abend in riesigen Stadien vor 10'000 Leuten gespielt.

Bernegger: Das war der Wahnsinn! Anfangs war mir schlecht vor Nervosität. Dieses Publikum hat ja nicht auf mich gewartet, die wollten alle nur Simply Red hören. Aber meine Angst war unbegründet, der Funke hat stets schnell gezündet.

Spielt Nicole Bernegger demnächst nur noch im Hallenstadion?

Bernegger: Nein, ich bin schon gern ganz nah bei meinen Leuten. Ich brauche diese Nähe, diese Emotionen, wenn ich auf der Bühne vor Rührung losheule und das halbe Publikum heult mit. Beides zu haben, die grossen Hallen und die intimen Clubs, das wär's.

Ihr zweites Album haben Sie ohne Ihren Mentor Stress eingespielt. Tönt es trotzdem oder gerade deshalb so sehr nach Ihnen?

Bernegger: Es war an der Zeit, alleine laufen zu lernen. Ich wollte mich von der Casting-Show befreien. Bei «Small Town» habe ich zum ersten Mal das Gefühl, ein Album gemacht zu haben, dass zu 100 Prozent zu mir passt.

Wie haben Sie Andy Wright, der unter anderem mit Simply Red oder Gianna Nannini arbeitet, dazu gebracht, Ihr Album zu produzieren?

Bernegger: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hatte Glück, dass Andy meine Lieder gefielen. Ein-, zweimal im Jahr lässt er sich dazu hinreissen, ein «Herzensprojekt» zu unterstützen. Teil seines kreativen Universums zu sein, war eine riesige Erfahrung. Die Türen seines Studios stehen weit offen, die talentiertesten Menschen gehen ein und aus, und jeder trägt etwas zum Gelingen bei.

Eines der schönsten Lieder auf Ihrem neuen Album trägt den Titel «Homesick». Haben Sie Heimweh?

Bernegger: Ja, und wie. «Homesick» habe ich in London geschrieben. Ich war seit einigen Tagen im Studio. Alles lief gut, bis mir meine Mutter am Telefon erzählte, dass unsere Kleine gerade ihre ersten Schritte gemacht hatte. Ich hätte losheulen können, so sehr packte mich die Sehnsucht. Doch statt nach Hause zu reisen, habe ich versucht, all diese Gefühle in einen Song zu packen; 30 Minuten später haben wir ihn das erste Mal eingespielt.

Nun sind Sie mit einer neuen Band unterwegs. Warum mussten Sie sich von Ihrer Band, mit der Sie zehn Jahren unterwegs waren, trennen?

Bernegger: Wir haben lange versucht, uns alle auf dasselbe Level zu bringen. Aber es ging nicht. Das wurde für einige Musiker zu heftig. Ich kam mir schrecklich vor, als ich diesen Entscheid fällen musste. Die Reaktionen vom Publikum auf die musikalische Qualität zeigen eindeutig, dass dieser Entscheid richtig war.

Konzert: Freitag 27.11., «Eintracht», Kirchberg