Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Provinz zwingt zur Kreativität

Sieben Jahre nach seinem hochgelobten Debut erscheint Daniel Mezgers zweiter Roman «Alles ausser ich». Eine Begegnung.
Alice Guldimann
Daniel Mezger schreibt über die Suche nach Identifikation und nach dem idealen Lebensentwurf. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Daniel Mezger schreibt über die Suche nach Identifikation und nach dem idealen Lebensentwurf. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Daniel Mezger wartet an einem gelben, runden Tisch auf der Terrasse eines Zürcher Cafés, unmittelbar neben der Limmat. Rundherum sitzen Leute konzentriert an ihren Laptops. Auch er kommt gerne ab und zu hierher zum Arbeiten. Mezger ist 41 Jahre alt, Schriftsteller, Schauspieler und Musiker. So steht es zumindest auf seiner Website. Im Gespräch stellt er aber rasch klar: «Ich bin Schriftsteller. Das ist mein Plan A.» Im Juni erschien Mezgers zweiter Roman «Alles ausser ich». Zum Schreiben fand der Zürcher allerdings erst über einige Umwege.

Auch in seinem neuen Roman geht es um Umwege. Mezger spielt darin mit verschiedenen Erzählperspektiven, die Sichtweise der Hauptfigur D. ist in der Du-Form gehalten. D. ist ein Meier. Sein Meiersein belastet ihn, seine bürgerliche Herkunft, seine langweilige Familie.

«Man ist selbst schuld, wenn man scheitert»

Ursina dagegen will kein Opfer ihrer schwierigen Vergangenheit sein, will sie am liebsten abstreifen. Dennoch sucht die Dänin in der Schweiz nach ihrem Vater, Hans Meier. Auch D’s Vater heisst Hans. Als die beiden sich treffen, verstrickt sich D. in der Vorstellung, eine Schwester zu haben, die aus einer Affäre seines Vaters entstanden ist. «Dein Meiersein war so meierisch also doch wieder nicht», denkt er sich. Er zwängt sich in Ursinas Leben, versteigt sich in Lügengeschichten, bis es zur Eskalation kommt.

Die Suche nach Identifikation und nach dem idealen Lebensentwurf ist in einigen von Mezgers Werken anzutreffen. «In unserer Zeit kann man sich selbst für einen solchen Lebensentwurf entscheiden. Man ist aber dann auch selbst schuld, wenn man scheitert», sagt er. Dieses Scheitern an der eigenen Freiheit interessiert Mezger. Die zwanghafte Suche nach vermeintlicher Identität und den Wert, der dieser beigemessen wird, sieht er kritisch.

Hat man sich einmal an die wechselnden Erzählperspektiven gewöhnt, ist «Alles ausser ich» ein äusserst spannender Roman. D’s Obsession mit Ursina, Ursinas Vergangenheit und die Geschichte ihrer Mutter ziehen den Leser in den Bann.

Mezger wuchs in Linthal auf, am Fuss der Glarner Alpen, umgeben von Berggipfeln. Die Kindheit war idyllisch, behütet, aber auch ziemlich öd. «Das hat uns als Teenager dazu animiert, kreativ zu werden und selbst etwas auf die Beine zu stellen», sagt Mezger. Er erzählt ungezwungen, lacht immer wieder auf, wenn er sich an etwas Lustiges erinnert. Schon als Teenager reizte ihn die Bühne, mit 13 war er in seiner ersten Band, sang und schrieb Texte.

Vom Schauspieler zum Bühnenautor

Nach dem Gymi war klar, dass man das Glarner Tal erstmal verlässt. Etwas mit Kunst wollte er machen, da war sich der Schüler sicher. «Meine Eltern erzählten mir, dass ich schon als kleines Kind Clown werden wollte», sagt er. Die Lust am Performen setzte sich schliesslich auch bei der Studienwahl durch. Mezger ging nach Bern an die Schauspielschule. Er erhoffte sich die weite Welt, die sich mit der Zeit jedoch immer enger anfühlte. Nach drei Jahren am Theater stand er erstmals ohne Job da. «Ich wollte schon länger etwas selbst schreiben. An diesem Punkt hatte ich keine Ausrede mehr, es nicht zu tun.» Mezger wurde zum Bühnenautor, nebenbei arbeitete er weiter als Schauspieler für Film und Fernsehen. Seine letzte grosse Rolle hatte er 2012 in der Komödie «Overbooked» vom Schweizer Regisseur Matthias J. Michel.

«Heute spiele ich eigentlich nicht mehr», erzählt Mezger. Dem Theater blieb er als Autor aber dennoch erhalten. Aus einer Zusammenarbeit mit Regisseurin Marie Bues und Schauspieler Dennis Schwabenland sind bereits zwei Stücke einer Trilogie zum Thema Freiheit entstanden. «Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam» (2014) und der zweite Teil «Edward Snowden steht hinterm Fenster und weckt Birnen ein» (2017) wurden in der Schweiz aufgeführt, sowie in Stuttgart, Wien, Aachen und gar in Buenos Aires.

Die Bühne liebt Mezger immer noch, das Auftreten, das Zusammenspiel mit dem Publikum. Diese Leidenschaft lebt er heute als Sänger der Band A Bang and a Whimper. Im Februar erschien ihre neue Single «(Beware of) Friends». Die Band sei ein wichtiger Ausgleich zum Schreiben, was oft im stillen Kämmerchen passiere, meint Mezger. «Es ist aber auch schön, dass die Musik nur Hobby sein darf und nicht mehr erfüllen muss.»

Im ersten Jahrgang am Bieler Literaturinstitut

Im Jahr 2006 nahm der damals 28-Jährige Mezger nochmals ein Studium in Angriff. Er gehörte zum ersten Jahrgang am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Viel gelernt habe er, Freundschaften geschlossen und sein berufliches Netzwerk erweitert. Auch, wenn es ihm manchmal zu viel «Schüelerlis» war. Gegen Ende der Ausbildung nahm sein erstes Buch «Land spielen» langsam Gestalt an, 2010 las er beim Bachmannpreis aus dem noch unfertigen Roman. Der Jury gefiel es nicht besonders. Der fertige Roman hingegen bekam später von der NZZ, dem «Tages Anzeiger», und der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sehr gute Noten.

«Als das Buch dann 2012 erschien, fühlte ich mich erstmals wirklich als Schriftsteller», sagt Mezger. Und das, obwohl es einigen Gegenwind gegeben habe, weil «Land spielen» in Wir-Form aus der Sicht der Protagonisten-Familie erzählt wird.

Sein neuer Roman lässt verschiedene Interpretationen zu und bietet Diskussionsstoff. Man darf auf Mezgers weitere Arbeiten gespannt sein. Doch nur so viel kann er jetzt schon versprechen: «Bis zum nächsten Buch wird es nicht mehr sieben Jahre dauern.»

Daniel Mezger: «Alles ausser ich». Salis Verlag, 448 Seiten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.