Dada ist ein Kind der Gegenkunst

10 000 Franken für ein Dada-Kind war 2004 eine schräge Kunstaktion von Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger. Das Künstlerduo Com&Com feiert international Erfolge. Seit am Romanshorner Hafen ihr Fabelwesen Mocmoc für heisse Köpfe sorgte, kennt man sie auch hier.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen

«Was Dada war, darüber waren sich ja nicht mal die Dadaisten einig», sagt Marcus Gossolt, neben Johannes M. Hedinger Mitbegründer des 1997 gegründeten Künstlerlabels Com&Com. Im Jahr 2003 sorgten sie auch in der Ostschweiz für öffentliche Aufmerksamkeit: Nachdem die Plastik Mocmoc (in Umkehrung ihres Kunstnamens) die Romanshorner Gemüter erhitzt hatte, kam wenig später in Zürich Dada leibhaftig auf die Welt.

«Gugus Dada»

«Zur Wiedereröffnung des Cabaret Voltaire in Zürich vor knapp elf Jahren wurden wir gebeten, eine Kunstaktion zu erfinden, die etwas Lärm machen – also einen kommunikativen Mehrwert haben sollte. Wir suchten in der Folge Eltern im Raum Zürich, die ungefähr auf den Geburtstag der Dada-Bewegung einen errechneten Geburtstermin haben würden und bereit waren, gegen ein Entgelt von 10 000 Franken ihr Kind Dada zu nennen», schildert Marcus Gossolt. Aus acht Elternpaaren, die sich meldeten, wählten Com&Com eines aus; die Mutter Schweizerin, der Vater aus Nigeria. «Der Grund, weshalb die Wahl auf diese Eltern fiel, lag darin, dass Dada im nigerianischen Dialekt <werdender König> bedeutet», erklärte das Künstlerduo damals. Das Projekt nannten sie «Gugus Dada». Mit der Produktmarke Bibi gestalteten sie einen Nuggi; mit Marius Tschirky brachten sie eine Kindermusik-CD heraus. Im Cabaret Voltaire hinterliessen sie einen Handabdruck des Babies.

Seinen zehnten Geburtstag feierte Dada gemeinsam mit Com&Com im Cabaret Voltaire. Im Rahmen des 100-Jahre-Jubiläums und der dieses Jahr zum elften Mal stattfindenden Manifesta Zürich waren Com&Com von Adrian Notz, dem Zeremonienmeister der Dada-Festivitäten, eingeladen worden, einen weiteren Schritt mit Dada zu unternehmen. Er hätte darin bestanden, gemeinsam mit «ihrem» Dada, der dieses Jahr elf Jahre als wird, ins Heimatdorf seines Vaters nach Nigeria zu reisen. Für Dada wäre es das erste Mal überhaupt gewesen. «Wie in einem persönlichen Familienalbum hätten wir mit Film und Foto den Ausflug dokumentiert. Doch die politischen Wirren machten es leider zu gefährlich.»

Gegen die Biederkeit

Aus objektiver, kunsthistorischer Sicht sei Dadaismus die «einzige wahre in der Schweiz initiierte, die westliche Welt umfassende und relevante Kunstrichtung», meint Gossolt. Sie beide seien sich mehrheitlich uneinig darüber, was ihnen Dada beziehungsweise Kunst im allgemeinen bedeute, was mit ein Grund dafür sei, dass sie über all die Jahre hinweg gemeinsam Kunst machen konnten und noch immer machen, fügen Gossolt und Hedinger hinzu.

Jede und jeder, der sich künstlerisch mit Dada befasst habe und dies noch immer tue, erfinde Dada immer wieder neu. Das gelte auch für Com&Com. Dada richte sich gegen die Biederkeit der Anpassung und die des schweigenden Mitlaufens und sei damals aus einer Antikriegshaltung heraus geboren worden.

«Unsere Gegenhaltung ganz zu Beginn von Com&Com – es war anfänglich nichts weiter als eine spontane Idee – richtete sich gegen die etablierte Kunst. Wir wollten uns eine Position in der Kunstgeschichte erschaffen, ohne Kunst zu machen.» Diese Haltung allerdings hielt im Kunstbetrieb der Begehrlichkeiten nicht lange an: Com&Com wurden sehr bald aufs Parkett der internationalen Szene gehoben.

Heute seien sie weit entfernt von der «pubertären Haltung», gegen nichts und damit gegen alles zu sein. Geblieben sei hingegen der unbedingte Wille, «keine Werke zu schaffen, die klare Formate haben».

Die Grenzen verschwimmen

So etwa das immer noch aktuelle Projekt «Bloch». Mit dem zwei Tonnen schweren Traditionsbaumstamm aus Urnäsch reisen Com&Com seit einigen Jahren rund um die Welt. Sie nennen ihn einen «global talking stick», den sie dorthin schicken, wo man ihn haben will. Unter anderem waren sie mit «Bloch» in Shanghai und in North Dakota. Momentan weilt «Bloch» in New York. Dies möge, unter den Aspekten von Ökologie und Finanzierung verrückt klingen, sagen Gossolt und Hedinger. Doch es setze ganz ohne ihr Zutun enorme, nie geahnte Energien frei. «Die Grenzen, wo das Kunstwerk beginnt und wo es aufhört, verschwimmen.» Womit der bleibende Bezug zu Dada hergestellt sei.

Die Frage, ob man mit provokativen, absurden Kunstinterventionen überhaupt noch über die Kunstszene hinaus für Aufregung sorgen könne, sei falsch herum gestellt. «Sie müsste heissen: Kann Aufregung Kunst sein? Oder kann ein menschliches Wesen, wie eben <unser> Dada, Kunst sein?» Sofern man dem Kunstdiskurs und -markt Glauben schenken dürfe, laute die Antwort Ja.

Aktuelle Nachrichten