Da unten rührt sich gar nichts mehr

Am Ende denkt er an Jorge Luis Borges, den argentinischen Dichter, der das letzte Viertel seines Leben blind zugebracht hat. Er denkt an Luis Buñuel, den Regisseur, der seine letzten beiden Filme wie Stummfilme gedreht hat – weil er nichts mehr gehört hat.

Rolf App
Drucken
Teilen
Tahar Ben Jelloun: Der Einschnitt, Berlin Verlag 2015, 125 S., Fr. 23.90

Tahar Ben Jelloun: Der Einschnitt, Berlin Verlag 2015, 125 S., Fr. 23.90

Am Ende denkt er an Jorge Luis Borges, den argentinischen Dichter, der das letzte Viertel seines Leben blind zugebracht hat. Er denkt an Luis Buñuel, den Regisseur, der seine letzten beiden Filme wie Stummfilme gedreht hat – weil er nichts mehr gehört hat. Er denkt, mit anderen Worten, an Menschen, die etwas Wichtiges verloren haben.

Abschied von den Freuden

In dieser Lage nämlich befindet sich die Hauptperson dieses schmalen Romans von Tahar Ben Jelloun, der weiss, wovon er schreibt. Denn auch bei ihm ist einmal Prostatakrebs diagnostiziert worden. Genau dies widerfährt dem namenlosen Protagonisten von «Der Einschnitt», einem fünfzigjährigen Mathematiker, der den Freuden des Lebens sehr zugetan ist. Mit einer intensiven erotischen Szene setzt die Beschreibung seiner Katastrophe auch ein.

«Komm bitte vorbei»

Ausgelöst hat diese Katastrophe eine Freundschaft. In Athen hat er an einem Kongress zu «Medizin und Mathematik» Professor J. F. kennengelernt, den wohl besten Urologen in Paris. Von ihm nimmt er das Angebot an, sich untersuchen zu lassen. «Komm bitte vorbei, ich muss mit dir reden», sagt J. F. am Telefon, als die Ergebnisse vorliegen. Er rät, die von Krebs befallene Prostata zu entfernen. Danach werde er «ein Mann minus eines gewissen Etwas» sein. Genauer gesagt: Ein Mann mit lahmgelegter Sexualität. Frauen begehrt er weiter, aber da unten rührt sich nichts mehr. Umso stärker peinigen ihn sexuelle Obsessionen.

J. F. hat ihn gewarnt: Es könne sein, dass er in ein Loch falle. Fünf Jahre zuvor hat er ganz überraschend seine Frau verloren, die bereits erwachsenen Kinder haben keine Zeit. Er ist allein mit sich und mit seiner Krankheit. Schrecklich allein. Wie sich das anfühlt, erzählt Tahar Ben Jelloun in kurzen Szenen, die den Leser nicht so rasch wieder loslassen. Es ist, über weite Strecken, das Protokoll eines Niedergangs.

Denn obwohl ihm nach seiner Operation niemand ansieht, dass ihm etwas fehlt, fühlt er sich amputiert, mehr noch: gedemütigt. Wozu nicht zuletzt beiträgt, dass er oft das Wasser nicht mehr halten kann.

Ein Rat von Cesare Pavese

Zwar geht er unverdrossen seinem Mathematiker-Beruf nach. In seinen schlaflosen Nächten aber versinkt er in tiefer Depression. Auch ein Wunderheiler kann ihm nicht helfen. Auch nicht die Erinnerung an das letzte Mal, da er vor der Operation seine Lieblingsprostituierte hat kommen lassen.

Dass ihm seine neuen weiblichen Bekanntschaften versichern, sein Zustand mache ihnen nichts aus, tröstet ihn nicht. Im Gegenteil. Am Ende steht kein Happy End.

Aber er nimmt sich einen Satz des Dichters Cesare Pavese zu Herzen: «Man befreit sich nicht von einer Sache, indem man sie umgeht, sondern nur, indem man sie durchquert.»

Aktuelle Nachrichten