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Der österreiche Künstler Erwin Wurm zeigt im Kunstmuseum Luzern 600 verrückte Zeichnungen

Der Österreicher Erwin Wurm ist ein Liebling der internationalen Kunstszene. Mit seinen «One Minute Sculptures» eroberte er vor einigen Jahren die Herzen der Museumsbesucher im Sturm. Das Kunstmuseum Luzern zeigt jetzt seine nicht minder skurrilen Zeichnungen.
Julia Stephan
Erwin Wurm, "The New World", Venedig, 2016. Collage und Farbstift auf Papier. (Bild: Pro Litteris)

Erwin Wurm, "The New World", Venedig, 2016. Collage und Farbstift auf Papier. (Bild: Pro Litteris)

Irgendwo ist immer der Wurm drin. Da eine skurrile Text-Bild-Schere – ein aquarelliertes Männerporträt nennt sich «Durchfall» – dort eine Körperproportion abseits der Norm. Und ehe man sich versieht, verschwindet die Anmut einer Sängerin im schwarzen Loch ihres weit aufgerissenen Rachens.

Willkommen in der Welt des Erwin Wurm, welche das Paradox unserer Existenz in einprägsamen Bildern hochleben lässt! Im Kunstmuseum Luzern kann man derzeit 600 dicht gehängte Wurm-Zeichnungen in der von Eveline Suter kuratierten Ausstellung «peace & plenty» bewundern. Im Herbst wird dieser Mikrokosmos dann nach Wien in die Albertina auswandern, mit der das Kunstmuseum Luzern eine gemeinsame Publikation erarbeitet hat, die für Wurm-Fans so manches Kleinod bereithält.

Selbstporträt als Darmgesicht

«Die Realität ist unser Problem», hat der österreichische Künstler einmal gesagt. Die Realität zieht er ohne sich selbst zu schonen immer wieder gerne durch den Kakao. Das geht so weit, dass er sich auch mal mit Darmwindungen im Gesicht porträtiert – schliesslich kommt dieser Ideenreichtum bei ihm nicht selten aus dem Bauch heraus. 2011 stellte er an der Biennale in Venedig das Familienhaus seiner Eltern vor einen venezianischen Palazzo – zuvor hatte er die Proportionen des Hauses derart verfälscht, dass die Fassade wie ein lächerlicher schmaler Streifen wirkte. Ein Seitenhieb auf die Engstirnigkeit des bürgerlichen Milieus, aus dem er stammt. 2017 stellte er, ebenfalls an der Biennale, vor den österreichischen Pavillon einen umgekippten Truck und machte mit einem Wohnwagen im Pavilloninneren publikumswirksam und plakativ auf Migration und Flucht aufmerksam – von dieser Aktion gibts in Luzern einige Skizzen.

Der Kunstmarkt, den Wurm einst als «Hyäne» bezeichnet hat, liebt ihn dafür und verzeiht ihm auch so manche Wiederholung – obwohl seine partizipativen One-Minute-Sculptures und sein Spiel mit dem Körpervolumen an manches erinnert, was andere Jahrzehnte vor ihm probiert haben – man denke nur an den deutsche Konzeptkünstler Franz Erhard Walther.

Erwin Wurm, Asthma, 2017, Wasserfarbe auf Papier PD

Erwin Wurm, Asthma, 2017, Wasserfarbe auf Papier PD

Rauchende Asthmatiker und posierende Revolverhelden

Genau diese «One Minute Sculptures», die Kunsthausbesucher nach skurrilen Handlungsanweisungen mit Alltagsgegenständen posieren lassen, haben Wurm aber zur Marke gemacht. Die Red Hot Chilli Peppers möblierten daraufhin ihr Musikvideo zum Song «Can’t Stop». Die Zahl seiner Ausstellungen reisst seither nicht ab. Auch in Luzern sind Skizzen der «One Minute Sculptures» zu sehen. Doch damit erschöpft sich das in Luzern Präsentierte nicht. Viele Zeichnungen stehen auch für sich. Rauchende Asthmatiker gibts da zu sehen und posierende Revolverhelden.

Als viel umherreisender Künstler ist für Wurm das Zeichnen die unmittelbarste Ausdrucksform. Seit Jahrzehnten skizziert er Freunde und Kuratoren beiläufig und im festen Glauben an den schnellen Wurf während des Ausstellungsaufbaus. Aber auch grosse Figuren der Geistesgeschichte in manch kleinlicher Posse hat er gezeichnet, ein Zeugnis seines tiefschwarzen österreichischen Humor. Auf den Zeichnungen entdeckt man immer wieder auch den Karrikaturisten, der die Stirn seines Objekts der Wissbegierde präzis in Falten legt und allerhand Scherze mit seinem Körperumfang treibt. Dabei verwendet Wurm das Werkzeug, das er gerade vorfindet: Bleistift, Aquarell, Kugelschreiber oder Farbstift – manchmal darfs auch der Papierblock des Hotels sein, in dem er gerade residiert. Er ist da nicht eitel.

Persönlichste Ausdrucksweise

Längst stemmen Assistenten seine schweren Skulpturen in Schieflage. Wurms Zeichnungen sind deshalb das Persönlichste, was wir von ihm kennen. Da verwundert es nicht, dass man all die Kniffe seiner skulpturalen Arbeiten wiederentdeckt. Und dann lacht man entweder laut auf. Oder rümpft sich die Nase. Oder tut beides.

Erwin Wurm – «peace & plenty». Bis 23.9. Kunstmuseum Luzern. www.kunstmuseumluzern.ch

Wir verlosen 5x2 Kunstmuseums-Eintritte. Wählen Sie bis Sonntag, 10.6. die Telefonnummer 0901 83 30 25 (1.50 Franken/Anruf), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.

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