Da capo, bitte: Die Kunst der Zugabe

Am Montag holt Grigory Sokolov in St. Gallen sein wegen Krankheit verschobenes Konzert nach. Er wird wohl wieder einige Zugaben spielen.

Martin Preisser
Drucken

Fünf bis sechs Zugaben liegen bei Grigory Sokolov locker drin. Das wird bei seinem Gastspiel in der Tonhalle sicher wieder der Fall sein. Dann wird der Meisterpianist mit kleinen Perlen wie immer einen Bogen vom Barock zur Romantik spannen und nochmals sein klangliches Können zeigen. «Ich spiele einfach gerne», sagt Sokolov kurz und bündig.

Nicht immer selbstverständlich

Zugaben sind fester Bestandteil des (nicht nur) klassischen Konzertrituals, aber sie sind nicht selbstverständlich. Wenn der eher schwierige Italiener Arturo Benedetti Michelangeli sich einmal zu einer Zugabe durchringen konnte, so war das ein Zeichen, dass er sich am Konzertort wohl und gut betreut gefühlt hatte. Der chilenische Pianist Claudio Arrau war ein strikter Gegner von Zugaben. Nach einem bewusst abgestimmten Programm würden Zugaben die Gesamtaussage eines Rezitals verwässern, meinte er.

Beglückter Komponist

Zugaben gibt es seit vielen hundert Jahren in der Musik. Manche Opernarien von Mozart mussten bis zu dreimal wiederholt werden. Da-capo-Rufe waren für Komponisten immer ein beglückendes Zeichen, dass spezielle Partien ihrer Werke unmittelbar Gehör fanden. Zugaben können Wiederholungen von Teilen des schon gespielten Programms sein, meist sind es aber zusätzliche Stücke, vorher geplant und entsprechend geübt. Das Publikum liebt das Ritual der Zugabe, kann es doch mit der Stärke des Beifalls die Menge der Zugaben ein wenig steuern und der Künstlerin oder dem Künstler zeigen, dass es nochmals von der schon gezeigten hohen Kunst kosten möchte.

Zugaben gibt es in Sinfoniekonzerten oft nach dem Solokonzert, wenn sich der Solist noch kurz ohne Orchester präsentiert. Orchesterzugaben sind im Konzertbetrieb seltener, aber auch da gibt es berühmte Rituale, wie das «Muss» des Radetzkymarsches von Johann Strauss zum Abschluss des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker.

Wogen glätten – oder drauflegen

Aus Zugaben kann man, wenn man mag, ein wenig Rückschlüsse auf das Wesen des Musikers ziehen. Da gibt es die, die nach einem bombastischen Solokonzert oder einem anstrengenden Rezital etwas «Leichtes» und Besänftigendes spielen, sozusagen die emotionalen Wogen glätten, bevor das Publikum den Heimweg antritt.

Dann gibt es die, die mit rassigen Virtuosennummern aufwarten, sozusagen den Eindruck technischen Könnens noch toppen wollen. Oft machen Künstler mit einer bewussten Zugabenauswahl auch Appetit auf Tonträger, die vielleicht gerade diese Werke enthalten. Psychologisch interessant – und das bestätigen viele Musikerinnen und Musiker – ist, dass Zugaben meist noch ein Quentchen entspannter klingen. Die Last des Konzerts ist abgefallen, die Künstler atmen auf.

Das Publikum liebt Musiker, die mit Zugaben nicht geizen, wie Grigory Sokolov. Anders als dieser hat es sein russischer Kollege Igor Shukow vor vielen Jahren bei einem Konzert im Rahmen der Amriswiler Konzerte getan: Statt ein paar Nümmerchen hat er ein einstündiges Konzert dazugegeben, mit einer Beethoven-Sonate und zwei bravourösen Liszt-Stücken. Das Publikum blieb begeistert bis zum letzten Ton im Saal.

Grigory Sokolov mit Werken von Beethoven und Schubert. Mo, 24.6., 19.30 Uhr, Tonhalle St. Gallen