CROWDFUNDING: Kreatives Geldsammeln für gutes Karma

Einfach war die Finanzierung von Kulturprojekten noch nie. Seit Internet-Plattformen Schwarmfinanzierung anbieten, etabliert sich diese Geldbeschaffung. Vier Kulturschaffende aus der Region berichten über ihre Erfahrungen.

Hansruedi Kugler
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Bitte und Danke für guten Zweck: So funktionieren Opferstöcke in der Kirche wie auch modernes Crowdfunding. (Bild: Gerhard Trumler/Imagno)

Bitte und Danke für guten Zweck: So funktionieren Opferstöcke in der Kirche wie auch modernes Crowdfunding. (Bild: Gerhard Trumler/Imagno)

Hansruedi Kugler

Dieter Langhart

Kreative sind geübt in fantasievoller Geldbeschaffung: Spendenbarometer auf dem Dorfplatz für die Neuuniformierung der Musikgesellschaft; Versteigerung alter Kinosessel für die Kinorenovierung; Dankes-Stickerei auf gesponsorten Kleintheaterkissen. Allen gemeinsam ist, dass man sein Projekt auf möglichst vielen Kanälen bekannt macht und den Spendern, die auch anonym bleiben können, eine Gegenleistung bietet. In der Regel ist diese symbolisch: vom Dankesbrief für die Mitfinanzierung der neuen Pfadihütte bis zum VIP-Abend nach der Theaterpremiere. Das in den letzten Jahren stark gewachsene «Crowdfunding» (Schwarmfinanzierung) ist also grundsätzlich keine neue Idee. Neu daran ist, dass man so übers Internet unbegrenzte Reichweite erhält. Theoretisch zumindest. Denn die Erfahrung zeigt: Es spenden überwiegend Freunde und Bekannte. Etwas salopp gesagt der Facebook-Freundeskreis.

Ständige «Bettelei» auf allen Kanälen

Rund 20 Crowdfunding-Plattformen gibt es in der Schweiz. Auf kulturelle Projekte spezialisiert haben sich Wemakeit und 100 Days. Deren Leitspruch: Seid nicht schüchtern! Erfolgreich bewerbe man sein Projekt nur, wenn man ein tolles, selbst produziertes Video, gute Bilder und Texte auf die Plattform stelle. Und wenn das Projekt dann auf der Plattform aufgeschaltet ist, beginnt die ständige «Bettelei», auf allen sozialen Kanälen. So hat in der Ostschweiz etwa Renato Kaiser vor vier Jahren sein Buch «Uufpassä, nöd aapassä» mitfinanziert, der Journalist Stefan Millius im gleichen Jahr seinen Dokumentarfilm «Die zehn Verbote» und das Kaffeehaus in St. Gallen eine Kaffeeröstmaschine. Bei den meisten Projekten finanziert das Crowdfunding fünf bis zehn Prozent der Gesamtkosten. Es ist also eine ergänzende Teilfinanzierung. Hauptgeldgeber für Kulturprojekte sind nach wie vor die öffentliche Hand, Stiftungen und Eigenleistungen inklusive Verkaufseinnahmen.

Katrin Meier, Leiterin Amt für Kultur des Kantons St. Gallen, begrüsst das Crowdfunding: «Wir haben deshalb den Aufbau der Plattform Wemakeit in den Jahren 2015 und 2016 mitfinanziert.» Auf ihre Förderpraxis habe das Crowdfunding aber keinen Einfluss, «diese Geldbeschaffung betrachten wir als Teil der privaten Beteiligung, die wir nach dem Subsidiaritätsprinzip an die Vergabe unserer Fördergelder knüpfen. Wie sie sich zusammensetzt, überlassen wir aber den Kulturschaffenden.»

Dichter Kulturkalender, Gemeinden in der Pflicht

Auch Martha Monstein, Leiterin Kulturamt des Kantons Thurgau, hält Crowdfunding für eine «interessante Ergänzung zur staatlichen Förderung». Denn im Kulturbereich herrsche immer mehr Konkurrenz, aber die Fördergelder nähmen nicht zu. Und kaum ein Kulturprojekt sei selbsttragend. Für Martha Monstein ist Crowdfunding wie ein Gönnerverein, «es schafft Bindung und vergrössert den Kreis von Unterstützern». Die Zahl der Gesuche an das durch den Lotteriefonds alimentierte Kulturamt nimmt ausser im Bereich Kulturvermittlung leicht ab, da die regionalen Kulturpools mit Gemeinde- und Kantonsmitteln Projekte in ihrer Region unterstützen. Wird ein Gesuch ans Kulturamt abgelehnt, gibt das Kulturamt eine Begründung, «auf Wunsch mündlich auch ausführlicher». Martha Monstein hat auch privat schon diverse Crowdfunding-Projekte unterstützt. «Aber ich habe auf eine Gegenleistung verzichtet.»