Corona macht kreativ: Die St.Galler Compagnie tanzt mit Hockern in die Freiheit.

Mit der Choreografie «Pause + Play» meldet sich die Tanzcompagnie des Theaters St.Gallen zurück und setzt im Stadtpark Musik von Johann Sebastian Bach in Szene.

Martin Preisser
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«Pause + Play»: Sich neuen Bewegungsspielraum ertanzen.

«Pause + Play»: Sich neuen Bewegungsspielraum ertanzen.

Bilder: Michel Canonica

Die Abstandsregeln, die auch auf der Bühne gelten, hat die Tanzcompagnie des Theaters St.Gallen als künstlerische Herausforderung angenommen. Heisst: Eng gesteckte Vorgaben so mit der nötigen künstlerischen Freiheit füllen, dass diese Vorgaben kaum mehr spürbar werden. In diesem Spannungsfeld hat Kinsun Chan sein Nach-Corona-Stück «Pause + Play» im Rahmen der Parkspiele choreografiert.

In nur zwei Wochen ist ein Tanzstück entstanden, dass den Weg zwischen erzwungener «Bewegungslosigkeit» und dem Drang nach Freiheit im Tanz nachzeichnet. Eine Situation, die in Coronazeiten jeder in einer ganz eigenen Form gespürt haben dürfte. Einen solchen Weg auf einer relativ kleinen Freiluftbühne auszuloten, was könnte da besser passen als die Musik von Johann Sebastian Bach, als zehn Tanzsätze aus seinen intimen Suiten für Violoncello solo. Diese Musik ist für einen Spieler geschrieben, und doch wirkt sie nie einsam, sondern oft gar orchestral. Fernando Gomes, Solocellist im Sinfonieorchester St.Gallen, hat mit seinem intensiven und farbigen Spiel den Tanz so angestachelt wie zusammengehalten, hat stets lebendige Impulse gegeben, von welchen sich die Tänzerinnen und Tänzer gerne verführen liessen.

Cellist Fernando Gomes gibt für die Tänzerinnen und Tänzer lebendige musikalische Impulse mit Sätzen aus Bachs Suiten für Violoncello solo.

Cellist Fernando Gomes gibt für die Tänzerinnen und Tänzer lebendige musikalische Impulse mit Sätzen aus Bachs Suiten für Violoncello solo.

Aufbruch aus Lähmung und Stillstand

Die eher schwermütigen langsamen Sarabande-Sätze mochten die Lähmung nachzeichnen, die ein künstlerischer Lockdown bedeuten kann. Oder jedenfalls die Melancholie des Stillstands. Den Stillstand hat diese 45-minütige Choreografie auch durch Hocker symbolisiert, die zum fast durchgehenden Bühnenelement wurden. Diese Hocker schaffen in vielen Szenen Distanz, aber auch immer eine zusätzliche Verbindung zwischen den Tanzenden. Die Befreiung vom Zwang sitzen zu müssen ruft dann der leichtfüssige Fluss der schnellen, quirligen Bach’schen Tanzsätze ganz natürlich hervor. Die Courante- oder Gigue-Sätze bedeuten Aufbruch, Wunsch nach Freiheit, nach Bewegungsspielraum.

Vor und hinter dem Zaun: Die erste Tanzproduktion nach dem Lockdown lockte am Samstag viel Publikum in den St.Galler Stadtpark.

Vor und hinter dem Zaun: Die erste Tanzproduktion nach dem Lockdown lockte am Samstag viel Publikum in den St.Galler Stadtpark.

Diesen erobert sich die Tanzcompagnie nicht einfach vordergründig, sondern passend zur Nach-Lockdown-Stimmung mit achtsamem Respekt. In der fünften Szene mit zwei Bach-Menuetten kommt ein Schuss Andacht, ja Demut ins Spiel, in der achten Szene mit zwei Bourrées ein Moment einer rituell-religiösen Versammlung.

17 Bilder

Eine Choreografie, die schnell entstanden ist, eine, bei welcher der Zollstock eine entscheidende Rolle gespielt hat: Dieses Spiel mit den Abständen gerät vielfältig und von Bach fantasievoll inspiriert. Dass es in der Tanzcompagnie Mitglieder gibt, die privat zusammen wohnen, erweist sich als Glücksfall, gewährt das doch ein paar gelungene Pas de deux-Szenen.

«Pause+Play», 25.6., 2. und 8. 7., je 20 Uhr, Stadtpark St.Gallen