Contrapunkt mit Musik aus dem Innenohr

Das Contrapunkt-Konzert vom Freitag im Pfalzkeller bot eine Aufführung von Beat Gysins «Feigels Mosaik» durch die Basler Madrigalisten, das Ensemble Phoenix und das Experimentalstudio des SWR.

Charles Uzor
Drucken
Teilen
Der Basler Komponist Beat Gysin. (Bild: pd/Roland Schmid)

Der Basler Komponist Beat Gysin. (Bild: pd/Roland Schmid)

Als John Cage realisierte, dass absolute Stille nicht möglich ist – auch im schalltoten Raum erzeugt das Blut im Ohr bestimmte Frequenzen –, fiel er in eine existenzielle Krise. Allerdings gab diese Erfahrung dem buddhistisch inspirierten Komponisten neue Impulse für eine Klänge und Geräusche integrierende Musik. Vielleicht beginnt hier die Aufführung von Beat Gysins Zyklus «Feigels Mosaik» nach Gedichten von Suzanne Feigel.

Musikalische Installation

Im «inszenierten Konzert in acht Raumanordnungen» erlebt man eine musikalische Installation, die verspielt Klänge, Geräusche, Licht und Farben verbindet. Mit einfachen, präzis eingesetzten Mitteln werden Klangreize zum Schattenspiel, das zwischen Tag und Traum oszilliert: Lautsprecher, Kopfhörer, leuchtende Stellwände und der Gewölberaum selber, in dem sich acht Vokalisten und fünf Instrumentalisten mosaikartig postieren.

Der Zyklus beginnt mit Störgeräuschen und einer Schwebung. Dann eine Klarinette, Violine, Stimme, ein Klavier, eine Klangmaschinerie – fast nichts und doch eine formal durchdachte Spannung, die durchs Konzert anhält. Statische Klänge, mit oder ohne Instrumental-Körper, beginnen im Raum zu wandern, eine Musik von charmanter Eindringlichkeit entsteht. Manchmal scheint man nicht zu hören, was man sieht, manchmal «sieht» man geradezu den Klang. Selten erlebt man Mikrotöne so differenziert gesungen und gespielt, oder eine solche Zurückhaltung von Solisten und Dirigent (Francesc Prat) zugunsten des Ensembles.

Etüde über «Traumtiere»

Beeindruckend auch das zweite Stück «Traumtiere», eine schwindelerregende Etüde über Glissandi und die unendliche Distanz von einem Ton zum nächsten. Schreie und Schritte, Geister, die von einem Ohr zum andern wandern und dem Publikum irritierende Runen ins Ohr flüstern. Ein Juwel synästhetischer Komposition ist das Mittelstück «Ich rufe», das wie eine schwimmende Insel zarteste instrumentale und vokale Farben mit elektronischen Klängen umfasst. Obwohl solche Effekte wie auch die Schluckauf-Rhythmen und Phänomene von Kontinuum und Distanz direkt erlebbar sind, sind die Gedichte nicht wirklich fassbar. Trotz «Kann nit verstan» des Wortsinns bleibt diese exzellente Aufführung ein grosser Genuss. Eineinhalb Stunden verfliegen im Nu.