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Compagnie Buffpapier: Echte Wrestler im falschen Ring

Treudoof, unbeholfen, tollpatschig – und trotzdem gewinnt er jeden Kampf: Mit «Falsh Gordon» hat die St.Galler Compagnie Buffpapier einen sympathischen Antihelden geschaffen. Doch die wahren Stars ihres neuen Stücks sind zwei Wrestler aus Lausanne.
Julia Nehmiz
Höhepunkt des Abends: Die Lausanner Wrestler Kurt Simmons und Elias Richter kämpfen gegen den schusseligen Falsh Gordon. (Bild: Urs Bucher)

Höhepunkt des Abends: Die Lausanner Wrestler Kurt Simmons und Elias Richter kämpfen gegen den schusseligen Falsh Gordon. (Bild: Urs Bucher)

Ein Tourist tapst auf die Bühne. Er schaut sich schüchtern um, staunt andächtig: Treppenpodest, ein Gong, zwei goldene Stellwände – und ein grosser Boxring. Rot gespannte Seile, der Boden mit schwarzem Samt bezogen. Vorsichtig klettert er in den Ring. Tänzelt mit den Füssen, boxt mit einem Luftgegner. Plötzlich wendet er sich ans Publikum: Man solle so tun, als hätte man ihn nicht gesehen, er mache nichts. Sein Kurdisch wird simultan übersetzt. Er klappt eine Bodenluke im Ring auf. Lächelnd verschwindet er.

Da stürmt ein verklemmter Wutbürger die Bühne, schreit nach Polizei, hier habe sich ein Flüchtling versteckt. «Wir haben nicht genug Platz für alle!» Seine Stimme überschlägt sich.

Absurde Menschwerdung, absurde Heldenverehrung

Die Compagnie Buffpapier zeigt sich in ihrer neuen Produktion ungewohnt politisch. «Falsh Gordon» heisst ihr Stück, in Koproduktion mit dem Berner Theater Tojo entstanden, feierte es am Mittwoch im Palace St. Gallen Premiere. Falsh Gordon, ein clownesker Antiheld, der zufällig alle Kämpfe gewinnt. Nicht wie das Original Flash Gordon, 1934 als Comicstrip entstanden: Der Superheld rettet die Erde mehrfach und besiegt den bösen ausserirdischen Tyrannen Ming.

Falsh Gordon und Tyrann Ming beim gemeinsamen Posen. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Falsh Gordon und Tyrann Ming beim gemeinsamen Posen. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Flash Gordon musste sich schon zuvor Parodien unterziehen: Der Kultfilm von 1980 mit Musik der Rockband Queen («flash – aaaaaah») ist durchsetzt mit trivialem Comic-Realismus. Der Film nehme sich selbst und das erfolgreiche Genre auf den Arm, befand der «Spiegel».

Diese Flughöhe erreicht «Falsh Gordon» nicht ganz. Die preisgekrönte St. Galler Companie Buffpapier, die seit dem Jahr 2000 mit grotesken Produktionen an der Schnittstelle zwischen Schauspiel, Varieté und Strassentheater von sich reden macht und eine eigene Ästhetik kreiert hat, zeigt zwar einen Abend mit absurder Menschwerdung, noch absurderer Heldenverehrung, aber auch mit deutlichen Längen.

Mit Wumms krachen zwei Wrestler in den Ring

Kaum sind Flüchtling und Wutbürger verschwunden, entspinnt sich die eigentliche Geschichte um Falsh Gordon. Eine Horde Schwarzgekleideter kriecht amorph auf die Bühne. Deformierte Körper, unförmige Glatzen, ohne Sprache. Sie können nur stöhnen und debil lachen. Ein Wrestling-Tanz im Ring wird zum Kampf um Perücken und T-Shirts. Und mit Haar und Kleidung kommt Sprache. Die sechs entpuppen sich als Extrem-Fans von Falsh. Der gibt ihrem armseligen Leben einen Sinn. Eine wunderbare Figur: Treudoof gewinnt er – aus Versehen – jeden Kampf.

Wer ist Fan? Wer ist der echte Falsh? (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Wer ist Fan? Wer ist der echte Falsh? (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Regisseur Stéphane Fratini findet immer wieder poetische, ästhetische, komische Bilder. Doch bis es endlich zum Kampf kommt, dehnt sich der Abend in zu vielen Wiederholungen. Dann knallt’s: Mit Wumms krachen zwei Wrestler ihre Show in den Ring. Mit brachialer Energie und Spass an der Show zeigen Kurt Simmons und Elias Richter, warum sie in der Liga Swiss Power Wrestling kämpfen. Klar, dass Falsh gewinnt.

Der weiteren Handlung (Tyrann Ming bekämpft Falsh, Falsh stirbt, Fans trauern, Flüchtling wird verhaftet, Falsh ersteht auf und rettet ihn) hätte Straffung gutgetan.

Grenzdebile Glatzenwesen erobern den Ring. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Grenzdebile Glatzenwesen erobern den Ring. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Stark dann der Schluss: Die Fans ziehen sich lachend die Perücken vom Kopf – alles nur ein Spiel! Sie degenerieren zu den dumpfbackigen, deformierten Wesen ohne Sprache. Der Flüchtling geht ratlos ab: «Wo kann ich denn hin? Euer Paradies könnt ihr behalten.»

Was bleibt: Perücken, Shirts, vorhin noch begehrte Statussymbole eines glücklichen, erfolgreichen Lebens, liegen sie jetzt achtlos weggeworfen auf dem Boden. Schön ausgeleuchteter Zivilisationsmüll. Die Deformierten, das sind keine Ausserirdischen. Die Deformierten sind wir.

Compagnie Buffpapier: «Falsh Gordon» bis 17.3.2019 im Palace St.Gallen; 21.-23.3. 2019 Theater Tojo Bern

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